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Eine umstrittene Jugendorganisation
Die Integration von Jugendlichen in die deutsche Gesellschaft ist das erklärte Ziel der Muslimischen Jugend Deutschlands (MJD). Seit einigen Jahren wird die Organisation vom Verfassungsschutz beobachtet: Die MJD hatte dazu aufgerufen, sich einer unislamischen Gesellschaft nicht anzupassen.
Fünfmal am Tag geschieht im dunklen Tann unweit von Bad Orb das, wovor islamkritische Stimmen seit Jahren warnen: Der Muezzin ruft auf deutschem Grund über Lautsprecher öffentlich zum Gebet. Ort des Geschehens ist das Schullandheim Wegscheide, das im Spessart etwa auf halbem Weg von Frankfurt nach Fulda liegt. Die Moschee ist ein Bierzelt zwischen Buchen, Eichen und Fichten.
Hischam Abul Ola ist Vorsitzender der Muslimischen Jugend Deutschlands (MJD). Zusammen mit einem knapp 40-köpfigen Team koordiniert der 29-Jährige das viertägige Jahrestreffen der Jugendorganisation. Es findet seit 1994 einmal pro Jahr mit bis zu 1.200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Jungen und Mädchen, Frauen und Männer zwischen 13 und 30 treffen sich, um gemeinsam zu beten, zu diskutieren, sich auszutauschen.
Monatelang investiert der IT-Spezialist Abul Ola jede freie Minute in die Organisation dieses größten Treffens junger deutscher Muslime. Die MJD sei wichtig in seinem Leben. Sie habe dafür gesorgt, dass er ein besseres Islamverständnis entwickelt habe, mit dem er sich als Muslim in der deutschen Gesellschaft angekommen fühle. "Ich habe begriffen, dass ich mich in der Schule anstrengen muss, dass ich mir einen Platz in der Gesellschaft erarbeiten muss."
Die MJD gehört mit ihren knapp 1.000 Mitgliedern zu den wenigen Organisationen hierzulande, die sich gezielt um junge Muslime kümmern. In Deutschland leben zwischen 1,5 und 1,8 Millionen muslimische Kinder und Jugendliche. Vielen von ihnen dürfte es ähnlich ergehen, wie dem einstigen Teenager Hischam Abu Ola: "Ich hatte ein ganz, ganz dickes Problem, nämlich dass ich nicht wusste, wer ich bin, was ich bin." Seine Eltern hätten ihn zwar in eine bestimmte Richtung erziehen wollen, aber irgendwie sei ihnen das nicht gelungen, weil eine ganz entscheidende Sache gefehlt habe. "Es ist ihnen nicht wirklich geglückt, mir eine muslimische Identität zu vermitteln, die hier in Deutschland angekommen und mit Deutschland kompatibel ist."
Der Islam ist längst Teil der deutschen Realität. Vier von fünf Jugendlichen bei den alljährlich stattfindenden MJD-Treffen seien deutsche Staatsbürger, betont Hischam Abul Ola. "Ich bin überzeugt davon, dass die deutsche Gesellschaft diejenigen schützt und fördert, die bereit sind, sich einzubringen, Leistung zu bringen und am gesellschaftlichen Gemeinwohl interessiert sind." Der MJD-Vorsitzende weiß, dass dafür noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss. Nicht nur bei seinen muslimischen Brüdern und Schwestern.

Bogenschießen beim MJD-Jahrestreffen
Verfassungsschutz Hessen:
Bei der "Muslimischen Jugend in Deutschland e. V." (MJD) handelt es sich um eine Jugendorganisation, die der "Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e. V." (IGD) nahesteht. Obwohl ihr Ziel nach eigenen Angaben die Förderung von Jugendlichen und ihre Integration in die Gesellschaft ist, steht ihr ideologisches Selbstverständnis in Teilen durchaus im Widerspruch zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Muslimische Jugendliche werden aufgefordert, sich einer unislamischen Gesellschaft nicht anzupassen, sondern diese im Sinne des Islams zu verändern.
2002 und 2003 unterstützt das Bundesfamilienministerium die Muslimische Jugend Deutschlands mit 76.000 Euro wegen ihrer "vorbildlichen Integrationsarbeit" . Zudem erhält die Organisation den Heinz-Westphal-Ehrenpreis, weil sie versuche, "das verzerrte Bild des Islams in der Öffentlichkeit zu verbessern und über den Islam als Lebensweg aufzuklären", so die Begründung zur Preisvergabe. 2005 gibt die MJD das Buch "Ratschläge an meine jungen Geschwister" heraus. Verfasser ist der türkische Autor Mustafa Islamoğlu. Damit beginnt der Ärger für die Jugendorganisation. Die Ratschläge werden auch vom baden-württembergischen Verfassungsschutz gelesen, der dem Buch "eine für die Gesellschaft letztlich destruktive Wirkung" bescheinigt.
"Passt Euch einer Gesellschaft und eurer Umgebung nicht an, falls sie unislamisch ist." - So lautet einer der Kernsätze des in der Türkei verfassten und auf eine laizistische Gesellschaft gemünzten Buches. Erklärungen, was das für Muslime in Deutschland bedeuten könnte, fehlen gänzlich. Der Verfassungsschutz sieht in diesem und in anderen Sätzen einen Beleg dafür, dass "das Buch eine einzige definitive Absage an die Lebenswirklichkeit einer westlich-abendländischen, westlich geprägten Umgebung ist."
Regelmäßig taucht die MJD seit fünf Jahren in bundesdeutschen Verfassungsschutzberichten auf. Von "vorbildlicher Integrationsarbeit" ist keine Rede mehr. Es gebe nichts, was geheim sei oder verdeckt werde, versichert Fatima Kezze vom MJD-Vorstand. "Wir bemühen uns um Transparenz. Es ist uns wichtig einen Beitrag zu leisten, dass wir uns zugehörig fühlen, dass Deutschland ein Teil von uns ist und wir ein Teil von Deutschland sind."
Der Islam in seiner deutschen Variante, davon ist Munir Azzaoui überzeugt, kann eine wichtige Rolle bei der Integration von muslimischen Jugendlichen mit Eltern aus so unterschiedlichen Ländern wie Marokko, Türkei, Iran, Bosnien oder Afghanistan spielen. Seit Jahren beobachtet der Politologe die Entwicklung der Jugendkultur im deutschen Islam. Deutschland mit seiner Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit sei ein Land mit vielen Chancen, in dem Muslime freier und unbehelligter leben könnten als in den meisten muslimischen Staaten. Daraus erwachse Muslimen aber auch Verantwortung der Gesellschaft gegenüber.
Gesellschaftliche Verantwortung kann als Last oder auch als angeblich "unislamisch" wahrgenommen werden. Innerislamisch ist die MJD keineswegs unumstritten. Konservativen Muslimgruppen gilt die vom Verfassungsschutz beobachtete Jugendorganisation als zu deutsch und zu angepasst.
Die große Verführung lauert auf junge Muslime weit weniger auf dem Bolzplatz im Schullandheim Wegscheide und in den Seminaren der MJD. Sie wartet im Netz, wo zahlreiche Prediger islamische Weltbilder vertreten, die mit westlichen Werten nur bedingt in Einklang zu bringen sind.
Muslimische Jugendliche sind pubertären Stürmen genauso ausgeliefert wie nichtmuslimische. Aber junge Muslime erleben häufiger das Gefühl, qua Geburt und Abstammung anders behandelt zu werden. Der Weg ins Netz ist kurz. Schnell und kostenlos werben zumeist junge bärtige Männer mit zahllosen Arabismen in einfacher Sprache für ihre "Weltformel": Der Islam ist die Lösung. Hischam Abu Ola weiß aus seiner Arbeit mit muslimischen Jugendlichen, wie verfänglich einfache Losungen sein können. Aber das sei nicht sein Weg und auch nicht der Weg der MJD. Er möchte andere motivieren, gläubig, kreativ, kritisch und weltoffen zu sein. "Das führt dazu, dass ich eine Ausgeglichenheit habe, die sehr viele muslimische Jugendliche oder generell Muslime in Deutschland vergeblich suchen."
Autor:
Reinhard Baumgarten, SWR, Redaktion: Religion, Kirche und Gesellschaft
Quelle:
"Gesichter des Islam", © 2011 Konrad Theiss Verlag
Letzte Änderung am: 26.10.2010, 10.22 Uhr