SWR1-Interview mit Heike Groos"Ich sah viele Soldaten sterben"
Heike Groos lernte bei ihrem ersten Einsatz in Afghanistan herzliche und gastfreundliche Menschen kennen. Doch nach einem Terroranschlag auf einen Bus mit deutschen Soldaten wurde sie misstrauisch und vorsichtig. Die Mutter von fünf Kindern hat nun nach ihrer Dienstzeit das Buch "Ein schöner Tag zum Sterben. Als Bundeswehrärztin in Afghanistan" geschrieben. Beim Interview mit Stefan Siller spricht sie über ihre Zeit in Afghanistan.
Stefan Siller: Sie waren viermal als Bundeswehrärztin in Afghanistan im Einsatz. Waren Sie im Krieg, Frau Groos?
Heike Groos: Meinen ersten Einsatz hatte ich 2002. Da war der Krieg in Afghanistan gerade vorbei. Die Menschen waren so dankbar, dass wir da waren. Für sie symbolisierten die ISAF-Truppen das Ende der Taliban. Die Afghanen waren glücklich und gelöst, eine Nachkriegsstimmung war zu spüren. Dementsprechend verrichteten wir auch unsere Arbeit, mit Motivation und Freude. Die Einsatzkompagnien haben zwar Patrouillen in den Städten durchgeführt, aber sie waren mehr so etwas wie gelöste Spaziergänge in freundschaftlicher Atmosphäre.
In Ihrem Buch widmen Sie sich sehr genau einem Attentat gegen einen Bus mit deutschen Soldaten, das Ihre Einstellung zu Afghanistan und dessen Menschen grundlegend änderte. Was ist da passiert?
Von meinem ersten Einsatz als Ärztin hatte ich Afghanistan als friedliches Land mit herzlichen und warmen Menschen in Erinnerung. Doch der Selbstmordanschlag auf einen Bus mit Bundeswehrsoldaten im Juni 2003 war für mich ein Wendepunkt. Obwohl viele Afghanen nach dem Terroranschlag zu uns kamen und sich für das, was ihre Landsleute uns angetan hatten, mehrmals entschuldigten, habe ich den Angriff als einen direkt gegen uns Deutsche gerichteten empfunden.
Ich wurde misstrauischer, angespannter und vorsichtiger. Nach dem Anschlag waren alle Afghanen für mich böse, egal ob es die Kinder waren, denen wir täglich Süßigkeiten gaben, oder der junge Mann, der täglich unser Lazarett sauber machte. Bei meinen nächsten Einsätzen konnte ich auch beobachten, wie sich das Auftreten der deutschen Truppen änderte. Die Soldaten erschienen mir aggressiver und martialischer, sie wirkten wie eine Besatzungsarmee mit Maschinengewehren.
Je länger Ihre Einsätze in Afghanistan dauerten, desto mehr zweifelten Sie daran. Wann trafen Sie die Entscheidung, die Bundeswehr für immer zu verlassen?
Das war 2007 in Kundus. Ich versuchte, einen schwer verletzten Soldaten zu retten, schaffte es aber nicht. Dann stellte ich mir selbst die Fragen: Wofür ist dieser junge Soldat nun gestorben? Was machst du noch hier? Ich konnte und wollte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr dabei sein, ich wollte nicht mehr mit ansehen, wie unschuldige Menschen sinnlos starben. Das taten Sie nämlich in meinen Augen. Auch mein Dasein als Ärztin erschien mir sinnlos. Die meiste Zeit konnte ich nur noch den Tod von Soldaten feststellen.
Warum haben Sie Ihr Buch "Ein schöner Tag zum Sterben," geschrieben, und wie würden Sie dessen Inhalt beschreiben?
Ich würde das Buch als Galgenhumor beschreiben. Das war meine Art, mit dem in Afghanistan Erlebten umzugehen und ein Stück weit die schlimmen Erlebnisse zu vergessen. Das Schreiben war neben vielen Gesprächen mit Familie und Freunden meine Therapie. Es war meine Strategie und mein Weg, meine Zeit als Bundeswehrärztin in Afghanistan zu verarbeiten und beenden.
Mittlerweile haben Sie Deutschland den Rücken gekehrt und leben nun mit drei ihrer fünf Kinder in Neuseeland. Erzählen Sie von Ihrem neuen Leben.
Nach meiner Rückkehr aus Afghanistan wollte ich weg, einfach woanders hin. Meine Kinder und ich fühlen uns dort sehr wohl. Meine Jungs gehen dort sogar wieder gern zur Schule! In Neuseeland geht das Leben nur halb so schnell vorbei wie in Deutschland. Die Menschen sind zufriedener, man wird immer freundlich begrüßt und angelächelt. Ich bin sehr glücklich dort, bin aber auch immer wieder froh, in meiner deutschen Heimat Urlaub machen zu können.

Buch
- Ein schöner Tag zum Sterben.
Als Bundeswehrärztin in Afghanistan - Heike Groos
- Verlag:
- Fischer Verlage
- Veröffentlichung:
- 09. September 2009
- Bestellnummer:
- ISBN 978-3-8105-0877-5
- Gebundene Ausgabe, 272 Seiten
Der Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Gesprächs, das Stefan Siller mit Heike Groos in der Sendung "SWR1 Baden-Württemberg Leute" am 11.09.2009 führte. Webfassung: Esra Ersöz
Letzte Änderung am: 17.09.2009, 10.45 Uhr












