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Harald Schmidt im Interview "Mit versemmelten Gags kenne ich mich aus"

Harald Schmidt kann tun und lassen, was er will. Jetzt wollte er zu "SWR1 Leute" - und hat sich zur Sendung auf dem Flughafen Stuttgart selbst eingeladen. Im Gespräch mit Stefan Siller gab er sich gut gelaunt und gewohnt bissig. Empfangen wurde der Entertainer mit begeistertem Applaus.

SWR: Was sich hier gerade abspielt, das enthusiastische Publikum, kennst du ja aus deiner Show. Aber da gibt es Leute, die Schilder hochhalten, oder?
Nein. Ich würde niemals Schilder hochhalten lassen, auf denen "Klatschen" oder "Bitte lachen" steht. Da bin ich viel zu eitel. Bei mir hat das Publikum das Recht, auch eine Stunde zu schweigen, wenn's nicht gefällt.

Aber ein Warm-Up vorher gibt es schon?
Das mache ich selbst. Ich rede mit den Leuten, ziehe über Kollegen her, das kommt erfahrungsgemäß am besten an. Einzelne Leute, die vorlaut sind, ziehe ich aus dem Publikum raus, strafe sie ab für ihre östliche Herkunft - um ein bisschen Stimmung zu machen.

Was machst du, wenn du mal was vermasselst? Nochmal machen?
Nein. Erbarmungslos die Nicht-Reaktion aushalten. Wenn ich mich wo auskenne, sind es versemmelte Gags. Wenn man lange genug aushält, treten beim Publikum Schuldgefühle ein und einer fängt an zu klatschen. Mich hat das Publikum noch nie im Stich gelassen. Bei "Verstehen Sie Spaß" kam teilweise am Ende der Sendung die Reaktion auf den ersten Gag – aber sie kam. Man muss nur die Nerven haben, es durchzuziehen.

Du bist viel beschäftigt: Festes Ensemble-Mitglied am Stuttgarter Staatstheater, Autor einer regelmäßigen Kolumne und natürlich Donnerstags Abends die eigene Show im Ersten. Suchst du, wenn die Klappe für die letzte Sendung gefallen ist, schon nach Themen für die nächste Sendung oder verlässt du dich auf deine Zuschreiber?
Die Zuschreiber sind natürlich auch mit ausgefahrenen Antennen unterwegs. Es sind fünf Autoren, die schon seit 12, 15 Jahren, mit mir arbeiten. Dabei ist klar, in welche Richtung nach Material gesucht wird. Es gibt schwierige Wochen, in denen sich alles nur um Hartz IV oder nur um das Bundesverfassungsgericht dreht. Und dann gibt es Abende, an denen der Late-Night-Gott uns segnet: Dann fährt zum Beispiel Bischöfin Käßmann Auto. Das sind natürlich Abende, wo es von selbst läuft.

Aber die Arbeit fängt ja dort an, wo es thematisch schwierig wird, und da haben wir mittlerweile eine gute handwerkliche Methode entwickelt, wie wir dann in diesen Wochen die Sendung gestalten.

Aber im Moment sind die Zeiten für Kabarettisten doch glorreich – von Steuersündern, die sich selbst anzeigen, bis zu dem, was sich in deiner Glaubensgemeinschaft tut …
Ja, jetzt haben sich zwei gemeldet, die nicht missbraucht worden sind ... Das nimmt Ausmaße an, bei denen ich gar nicht weiß, wie die Kirche das überhaupt bewältigen will, ohne dass man den Staatsanwalt gleich mit ins Kloster nimmt.

Mit der Politik ist es schwierig. Wenn das Bundesverfassungsgericht entscheidet, dass die Datenvorratsspeicherung nicht verfassungskonform ist, ist das doch einigermaßen kompliziert und auch eine relativ trockene Materie. Unser Ansatz ist dann eher: Wozu noch mühevoll Daten speichern, wenn die Leute bei Facebook freiwillig alles reinknallen, von der letzen Darmspiegelung bis zum Wasserstand im Gebärmutterhals.

Wenn du mal alle Daten offenlegen würdest, die über dich gespeichert sind, wäre das doch ein sehr praktischer und persönlicher Ansatz, das Thema anzugehen.
Ich kann den Verfassungsschutz entlasten – mein Tagesablauf ist lückenlos dokumentiert ab dem Moment, in dem ich das Haus verlasse. An der Straßenecke ist schon der erste mit einem Fotohandy. Ich werde im Schnitt pro Tag zehn Mal gefilmt. So kann man feststellen, wo ich mich bewegt habe. Manchmal rufe ich auch Leute an und sage: Sie haben mich doch neulich im Zug bei Mannheim gesehen, wissen Sie noch, was ich da gelesen habe? Die haben das alle gespeichert, per SMS geschickt oder per Twitter. Ich war neulich im Theater, da musste die Vorstellung unterbrochen werden, da haben 90 Prozent das Handy rausgezogen und 'ne Meldung verschickt.

In deiner letzten Sendung ging es unter anderem um den Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Dort möchte Hannelore Kraft (SPD) den amtierenden Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers beerben. Ihr habt einen Slogan für sie erfunden, "Freude durch Kraft". Vielen fällt da die Kinnlade herunter …
(Anm. d. Red.: Die Gemeinschaft "Kraft durch Freude" (KdF) war eine Freizeitorganisation der Nationalsozialisten.)

Das ist generell so: Ich muss mich alle fünf Minuten schuldig fühlen, auch wenn es keine Ursache gibt. Wenn ich sagen würde: Ich habe gestern mit einem Juden Spaghetti gegessen, wird es im Publikum eisesstill. Wenn gewisse Begriffe fallen, ist der Durchschnitts-Kabarettbesucher mental erst mal sediert, weil ihm das gesamte deutsche Geschichtsbuch hochkommt. Ohne zu hinterfragen: Was wurde hier eigentlich gerade gesagt?

Aber das kann ich mittlerweile auf Knopfdruck abrufen, die Begriffe hat man drauf. Es gibt ja mittlerweile schon eine eigene Kategorie: "Bester Hitler" und "Bester Goebbels" in abendfüllenden Degeto-Filmen. Kürzlich musste sich Moritz Bleibtreu (als Darsteller in "Jud Süss - Film ohne Gewissen", Anm. d. R.) mit drei anderen Goebbels-Darstellern vergleichen lassen. Das finde ich eigentlich toll, dass wir das Top-Personal der Nazis bei Fernsehpreisen schon in eigenen Kategorien würdigen können. Und gibt's vielleicht bald einen, von dem man sagen kann, dass er besser ist als das Original?



Ich habe gelesen, dass jeder Grieche im Jahr durchschnittlich 3.000 Euro Bestechungsgeld an Behörden und die Industrie gibt – um seinen Führerschein zu bekommen oder damit die Baustelle schneller fertig wird - wie viel hast du im Jahr zu verteilen?
Ich habe häufig mit beleidigten Firmen zu tun, die mir zum Beispiel DVD-Rekorder oder Kekse schicken und wollen, dass ich die in die Kamera halte. Dann schreibe ich zurück: "Wenn Sie mich nochmal mit Ihrem Scheiß-Produkt in Verbindung bringen, zeige ich Sie an." Dann sind diese Firmen sauer. Weil man einfach nicht kapiert, dass der Kapitalismus vor die Hunde geht, wenn Leute bereit sind, für den Gegenwert eines DVD-Rekorder Schleichwerbung zu machen.

Ich halte mich da an den Satz des früheren ARD-Programmdirektors Dr. Günter Struve, der gesagt hat: Selbstverständlich erwarte ich, dass Sie korrupt sind, aber bitte nicht unter 10 Millionen. Wenn man sieht, für wie wenig Geld die Leute sich ruinieren, treibt einem das die Tränen in die Augen: Für ein Upgrading im Flugzeug, für einen blöden Kleinwagen für die Ehefrau - dieser Bereich des Umsonst-ins-Hallenbad-Dürfens. Wenn schon, dann Milliarden, und dann auch 175 Jahre Gefängnis in Kauf nehmen.

Die Fragen stellte Stefan Siller / Webfassung: Sandra Kaupmann

Quelle: SWR.de - Kultur

Letzte Änderung am: 08.03.2010, 09.26 Uhr

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