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Die Einwanderungsgeschichte blickt auf fast 60 Jahre zurück. Alles begann mit der Anwerbung von "Gastarbeitern" aus dem Mittelmeerraum. Deutschlands Weg zum Einwanderungsland. Hier die wichtigsten Etappen:
1952
Erste Versuche, oberitalienische Landarbeiter auf die Bauerhöfe in Südbaden zu holen.
1955
Vertreter der deutschen und der italienischen Regierung unterzeichnen das erste Anwerbeabkommen.
1960
Anwerbeabkommen mit Spanien und Griechenland Landesarbeitsamt Baden-Württemberg veröffentlicht eine Pressemitteilung "Ratschläge für die Zubereitung von Speisen italienischer Art".
1961
Anwerbeabkommen mit der Türkei. Der damalige Süddeutscher Rundfunk (SDR) – heute Südwestrundfunk (SWR) – strahlt die erste Sendung für Italiener aus.
1964
Anwerbeabkommen mit Portugal. Der ein millionste Gastarbeiter, der Portugiese Armando Rodriguez, trifft auf dem Bahnhof Köln-Deutz ein. Er bekommt ein Moped geschenkt.
1965
Anwerbeabkommen mit Tunesien und Marokko.
1968
Anwerbeabkommen mit dem damaligen Jugoslawien, das am 21.April 1969 in Kraft tritt. In der DDR werden Anwerbeabkommen mit den sozialistischen Ländern geschlossen, unter anderem mit Ungarn, Polen, Algerien, Kuba, Mosambik, Vietnam.
1970
Baden-Württemberg begrüßt den 500.000sten ausländischen Arbeitnehmer. Es ist der 31-jährige Zvonimir Kanjir aus Kroatien. Bei seiner Ankunft am 5. August 1970 im Stuttgarter Hauptbahnhof wird ihm als Geschenk ein Kofferradio überreicht. 35 Jahre später holt SWR International – die Fachredeaktion für Migrationsfragen beim Südwestrundfunk (SWR) – den Jubilar wieder nach Stuttgart, wo ihm abermals im Stuttgarter Hauptbahnhof ein Empfang bereitet wird.
1973
Die Bundesregierung verhängt den Anwerbestopp wegen der sogenannten Ölkrise und der sich verschlechternden Wirtschaftslage.
1978
Ministerpräsident a.D. Heinz Kühn (Nordrhein – Westfalen) wird als erster Ausländerbeauftragter der Bundesregierung berufen.
1983
Das Gesetz zur Förderung der Rückkehrbereitschaft von Ausländern durch Rückkehrprämien tritt in Kraft.
1991
Das Gesetz zur Neuregelung des Ausländerrechts tritt in Kraft, wodurch die Einbürgerung erleichtert werden soll.
1992
Höhepunkt der Zuwanderung nach Deutschland: 1.219.348 Zuzüge, darunter fast 440.000 Asylbewerber.
1993
Durch die Änderung des Grundgesetzes wird das Asylrecht eingeschränkt, nachdem sich Bundesregierung und Opposition auf eine Asylrechtsreform geeinigt hatten.
1996
Baden-Württemberg führt einen Ausländerbeauftragten - später Integrationsbeauftragten - ein. Das Amt wird vom Justizminister des Landes übernommen.
2000
Die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts tritt in Kraft. Dadurch erhalten in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern unter bestimmten Voraussetzungen von Geburt an die deutsche Staatsangehörigkeit. (Geburtsortprinzip - Ius soli). Bundeskanzler Schröder ruft seine Green Card Initiative ins Leben.
2001
Die unabhängige Kommission "Zuwanderung" unter Vorsitz von Rita Süssmuth übergibt ihren Abschlussbericht.
2002
Der Bundestag verabschiedet das Zuwanderungsgesetz mit den Stimmen von SPD und Bündnis 90 / Die GRÜNEN. Der Bundesrat stimmt dem Gesetz zu, wobei das Abstimmungsverfahren umstritten ist und das Bundesverfassungsgericht angerufen wird. Das Bundesverfassungsgericht entscheidet, dass das Zuwanderungsgesetz nicht rechtmäßig zu Stande gekommen ist.
2004
Kompromiss zum Zuwanderungsrecht. Der Deutsche Bundestag und der Bundesrat stimmen zu.
2005
Das Zuwanderungsgesetz tritt in Kraft.
2006
Erster Integrationsgipfel im Kanzleramt. Erste Deutsche Islamkonferenz von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble eröffnet.
2007
Zweite Deutsche Islamkonferenz. Zweiter Integrationsgipfel der Bundesregierung und Vorstellung des Nationalen Integrationsplans durch die Bundeskanzlerin.
2008
Dritte Plenarsitzung der Deutschen Islamkonferenz. Baden-Württemberg verabschiedet Integrationsplan unter dem Motto "Integration gemeinsam schaffen". Dritter Integrationsgipfel der Bundesregierung und Vorstellung des ersten Fortschrittsberichts zum Nationalen Integrationsplan.
2009
Mit einem Bekenntnis zum Weitermachen ist die erste Deutsche Islam Konferenz (DIK) am 25. Juni in Berlin zu Ende gegangen.
Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP vom 26. Oktober sieht die Förderung der Integration weiterhin als "Schlüsselaufgabe für Deutschland". Vor allem die Chancen auf Bildung und Ausbildung, sowie das Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten soll verbessert werden.
2010/2011
Bundespräsident Christian Wulff (CDU) sprach in seiner Antrittsrede am 2. Juli 2010 von einer "Bunten Republik Deutschland". Noch als Ministerpräsident von Niedersachsen hatte er die erste türkischstämmige Ministerin in Deutschland, Aygül Özkan, als Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration eingesetzt.
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) distanzierte sich gleich bei seinem Amtsantritt im März 2011 von den Worten des Bundespräsidenten und sagte, die in der Bundesrepublik lebenden Menschen islamischen Glaubens gehörten natürlich zu Deutschland, "dass aber der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen" ließe. Dies stieß bei den muslimischen Verbänden auf herbe Kritik und überlagerte die Deutsche Islam Konferenz (DIK), durch die ein fairer Dialog mit den Muslimen ins Leben gerufen werden sollte.
Im Jahre 2010 überschattete die "Sarrazin-Debatte" das integrationspolitische Fundament in Deutschland. Thilo Sarrazin, der frühere Berliner Finanzsenator und Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, stellte sein Buch "Deutschland schafft sich ab - wie wir unser Land aufs Spiel setzen" am 30. August 2010 in Berlin vor und löste damit eine bisher einmalige Diskussion um die Integrationspolitik in Deutschland aus.
Die "Sarrazin-Debatte hat eine desintegrative Eigendynamik an der Grenze zu Hysterie und Panik entwickelt", erklärte der Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), Klaus J. Bade.
Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer erklärte Multikulti für "tot", die Bundeskanzlerin für "gescheitert". Auch der Konsens, dass wir ein Einwanderungsland sind, geriet ins Wanken. Auf die Frage, ob Deutschland Einwanderungsland ist oder nicht, antwortete Bundeskanzlerin Merkel: "Eigentlich war es das nur zwischen den 1950er Jahren und 1973."
Ein positives Zeichen in Richtung beruflicher Integration setzte die Bundesregierung im März 2011 mit dem seit langem angekündigten Gesetzentwurf zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse.
2012
Der Bundesrat begrüßte am 10. Februar 2012 den Gesetzentwurf zur sogenannten Hochqualifizierten-Richtlinie. Das Gesetz führt unter anderem den neuen, befristeten Aufenthaltstitel "Blaue Karte EU" für ausländische Arbeitnehmer mit akademischer oder vergleichbarer Qualifikation ein.
Weitere aktuelle Daten zur Chronologie finden Sie in den Migrationsreports des Rates für Migration.
Autor: Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun
Quelle: SWR International
Letzte Änderung am: 14.03.2012, 15.19 Uhr