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Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz Urlaub im Südwesten statt am Mittelmeer

Mehr als 80 Milliarden Euro geben die Deutschen dieses Jahr für Urlaubsreisen aus. Fast ein Drittel der deutschen Urlauber bleibt in den Ferien im eigenen Land. Aus Furcht vor Terroranschlägen?

Eine Familie macht einen Ausflug mit dem Kanu

Entspannen auf dem Wasser - auf Flüssen und Seen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz

Ein guter Teil des Reisebudgets der Deutschen fließt in den heimischen Tourismus. Fast ein Drittel aller deutschen Urlauber verbringt die Ferien im eigenen Land - gerne im Südwesten. Praktisch alle deutschen Ferienziele geben konsequent Geld aus für Werbung und investieren, damit die Urlauber auch wieder kommen. Der deutsche Südwesten kann hier neuerdings punkten und verzeichnet mehr Übernachtungen - trotz des weltweit stagnierenden Reisemarkts.

Gespräch mit Professor Martin Lohmann, Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) Kiel, Dozent an den Universitäten Lüneburg, Wien und Innsbruck

Wo liegen Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz aktuell im Vergleich mit Urlaubszielen am Meer und im Gebirge?

Die Füße eines Wanderers und die Reifen eines Mountainbikers in einem Wald

Reizvolle Ziele für Wanderer und Biker gibt es in beiden Bundesländern

Baden-Württemberg gehört zu den fünf beliebtesten Reisezielen in Deutschland mit seinen verschiedenen Attraktionen: Schwarzwald, Bodensee und den Städten - Stuttgart oder Freiburg zum Beispiel.

Rheinland-Pfalz liegt als längeres Urlaubsreiseziel eher weiter hinten, ist dafür aber als Kurzurlaubsreiseziel bedeutend und - wie Baden-Württemberg - auch bei unseren Nachbarn aus Frankreich beliebt.

Die Schweizer sind die wichtigste Gruppe der Auslandstouristen in Baden-Württemberg. In Rheinland-Pfalz sind es interessanterweise die Niederländer.

Hat der Südwesten für die Auslandskundschaft an Attraktivität gewonnen?

Waschweib Mimi bei ihrer humorvollen Stadtführung durch das Karlsruher Barock

Kreative Touristiker: Stadtführung in Karlsruhe mit Waschweib Mimi

Man gibt sich ja überall in Deutschland - auch im Südwesten, in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, aber auch im Saarland - viel Mühe, den Ansprüchen der Touristen gerecht zu werden. Das hat zu vielen Verbesserungen geführt: Bei Campingplätzen, bei Hotels, beim gastronomischen Angebot, bei den Wanderwegen und dergleichen.

Die touristischen Erfolge der Vergangenheit zeigen, dass sich das auszahlt. Egal, an welcher Stelle man innerhalb Deutschlands oder bei der Konkurrenz liegt - Wachstum im Tourismus zu haben, ist in einem insgesamt eher stagnierenden Markt wirklich ein klasse Erfolg. Wenn wir den verbuchen können, dann bedeutet das, dass man sich besonders angestrengt hat und dass das die Kunden honorieren.

Auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) Berlin wurden gerade für beide Bundesländer wachsende Übernachtungszahlen verzeichnet. Ist dieser Trend also richtiggehend herbeigeführt worden?

Ja. Damit stehen die beiden Bundesländer nicht alleine, das gelingt auch anderen in Deutschland - aber es gelingt ihnen eben auch. Das ist kein Schicksal oder Zufall.

Wellness, Wandern und Wein - sind das nach wie vor die Hauptgründe, warum Leute aus dem In- und Ausland in Südwest-Deutschland Urlaub machen?

Der Moselsteig-Wanderweg führt entlang der Mosel auch immer wieder durch Weinberge

Wandern und Wein: Entspannung pur

Das sind wichtige Gründe. Aber einer fehlt noch in dem Kanon, das ist sicher die Kultur.

Gerade bei den Städtereise-Zielen spielt Kultur eine ganz wichtige Rolle. Also kulturelle Events, aber auch Sehenswürdigkeiten, die frühere Generationen dort aufgebaut haben oder landschaftliche Sehenswürdigkeiten - auch das spielt eine große Rolle.



Auch Outdoor-Urlaub ist im Südwesten seit Jahren ein ständiger Wachstumsmarkt. Mountainbiking, Wandern und ähnliches: Ist das ein Megatrend?

Mountain biker in fast movement

Mountainbiken mit gehobener Ausstattung: Fitness und Entspannung im Urlaub

Für einen Megatrend halte ich das nicht. Was wir an Megatrend dahinter sehen, ist die Professionalisierung. Gewandert wurde früher auch schon und Fahrrad gefahren auch. Aber jetzt nimmt man das ernster. Man braucht bestimmte Ausstattungen. Die Ausstatter verkaufen mehr von ihren Rennrädern oder Mountainbikes, die es jetzt in den verschiedensten Varianten gibt. Da haben wir eine Differenzierung und Professionalisierung und deswegen fällt es mehr auf als früher.

Fahrrad, glückliches Paar

Aktiv sein in den Ferien wollen viele

Ganz gewandelt hat sich der Mensch also da nicht. Es hat aber dazu geführt - diese Outdoor-Bewegung oder Aktivurlaub hieß es früher - dass Dinge oder Tätigkeiten, die wir im Urlaub eigentlich ad acta gelegt hatten und für gestrig hielten, wie zum Beispiel Wandern, mittlerweile durchaus wieder sexy sind und gewonnen haben an Attraktivität. Insofern ist das eine gute Entwicklung, aber kein Mega-Trend, der nun ganz neu wäre.

Wie stark profitieren deutsche Ferienziele dieses Jahr davon, dass manche Urlauber wegen Terrorgefahren lieber nicht ins Ausland reisen wollen?

Passengers are evacuated from the terminal building after explosions at Brussels Airport in Zaventem near Brussels, Belgium, 22 March 2016.

Terroranschläge am Brüsseler Flughafen: Das Flughafengebäude wurde sofort evakuiert

Kaum. Natürlich ist es so, wenn von zehn Anbietern einer wegfällt, haben die anderen neun einen relativen Vorteil davon. Aber es ist nicht so, dass jetzt irgendein Ziel völlig von der Landkarte verschwinden würde. Die Anschläge in Brüssel haben uns die traurige Wahrheit vor Augen geführt, dass man überall - auch in Europa, auch in Deutschland - von einem Anschlag ereilt werden kann.

Ein Ziel deswegen nicht zu wählen, weil es dort auch passieren könnte, würde bedeuten, man müsste zu Hause bleiben und nicht einmal zu Hause wäre man sicher. Deswegen wird das alleine kein Kriterium und wahrscheinlich auch nicht für eine Umsteuerung der Reiseströme verantwortlich sein.

Wenn also Deutschland und die deutschen Reiseziele in diesem Jahr wieder einen großen Erfolg werden verbuchen können, dann wegen ihrer eigenen Qualitäten und ihrer eigenen Anstrengungen - nicht so sehr, weil woanders etwas Schreckliches passiert ist.

Das Gespräch führte Alfred Schmit, SWR Wirtschaft und Soziales

Online: Heidi Keller und Christine Trück

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