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Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun, Leiter der Redaktion SWR International vor einem Rednerpult Integrationsbeauftragter Vielfalt, Integration und Migration beim SWR

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Kein Leben auf gepackten Koffern

Wie Autoren die Stuttgarter Integrationspolitik beschreiben

Seit rund 50 Jahren kommen Gastarbeiter nach Stuttgart. Viele von ihnen sind heimisch geworden und haben ihre Bräuche mitgebracht. Ihre Geschichte und Anekdoten dazu erzählt ein Buch.

Von Birgit Hamm

"Wie kocht man Spaghetti für Italiener?" lautete der Titel einer Pressemitteilung, die das Landesarbeitsamt in Stuttgart 1960 herausgab. Gedacht waren die Tipps zur Zubereitung italienischer Speisen für Arbeitgeber, die Gastarbeiter aus Italien beschäftigten. Spaghetti waren damals in Deutschland noch unbekannt. Diese Anekdote findet sich in dem Buch "Kleine Geschichte der Ein- und Auswanderung in Baden-Württemberg", der Autoren Karl-Heinz Meier-Braun und Reinhold Weber.

Das Spaghettikochen haben die Schwaben inzwischen gelernt, doch wie ist es sonst um die Integration der italienischen Einwanderer bestellt? Bei der Buchpräsentation wird klar: Die Integration ist nur oberflächlich gelungen. Als Beleg gilt die schlechte schulische Ausbildung italienischer Kinder. Nur 6,6 Prozent schaffen es aufs Gymnasium, 70 Prozent besuchen die Hauptschule. Eine Karriere vom Pizzabäcker zum Arzt oder Politiker ist nach wie vor die Ausnahme.

Und dies, obwohl die Italiener schon mehr als ein halbes Jahrhundert hier leben. In Stuttgart wohnen heute 15 000 Menschen italienischer Abstammung, in Baden-Württemberg sind es 165 000. Nach Buenos Aires und Rio de Janeiro, so erfährt der Leser, stellt dies die größte italienische Gemeinschaft im Ausland dar.

Die Italiener waren die ersten Arbeitsmigranten, die in den 50er Jahren gezielt angeworben wurden. Sie prägten das Bild der Deutschen vom sogenannten typischen Gastarbeiter. Später kamen die Spanier, Griechen, Türken, Portugiesen, dann die Spätaussiedler und Asylbewerber nach Deutschland. "Jede Zuwanderung bringt Konflikte mit sich, sie ist aber immer auch Bereicherung", charakterisiert Karl-Heinz Meier-Braun den roten Faden des Buches.

Doch die Migrationsgeschichte im Südwesten beginnt nicht erst mit dem Arbeitskräftemangel der Wirtschaftswunderjahre. Der Blick zurück zeigt: "Im 18. und 19. Jahrhundert war der Südwesten ein klassisches Auswanderungsland", erzählt Reinhold Weber. Aus bitterer Not heraus verließen damals viele Badener und Württemberger ihre Heimat und suchten ihr Glück in den USA und in Südosteuropa.

Aus- und Einwanderung ist also auf lange Sicht der Normalfall, so der Tenor des gut lesbaren Buches. Umfassend und anschaulich geben die knapp 200 Seiten einen Überblick über die Migrationsgeschichte Baden-Württembergs. Auch die aktuelle politische Diskussion bleibt nicht außen vor. Ein ganzes Kapitel widmen Meier-Braun und Weber dem "Stuttgarter Modell", das sie als "mustergültig" bezeichnen.

Die langjährige Integrationsarbeit in der Landeshauptstadt begann schon unter Alt-OB Manfred Rommel. Er prägte früh den Begriff von der "multikulturellen Gesellschaft" und prophezeite schon 1988: "Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es in einer Stadt wie Stuttgart im Jahr 2030 einen Anteil von Ausländern und ehemaligen Ausländern von 30 und mehr Prozent geben kann." Die bundesdeutsche Ausländerpolitik ging dagegen lange davon aus, dass die Migranten wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren. Und auch die Einwanderer selbst vermittelten häufig den Eindruck, als hätten sie die gepackten Koffer ständig unterm Bett.

Derzeit haben fast 40 Prozent der Stuttgarter Bevölkerung einen Migrationshintergrund, das heißt, sie sind zugewanderte oder hier geborene Ausländer, Spätaussiedler, Eingebürgerte oder Kinder dieser Personengruppen. Die Diskussion, ob die "multikulturelle Gesellschaft" gescheitert sei, hält Autor Meier-Braun deshalb für obsolet: "Die multikulturelle Gesellschaft ist Realität, wer das nicht glaubt, soll Stadtbahn fahren", sagt der SWR- Mitarbeiter und Honorarprofessor an der Universität Tübingen.

Karl-Heinz Meier-Braun und Reinhold Weber: "Kleine Geschichte der Ein- und Auswanderung in Baden-Württemberg", DRW-Verlag, Leinfelden-Echterdingen 2009, 192 Seiten, 16,90 Euro.

Alt-OB Manfred Rommel hat die multikulturelle Gesellschaft vorausgeahnt

Quelle: SWR International

Letzte Änderung am: 16.09.2009, 16.12 Uhr