aus der Sendung vom Mittwoch, 28.9.2011 | 16.05 Uhr | SWR Fernsehen
Die Mode der 70er – auch sie wurde vom Zeitgeist dieses Kultjahrzehnts geprägt. Der Drang nach Freiheit, Individualismus und Selbstbestimmung spiegelt sich in der Vielfalt der Stile und deren Mix wieder. Grenzen und Konventionen fallen: Erlaubt ist, was gefällt. Was damals gefiel, verrät uns Jo Meurer.

Keine modische Epoche wurde von Freiheit, Individualität und Jugend so geprägt wie diese. Kurz und knapp oder lang und lässig, bunte Farben, wilde Muster, Elemente der Folklore aus aller Welt, Spiegelkleider aus Nepal, Tuniken aus Russland, Häkeloptik aus Spanien - auffallen ist angesagt: So auch die Accessoires, wie riesige Krawatten, Reverse, Kragen und Manschetten, Trompetenärmel, Schlaghose und Plateauschuhe. Demgegenüber stand der cleane Brit-chic mit Faltenrock, Twinset, Perlenkette, Club Jacket und Halstuch. Die unkonventionellen 70er brachten eine Vermischung der Kulturen und Stile - der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt.
Frauen lieben die neue Freiheit. Der Minirock der 60er wird noch kürzer, Hot Pants sind angesagt, frech und sexy ist die Devise. Kombiniert wird mit Stiefeln.
Vorher gab es kaum tragbare Hosen. In den 70ern wurden Hosengegnerinnen zu Hosenträgerinnen, die Schlaghose war geboren. Unten weit und weiter, um Bauch und Po knackig eng, dazu knappe Oberteile, keine Chance, ein paar Kilos zu verstecken. Plateauschuhe dazu, sorgten für Endlosbeine bei Frau und Mann.
Neben der Schlaghose etablierte sich die Bluejeans. Sie wurde im Alltag getragen, zunächst von Schülern und Studenten. Dazu trug, wer etwas auf sich hielt, ein T-Shirt mit Aufschrift, eine politische Botschaft oder Demonstration der Gesinnung.
Die Blumenkinder der späten 60er haben einen großen Einfluss. Lange Kleider, Blumenstickereien, viele Ketten, bunte Farben und ein Mix aus Mustern - ein Beispiel purer Lebensfreude.
Die Reisewelle begann. Eindrücke und Mitbringsel wurden gesammelt und gezeigt. So entwickelte sich eine unkonventionelle Mischung der Kulturen: Vom Cowboylook zur bestickten Jeans, indische Kleider, spanische Häkelspitze und Batik aus Indonesien - der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt.

Riesige Sonnenbrillen, Schlapphüte, breite Gürtel mit Schmuckschließen oder großen Schnallen, riesige Krawatten, breite Revers, Trompetenärmel – auffallen um jeden Preis.
Blockabsätze verschönerten Stiefel und Schuhe. Zehn Zentimeter Höhe war auch für den modischen Mann Pflicht. Es war kein modischer Geck, es war ein neues Lebensgefühl. Dieser Schuh verlieh einen erhöhten Standpunkt, auch ein wenig Überlegenheit.
Die Midilänge kam neu zum Mini- und Maxilook. „In“ war der Mix aus allen Längen. Insgesamt war die Mode eng und figurbetont angelegt. Häufig trug man über Mini oder Hot Pants einen Maximantel, der bis zum Boden reichte. Wadenlange Midiröcke erhielten ihren Chic durch Stiefel, die unter dem Rocksaum endeten. Enggeschnittenen Blusen mit Schluppe oder langen Kragenecken sowie enge Rollkragenpullover waren die Kombipartner.
Frauen und Männer trugen lange Haare. Der kleine Unterschied: Männer hatten immer Koteletten, manchmal Bärte.
Der Bundeswehr-Anorak erfreute sich besonders bei den Antikriegsanhängern großer Beliebtheit.
Die gelbe Jacke zum Schutz gegen Regen an wärmeren Tagen, wurde von allen Teilen der Bevölkerung getragen, somit besonders geeignet, um Standesunterschieden zu überwinden.
"ABBA" schrieb Musikgeschichte, "Saturday Night Fever" gewährte einen Blick in die Diskoszene. Nun gehörte auch schillernder Satin zur Modeszene. Starke Töne, Glanz und Glitter lieben die Fans dieser Moderichtung.
Viel Leder und Nieten, derbe Schuhe, inspiriert durch Film und Musik, sah man auf den Straßen. Die Modedesigner zogen mit. Auch hier wurde gern gemixt und Richtungen wie Glam Rock entstanden.
Durch Aussehen provozieren. Mitte der 70er entwickelte sich, von den USA und Großbritannien ausgehend, eine Szene: die sogenannte Punk-Szene. Mit der Mode integrierten sich auch Elemente aus diesem Kult. Designerin Vivienne Westwood ist die Grand Dame dieses Looks.
Die 70er Jahre sind auch die Glanzzeit von Yves Saint Laurent. Perfekte Schnittführung und edle Stoffe kennzeichnen Hemdblusenkleider, Schlaghosen und schmalgeschnittene Jacken.
Ein Revival dieser wilden, bunten, vielseitigen Epoche erleben wir auch heute. Von der Magie der Siebziger werden nicht nur die Modedesigner, sondern auch wir erneut angezogen.
Professor für Modedesign
Letzte Änderung am: 19.08.2011, 23.31 Uhr