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Interview zum Feinstaub-Alarm in Stuttgart Alarm schlagen ohne Belastung?

Strahlender Sonnenschein in Stuttgart, die aktuellen Feinstaubwerte im Internet niedrig - ist der Feinstaub-Alarm etwa nur Schikane? Was erwartet sich Stuttgart davon? Wann wäre der Alarm ein Erfolg?

Feinstaub Dunstglocke über Stuttgart Blick vom Fernsehturm

Dunstglocke über Stuttgart oder nicht? Blick vom Fernsehturm von Montagmorgen

Interview mit Dr. Ulrich Reuter, dem Leiter der Abteilung Stadtklimatologie beim Umweltamt der Stadt Stuttgart. Die Fragen stellte Thurit Kriener.

Der Grenzwert für Feinstaub liegt bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter im Tagesmittel. Auf der Website der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg konnte man am Montagvormittag einen Stundenmittelwert für Stuttgart-Bad Cannstatt von 17 Mikrogramm lesen. Das klingt jetzt nicht besonders besorgniserregend. Warum dennoch der Feinstaub-Alarm?

Von einer Inversionswetterlage spricht man, wenn es am Boden kälter ist als in der Höhe. Weil dann kein Wind weht, wird die Luft nicht durchmischt.

Das Kriterium für den Feinstaub-Alarm ist nicht, sind die Grenzwerte schon erreicht. Die Feinstaub-Werte sollen erst gar nicht hoch werden. Das Kriterium ist die Wetterlage. Alarm wird dann ausgelöst, wenn eine austauscharme Wetterlage länger als einen Tag anhält. Es gibt einen großen Zusammenhang zwischen Wetterlage und hohen Luftschadstoffwerten. Bei Inversionswetterlage steigen die Werte. Am Freitag und Samstag war erkennbar, dass wir so ein Wetter bekommen, deshalb haben wir Alarm ausgelöst.

Haben wir denn momentan die Inversionswetterlage, mit der Sie gerechnet haben? Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nur Sonnenschein. Ich dachte, es müsse dann eine dicke Dunstschicht über Stuttgart hängen.

Wir haben Inversionswetterlage in Stuttgart. Auch für Laien ist das vielfach dadurch erkennbar, dass es trotz Sonnenschein in niedrigen Lagen recht dunstig ist. Zum Auslösen des Alarms sind aber noch weitere Kriterien wichtig: zum Beispiel fehlender Regen oder auch die falsche Windrichtung. Am besten kann man es so ausdrücken: Alarm wird bei Wetterlagen mit schlechter Luftdurchmischung ausgelöst. Und weil sich das Wetter präzise nur kurzfristig vorhersagen lässt, ist bisher auch noch nicht sagbar, wie lange der Alarm andauert. Momentan gilt der Alarm bis mindestens Mittwoch. (Anmerkung der Redaktion: Der Feinstaub-Alarm wurde - nachdem wir das Interview geführt hatten - bis Donnerstag verlängert.)

Mit welchem Feinstaub-Anstieg hätten Sie bis Mittwoch ohne Alarm gerechnet?

Überschreitungen der Feinstaub-Grenzwerte im Jahr 2015: Am Stuttgarter Neckartor kam es zu 72 Überschreitungen, an der Messstelle Hohenheimer Straße zu 24. Toleriert werden pro Jahr 35 Überschreitungen.

Eine Größenordnung kann man sagen. Wenn wir Überschreitungen haben, dann liegen die bei 70 bis 80 Mikrogramm pro Kubikmeter im Tagesmittel. Zwischen 50 und 70 Mikrogramm, damit hätten wir bis Mittwoch gerechnet. Man wird versuchen, den Einfluss der Maßnahme im Nachgang zu evaluieren, aber das ist natürlich schwierig. Das ist so ähnlich, wie wenn Sie einen Hagelflieger fliegen lassen. Wenn es nicht hagelt, liegt das dann am Hagelflieger oder war das Unwetter gar nicht stark genug? Die Feinstaubwerte könnten bei dieser Wetterlage jedenfalls durchaus schon am Montag überschritten werden. In den kommenden Tagen baut es sich dann noch weiter auf. Maßgeblich sind hier übrigens die Messstationen, wo mutmaßlich hohe Werte entstehen, also nicht Bad Cannstatt, sondern Neckartor und Hohenheimer Straße wegen der Straßennähe. Dort haben wir die meisten Grenzwertüberschreitungen.

Mit welchem Feinstaub-Anstieg rechnen Sie mit Alarm?

Das hängt vom Befolgungsgrad ab, also von der Mitwirkung der Bürger. Wenn sich wenige danach richten, wird es zu Grenzwert-Überschreitungen kommen. Wenn sich viele danach richten, nicht.

Wie viele Leute müssen denn ihr Auto stehen lassen, damit man es an den Werten merkt?

Das lässt sich nicht genau quantifizieren. Je mehr sich daran halten, umso besser. Es hängt auch davon ab, wie stark die Austauschwirkung der Wetterlage ist. Im Extremfall sollten 50 Prozent ihr Auto stehen lassen. Wünschenswert wäre es, wenn 20 Prozent ihr Auto stehen lassen, das ist das erklärte Ziel des Oberbürgermeisters. Wie viele man genau braucht, dazu wird derzeit gerade ein Gutachten erstellt.

Wenn der Feinstaub bis Mittwoch bei einem Tagesmittelwert von 30 Mikrogramm bleibt, ist das dann ein Erfolg?

Das ist sicher ein Erfolg, wobei man den Vergleich nicht hat, wie es ohne gewesen wäre. Jeder Tag, an dem wir unter dem Grenzwert von 50 Mikrogramm bleiben, ist für sich genommen schon ein Erfolg.

Geht es beim Feinstaub-Alarm wirklich nur um Feinstaub oder auch um andere Luftschadstoffe?

Primär geht es um den Feinstaub. Die zweite Komponente, die Probleme macht, ist NO2, also Stickstoffdioxid. Auslöser war die Feinstaubproblematik, aber der Alarm hilft auch gegen NO2. Selbstverständlich nimmt man den Effekt mit. Der Alarm ist also auch eine Maßnahme zur Stickstoffdioxidreduktion.

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