aus der Sendung vom Montag, 26.1.2009 | 17.05 Uhr | SWR Fernsehen
Auch der Winter ist in Neapel Bikinizeit. Man muss nur wissen, wo man sich auf ein Badevergnügen einlassen kann. Ein heiß-kaltes Vergnügen, das nicht nur im Meer stattfindet. Um warmes Wasser zu erzeugen, braucht es an der Küste nördlich von Neapel keinen Strom. Dort gibt es bei Pozzuoli viele heiße Quellen vulkanischen Ursprungs. Einige Badeanstalten nutzen sie für ihre Zwecke.

Recht rustikal eingerichtet, werden hier keinesfalls deutsche Schwimmbadnormen und wohl gerade noch so italienische erfüllt. "Der Felsen" heißt diese beim Publikum sehr beliebte Einrichtung. Eine etwas elegantere Bademöglichkeit sind "Die Öfen Neros", "Le Stufe di Nerone". Draußen sind es vier, drinnen sind es 36 Grad. Sie haben zwar keinen Zugang zum Meer, doch sagt man, dass sich hier schon Kaiser Nero mit Wellness versorgt habe, auch wenn das damals anders genannt wurde. Das antike Badeprinzip von der Entspannung nach der Anspannung steht hinter dem Wellness-Angebot dieses Ortes.
Die Neapolitaner kommen sehr oft hier her. Die Samstage und die Sonntage gehören immer der mentalen Entspannung. Es beruht auf der alten antiken Philosophie des Otium, also der Muße. Aber die Muße wird nicht als Faulheit verstanden, sondern als Zeit, um über das eigene Leben nachzudenken und dabei den Stress abzubauen, der aus der Arbeit entsteht, also aus dem Negotium, dem Gegenteil vom Otium. Hier fühlt man sich wohl und kann einen ganzen Tag lang abschalten. Das Meer ist greifbar, und wenn die Sonne scheint, dann hat man Glück gehabt. Vor oder nach dem heißen Bad oder der Sauna minutenlang mitten im Winter bei drei Grad Lufttemperatur im Golf von Pozzuoli herumzuschwimmen, das ist schon eine Leistung. Warm ist das Meer im Januar nämlich wirklich nicht.
Die Region nördlich von Neapel bildet ein eigenständiges Vulkansystem, zu dem auch noch die nahegelegene Insel Ischia gehört. Dieses System nennt sich die "Brennenden Felder", die "campi flegrei". Das Zentrum der "campi flegrei" ist ein ebenerdiger Vulkankrater bei Pozzuoli, die sogenannte "Solfatara". Sie ist zwar nicht aus der Ferne zu sehen wie der Vesuv im Süden, aber genauso spektakulär. Nah kommt man nicht an die blubbernde Kraft im Inneren der Erde heran - zu heiß! Hinter den Schwefeldämpfen und unter dem heißen Boden vermuteten die Menschen in der Antike den Eingang ins Inferno – der streng schweflige Geruch passt perfekt zu dieser Vorstellung.
Die Gefahr, dass die Schwefelhölle wieder ausbricht, besteht derzeit nicht. Allerdings gibt es in den "Campi Flegrei" extreme Auswirkungen der unruhigen Bodenverhältnisse. Unterirdisch ist noch viel im Gange, die Erdschichten bewegen sich hier noch, und manchmal heben oder senken sie sich auch in überaus sichtbarem Maße. Dieses Phänomen heißt Bradiseismus und hat zuletzt vor 26 Jahren große Schäden angerichtet. Der antike Marktplatz mit den Resten des Serapide-Tempels in Pozzuoli veranschaulicht die Auswirkungen des Bradiseismus. Muschellöcher in den Marmorsäulen zeigen den Meeresspiegel von früher an, nachdem sich die Erde mal wieder meterweise gesenkt hatte.
Diese Region im Norden Neapels war seit der Antike die edelste Baderegion, vor allem für die römische High Society. Das Thermalwasser ergoss sich hier vor zwei Jahrtausenden über Terrassen ins Becken. Die Kultur des Badens wurde in Baia erfunden - und Baden bedeutete im alten Rom auch Ausschweifung. In Baia badeten schon Cicero und Seneca. Caesar hatte hier sein Landhaus. Erhalten geblieben vom antiken Bad ist der Merkur-Tempel, ein Kaltbad. Eintauchen in die Badewelt der Gegenwart ist von hier aus einfach. Gegenüber von Baia und Pozzuoli liegt recht nah die Insel Ischia. Auch sie ist ein Produkt vulkanischer Gewalt. Man muss nur den Weg bis zur Spiaggia Sorgeto finden. Der Rest ist Badefreude im Winter. Denn heiße Quellen unter Wasser halten die Temperatur so angenehm, dass man ganz gerne bis zum Frühling hier bleiben möchte.
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Letzte Änderung am: 12.01.2009, 11.31 Uhr