Migration und Integration gehören untrennbar zusammen – gleiches gilt für die Phänomene der Ein- und Auswanderung in Baden-Württemberg. Karl-Heinz Meier-Braun, Leiter der Redaktion SWR International, Integrationsbeauftragter des Senders und einer der renommiertesten Migrationsforscher Deutschlands, sowie Reinhold Weber, Zeithistoriker bei der Landeszentrale für politische Bildung und ausgewiesener Kenner der Landesgeschichte, gewähren in ihrem neuen Buch einen detaillierten Einblick in die Migrationsgeschichte von Baden-Württemberg. Sie zeigen in ihrem Buch, das in gefälligem Format, reich bebildert und gut lesbar daherkommt, wie der Zu- und Wegzug das Leben der Bewohner schon immer bestimmte.

Die „Kleine Geschichte der Ein- und Auswanderung in Baden-Württemberg“ benennt die unterschiedlichen Schwierigkeiten der Migration und die Integrationsleistungen der jeweiligen Gesellschaften in chronologischer Reihenfolge – und schafft es zugleich, Zuwanderung als kulturelle, wirtschaftliche, politische und soziale Bereicherung zu beschreiben. Integration wird von den Autoren nicht als Anpassung der Fremden, sondern als wechselseitiger Prozess zwischen Zuwanderern und Einheimischen verstanden.
Der erste Teil des Buches behandelt die klassischen Epochen der Einwanderungsgeschichte samt ihrer direkten Folgen für den deutschen Südwesten: Von der konfessionell erzwungenen Migration österreichischer „Exulanten“, die Ende des 16. Jahrhunderts an der Gründung Freudenstadts mitwirkten, oder der protestantischen Waldenser, auf die französisch klingende Ortnamen wie Perouse, Serres, Großvillars oder Corres – allesamt am nördlichen Schwarzwald – zurückzuführen sind, bis zum Beginn der wirtschaftlich motivierten Zuwanderung schon vor dem Einsetzen der Industrialisierung, als Wanderarbeiter aus Italien und dem Alpenraum im heutigen Baden-Württemberg ihre Dienste anboten. Dabei wird plastisch herausgestellt, dass es hierzulande eine weitaus längere Zuwanderungstradition gibt als diejenige der sogenannten Gastarbeiter seit den 1950er Jahren.
Dabei war der deutsche Südwesten bis in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts ein klassisches Auswanderungsland mit massiven Auswanderungswellen auf dem Landweg gen Osteuropa oder über das Meer in die USA. So kam es, dass es in einigen Landstrichen Amerikas „im Deutschländle, so deutsch, wie in Deutschland selbst“ zuging, denn auch die ausgewanderten Deutschen bildeten ihre „communities“ und pflegten ihre Kultur und Sprache.
Die Vertreibungen und Zwangsumsiedlungen während und nach den beiden Weltkriegen, die im Gegensatz zu vorherigen Wanderungsbewegungen „ideologisch motiviert, staatlich legitimiert und bürokratisch organisiert“ waren, kommen ebenso zur Sprache wie die Gräueltaten der NS-Zeit und die Nachkriegszeit, als der deutsche Südwesten entscheidend durch die Zuwanderung von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen geprägt war. Hier widerlegen die Autoren den „Mythos der schnellen Integration“ der Heimatvertriebenen, betonen aber andererseits, dass das Land von den Neubürgern profitierte, ohne die das Wirtschaftswunder wohl nicht möglich gewesen wäre.
Spätestens mit der Unterzeichnung der Anwerbevereinbarung zwischen der deutschen und der italienischen Regierung im Dezember 1955 und der Ankunft der ersten Gastarbeiter ist Deutschland dann vollends zu einem Einwanderungsland geworden. Aufgrund des restriktiven Zuwanderungsgesetzes und dem seit den 1970er Jahren bestehenden Anwerbestopp allerdings eher ein „Einwanderungsland ohne Einwanderer“.
Die 192 Seiten umfassende Zusammenschau der südwestdeutschen Migrationsgeschichte enthält rund fünfzig historische Abbildungen und klärt durch zahlreiche Infokästen über Einzelschicksale von Migranten, die Geschichte verschiedener Bevölkerungsgruppen sowie wichtige historische Ereignisse in Baden-Württemberg auf. Die im Anhang enthaltene Zeittafel reicht vom 14. Jahrhundert, als Sinti und Roma nach Europa kamen, bis ins Jahr 2008, dem Jahr des baden-württembergischen Integrationsplans. Mit diesem Buch, das sich an ein breites Publikum richtet und dabei die wichtigsten Forschungsergebnisse der letzten Jahre verständlich zusammenfasst, haben die beiden Migrationsexperten eine große Lücke in der landesgeschichtlichen Literatur gefüllt. Nur wenige der deutschen Bundesländer verfügen über eine ähnliche Zusammenschau ihrer multikulturellen Traditionen und Geschichte.
Paul-Janosch Ersing
Letzte Änderung am: 16.09.2009, 16.11 Uhr