Das Literaturmuseum der Moderne in MarbachIm Zauberwald der Literatur

Rundgang durch die Ausstellung

Ein dunkler Märchenwald, feenhaft erleuchtet: Diesen Eindruck hat der Besucher, wenn er den großen Ausstellungsraum des "Literaturmuseums der Moderne" in Marbach betritt. Das Licht ist heruntergedimmt, die meterhohen, fensterlosen Wände schimmern schwarzbraun, und durch den Raum glitzern Tausende von Lichtreflexen.

Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass sich die Glanzlichter in Glasvitrinen spiegeln, in denen kleine Lämpchen kostbare Buchseiten beleuchten. Und es sind keine klassischen Vitrinen, in denen ein paar Bücher liegen wie in der Kühltheke im Supermarkt. Die Glasschränke des Literaturmuseums sind über mannshoch, mehrere Meter breit und tief. In ihrem Inneren staffeln sich gläserne Regalböden.

Vom Zigarettenpapierchen bis zur Roman-Handschrift

Von oben bis unten sind diese Glaskästen voller Schätze. Die, die ganz oben liegen, kann man von unten betrachten. Am besten legt man sich gleich auf den Boden und genießt den Durchblick, empfiehlt die Museumsleiterin Heike Gfrereis. Mehr als 1.300 Ausstellungsstücke zur Literatur des 20. Jahrhunderts hat sie gemeinsam mit ihrem Team in die Vitrinen gelegt: angefangen beim Zigarettenschachtel-Papierchen, auf das der Lyriker Thomas Strittmatter einige Verse schrieb, bis zur Handschrift von Franz Kafkas Roman "Der Prozess", die mehrere Millionen Euro wert ist.

Und das ist erst die Spitze des Eisbergs. Im benachbarten Deutschen Literaturarchiv Marbach lagern noch mal 20 Millionen Blatt Handschriften und 200.000 Kunstgegenstände. Dank des Museums konnte wenigstens ein Bruchteil davon ans Licht der Öffentlichkeit geholt werden. Wobei "Licht" stark übertrieben ist: Die empfindlichen Blätter dürfen nur spärlich beleuchtet werden, und wärmer als 18 Grad darf es im Museum auch nicht sein.

Service für die Besucher: Landschaftsblick und Multimedia-Führer

Die Besucher müssen Wärme und Licht allerdings nicht allzu lange entbehren: In den Vorräumen der Ausstellung stehen warme Filzbänke vor großen Fenstern. Der richtige Ort, um sich niederzulassen und den multimedialen Ausstellungsführer zu fragen, ob es eine junge Studentin war, für die der Philosoph Martin Heidegger eine Anfahrts-Skizze zu seiner Wohnung aufgemalt hat. Wie ist die "Schwimmkarte" der Dichterin Marie-Luise Kaschnitz hierher geraten? Und wer um Himmels willen hat das alles gesammelt - und warum?

"Das war genau unsere Absicht!", erklärt die Museumsleiterin. "Beim ersten Besuch soll man den Eindruck haben, durch ein unsortiertes Archiv zu gehen." Große Literatur liegt neben unbezahlten Rechnungen, man sieht Haare vom Dichterfürsten Stefan George und einen Notizzettel von Greta Garbo. In einem Archiv wird eben Groß und Klein in derselben Schublade aufbewahrt - so auch im Museum, dem "Schaufenster" des Deutschen Literaturarchivs.

Einmal durch das 20. Jahrhundert

Natürlich hätte man die größten Schätze auch einfach in die Mitte stellen können, damit jeder sie sofort erkennt. Doch damit, so meint Heike Gfrereis, würde auch ein ganz bestimmter Blick vorgegeben, der vermittelt: Das hier ist groß und wichtig, und wer davon nichts weiß, ist ein Ignorant. So hat man gleich ganz auf Kommentare und Einordnungen verzichtet. Die Vitrinen sind schlicht chronologisch geordnet, einmal durch das 20. Jahrhundert, links die Lebenszeugnisse der Autoren, rechts die Literatur. Und an den Exponaten steht rein gar nichts außer dem Namen des Autors und einer Jahreszahl. "Der ideale Besucher muss sich einfach trauen und die Augen aufmachen", wünscht sich Gfrereis.

Was vom Leben übrig bleibt ...

Viele Ausstellungsstücke bleiben dabei ziemlich rätselhaft - so zum Beispiel das Manuskript zu Erich Kästners "Emil und die Detektive". Es ist als solches nicht zu erkennen, weil Kästner eine Steno-Schrift benutzte, die heute niemand mehr lesen kann. Ohne den multimedialen Museumsführer - einen Pocket-PC namens "M3" - ist man da verloren.

Es heißt, der M3 biete (fast) unendliche Möglichkeiten: Der Besucher kann sich auf frei gewählten Wegen durch den Literatur-Dschungel leiten lassen, Informationen zu jedem einzelnen Objekt abrufen. Er kann zum Beispiel alle über den Raum verstreuten Gedichte von Paul Celan finden oder alle Dokumente suchen, auf denen das Leben Spuren hinterlassen hat (Rotwein ... oder Blut?).

So bekommen die Dinge eine Geschichte. "Bewunderung, Verzauberung - und auch Begegnung mit dem eigenen Nichtwissen": Das soll der Museumsbesuch beim Betrachter auslösen, wünscht sich Ulrich Raulff, der Direktor des Marbacher Schiller-Nationalmuseums, zu dem das Literaturmuseum gehört. "Schauen Sie das Objekt an - und das Objekt schaut zurück!"

Autorin: Sophie von Glinski

Letzte Änderung am: 13.03.2007, 12.10 Uhr

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