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Goethe und der Islam War Johann Wolfgang von Goethe Muslim?

Der Dichter zwischen Morgen- und Abendland

"Närrisch, dass jeder in seinem Falle
seine besondre Meynung preißt!
Wenn Islam gottergeben heißt,
Im Islam leben und sterben wir alle."


So spricht Johann Wolfgang von Goethe in seinem Buch "West-östlicher Divan". Wir schreiben das Jahr 1819. Der deutsche Dichterfürst ist damals 70 Jahre alt. Er kann auf eine einzigartige Karriere als politischer Beamter und Schriftsteller zurückblicken. Geheimrat von Goethe ist eine kulturelle Autorität.

"Im Islam leben und sterben wir alle. Das sind starke Worte, aber man darf ihn ruhig beim Wort nehmen", sagt Goethekennerin Katharina Mommsen. Es komme dabei aber in besonderem Maße auf das Wort Islam an und welche Bedeutung Goethe ihm beigemessen habe.

"Der Dichter", so kokettiert Goethe 1816, "lehnt den Verdacht nicht ab, dass er selbst ein Muselmann sei." Drei Jahre später erscheint "West-östlicher Divan". Im September 1820 vermerkt Goethe in einem Brief an Carl Friedrich Zelter: "Weiter kann ich nichts sagen, als dass ich hier mich im Islam zu halten suche."

War Goethe Muslim? "Nein", sagt Katharina Mommsen bestimmt. Sie hat diese Frage schon oft gehört. Goethe habe den Begriff Islam als sich dem Willen Gottes ergeben verstanden. In diesem Sinne habe er auch sein Verhältnis zu Gott verstanden. Goethes Verhältnis zum Islam als Religion sei ambivalent gewesen. "Aber wenn Sie dem nachgehen, wie er auf die Bibel reagiert hat, das ist auch ambivalent – und so auf fast jede Lehre. Er war ein sehr beweglicher Geist und ließ sich nicht indoktrinieren."

Die Aufklärung veränderte die Sicht auf den Islam

Als Jugendlicher nimmt Goethe in Frankfurt Hebräischunterricht. Der evangelische Christ will die Quellen seiner Religion besser verstehen. Über das Studium des Hebräischen kommt er mit dem Arabischen in Berührung. Goethe entdeckt den Koran und damit erwacht sein Interesse an der Kultur des Islams. Goethe ist ein Kind der Aufklärung. Es ist die Epoche, in der das Denken mit Mitteln der Vernunft von althergebrachten und überholten Vorstellungen und Ideologien befreit werden soll. Der aufgeklärte Mensch soll nicht mehr schicksalhaft an die Vorgaben der weltlichen und geistlichen Obrigkeiten gekettet sein. Er soll sein Leben und Denken selbst bestimmen. Die europäische Aufklärung leitet einen geistigen Emanzipationsprozess ein.

Die Sicht auf die eigene Kultur ändert sich, weitet sich. Muslime, so der Erlanger Islamwissenschaftler Hartmut Bobzin, werden mit anderen Augen gesehen. "Das Interesse wendet sich ab von dem Bestreben, den Islam zu widerlegen. Man sieht in ihm eine Alternative, die sehr stark von der Vernunft geprägt ist."

Ein hartnäckiges Gerücht

Jahrhundertelang wurden Muslime als Gegner, Konkurrenten und Bedrohung wahrgenommen, von denen nichts Gutes zu erwarten sei. Goethe hat den Dialog zwischen Morgen- und Abendland gesucht – nicht aus Schwärmerei, wie Katharina Mommsen nicht müde wird zu betonen, sondern aus Wissensdurst.

Das Gerücht, Goethe sei eigentlich Muslim gewesen, hält sich zäh in arabischen Ländern. Aber für diese Vermutung gibt es keinerlei Beweise. Anders sieht es bei Goethes möglichen türkischen Vorfahren aus. Der langjährige Brackenheimer Dekan Werner-Ulrich Deetjen hat herausgefunden, dass zu Goethes Vorfahren ein türkischer Hauptmann namens Sadok Selim gehört. Dieser sei gegen Ende des 13. Jahrhunderts im Heiligen Land von Kreuzfahrern des Deutschritterordens gefangen genommen und nach Süddeutschland gebracht worden. Der türkische Offizier, so der promovierte Kirchenhistoriker Deetjen, gelangte nach Brackenheim in der Nähe von Heilbronn, wo er sich taufen ließ und eine Frau namens Rebekka Dobler ehelichte. Unter den Nachkommen Sadok Selims sollen zahlreiche Männer von Rang gewesen sein, unter anderem Johann Wolfgang von Goethe.


Autor:
Reinhard Baumgarten, SWR, Redaktion: Religion, Kirche und Gesellschaft

Quelle:
"Gesichter des Islam", © 2011 Konrad Theiss Verlag

Letzte Änderung am: 27.10.2010, 17.36 Uhr