aus der Sendung vom Donnerstag, 29.12.2011 | 16.05 Uhr | SWR Fernsehen
Entstehung und Bedeutung von Tai Chi Chuan
Der Begriff "Tai Chi" bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie "Der größte Firstbalken" oder "das höchste Prinzip". Damit wird etwas beschrieben, das keine Grenzen hat. Auch das Universum heißt in China "Tai Chi". Der Zusatz "Chuan" heißt "Faust" oder "Fausttechnik". Schon der Begriff weist darauf hin, dass die Ursprünge von Tai Chi Chuan in der Kampfkunst liegen.

Zur Entstehungsgeschichte gibt es viele Versionen. Die bekannteste Legende ist die vom daoistischen Mönch Zhang San Feng aus dem 13. Jahrhundert. Verkürzt erzählt geht sie etwa so: Zhang San Feng beobachtete eines Tages den Kampf zwischen einer Schlange und einem Kranich, aus dem weder ein Sieger noch ein Besiegter hervorging. Die Schlange konnte mit weichen und runden Bewegungen den schnellen, harten Attacken des Kranichs ausweichen. Auf der Basis dieser Beobachtung entwickelte der Mönch eine Kampfkunst, die bis heute ausgeübt wird.
Tai Chi Chuan beruht auf Bewegungsabfolgen, die weich und fließend ausgeführt werden. Ying und Yang, Ausgewogenheit und innere Balance, spielen eine wesentliche Rolle. Es gibt verschiedene Stile. Die vier bekanntesten sind der Chen-Stil, der Yang-Stil, der Wu-Stil und der Sun-Stil entsprechend den Namen der Familien, in denen dieses Taichi ausgeübt wurde. Der Yang-Stil ist am meisten verbreitet. Der Familienstil ist die lange Form, die je nach Ausführung 30 bis 45 Minuten dauert. Die Kurzform (auch Pekingform genannt) dauert etwa 10 bis 15 Minuten. Zum Erlernen des vollständigen Ablaufs der Langform benötigt man etwa 2 Jahre.
Ehe sie mit einem Tai Chi - Formablauf beginnen, sollten Sie einzelne Chi Kung - Übungen machen, um den Körper zu lockern, die Gelenke geschmeidig zu machen und um sanft den Atemapparat anzuregen.
Eine entspannte Körperhaltung ist die Grundlage der Tai-Chi-Bewegung. Stellen Sie sich aufrecht hin, die Füße schulterbereit parallel nebeneinander, Zehen zeigen nach vorne. Das Körpergewicht ruht gleichmäßig auf beiden Füßen. Das Becken ist möglichst senkrecht aufgerichtet, ebenso die Wirbelsäule.
Tai Chi kann als Solo-Form und auch zu zweit (Partner-Tai-Chi) ausgeführt werden. Nur bei der Anwendung als Kampfkunst werden die langsam eingeübten Bewegungen blitzschnell ausgeführt. Dabei wird vor allem mit der Kraft des Angreifenden gearbeitet, indem der Gegner ähnlich wie beim Aufprall auf einen Ball zurückgeworfen wird. Je mehr Kraft man einsetzt, umso mehr bekommt man zurück.
Tai Chi Chuan wirkt auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Der Körper wird durch eine korrekte Haltung in der Bewegung so weit entspannt, dass die Muskeln die geringste mögliche Grundspannung haben. Durch diese Entspannung entsteht in der Bewegung eine ruhige und tiefe gleichmäßige Atmung. Der Körper wird mit Sauerstoff versorgt, Gelenke und Sehnen werden geschmeidig und flexibel, Verspannungen lösen sich, Organfunktionen werden angeregt, Blutzirkulation und Nervensystem gestärkt. Im traditionellen chinesischen Sinn würde man sagen, „Tai Chi“ stärkt den Fluss der Lebensenergie „Chi“. Aus westlicher Sicht regen all diese physiologischen Aspekte die Selbstheilungskräfte an und fördern das geistige und körperliche Wohlbefinden verbunden mit einer besseren Körperhaltung. Die geistige Ruhe entsteht durch das Selbstbeobachten und die Beschäftigung mit dem eigenen Körper.
Tai Chi Chuan kann auch mit verschiedenen Geräten ausgeführt werden. Es werden Schwert, Säbel und Langstock verwendet. Es gibt aber auch Fächerformen.
Im ursprünglichen Sinn dienen alle Geräte der Verlängerung des Körpers zur Vergrößerung der Kampfkraft.
Tai Chi Chuan sollte man 15 bis 20 Minuten pro Tag üben. Wichtig ist vor allem, dass man kontinuierlich trainiert. Es kommt nicht darauf an, den Ablauf der Übungen möglichst schnell zu beherrschen, sondern alle Einzelheiten und insbesondere die Grundübungen genau auszuführen. Am besten plant man eine feste Übungszeit in seinen Tagesablauf ein. Die beste Übungszeit ist am Morgen. Das morgendliche Üben sorgt dafür, dass der Mensch zu Beginn des Tages mit viel Sauerstoff versorgt wird, der Körper nach dem Aufwachen wieder geschmeidig wird und die Organe durch die langsamen Bewegungen des Rumpfes und des Atemapparates sanft massiert werden.
Trinken Sie vor dem üben, am besten stilles Wasser oder Kräutertee, denn durch die tiefe Atmung wird viel Flüssigkeit verbraucht.
Essen Sie nicht direkt vor dem Üben, denn sowohl ein voller Magen, als auch Hunger beeinträchtigen die Ausführung der Übungen.
Schließen Sie die Tätigkeit, mit der Sie vor dem Üben beschäftigt waren, in Ruhe ab, um beim Üben nicht daran denken zu müssen.
Tragen Sie lockere Kleidung, die ihre Bewegungen nicht einengt.
Üben Sie barfuß oder auf Socken, damit Sie den Boden unter ihren Füßen spüren.
Schaffen Sie sich in Ihrer Wohnung eine ausreichend große Fläche (2x3 Meter).
Richten Sie das Zimmer so ein, dass Sie sich darin wohl fühlen. Öffnen Sie ein Fenster und lassen Sie frische Luft rein oder üben Sie an einem schönen Platz im Freien.
Tai Chi ist mittlerweile in Deutschland sehr beliebt. Volkshochschulen, Kneipp-Vereine, Krankenkassen und Sportvereine bieten Kurse an für Anfänger und Fortgeschrittene. Darüber hinaus gibt es Privatschulen und Ausbildungsinstitute in vielen Städten.
Experte im Studio:
Tai Chi Chuan-Lehrer
Letzte Änderung am: 18.11.2011, 23.17 Uhr