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Die 33-jährige Fatuma Abdulkadir Adan, Rechtsanwältin in Kenia, ist eine beeindruckende Frau, die kreativ und humorvoll in der islamischen Männergesellschaft für die Emanzipation der Mädchen kämpft, für Hilfe zur Selbsthilfe und Frieden in der Region. Am Donnerstag, 17. November 2011, hat die Kenianerin den Stuttgarter Friedenspreis der AnStifter erhalten.
Fatuma lässt sich nicht beirren, wenn der Imam die kickenden Mädchen beim Freitagsgebet als Luder verdammt. Denn sie ist beharrlich und darüber hinaus eine versierte Netzwerkerin. Die heute 33-jährige Anwältin ist aus Nairobi in ihre Heimatstadt Marsabit im Norden des Landes zurückgekehrt, wo verfeindete Stämme sich seit Jahrzehnten blutige Kämpfe liefern. Da die Politiker in der fernen Hauptstadt den Norden vergessen haben, hat Fatuma selbst gehandelt: Sie bringt die Frauen der verfeindeten Stämme zusammen und organisiert Fußball-Turniere - sehr zum Ärger der mächtigen Imame. Auf die Trikots hat sie schreiben lassen: "Wir zielen, um Tore zu schießen, nicht um zu töten."
Am Donnerstag, 17. November 2011, wurde die streitbare Juristin im Rahmen einer Gala im Stuttgarter Theaterhaus geehrt und mit dem mit 5.000 Euro dotierten "Stuttgarter Friedenspreis" der AnStifter ausgezeichnet. Mit ihrer 2003 gegründeten Horn of Africa Development Initiative (HODI) will sie den Teufelskreis der Gewalt in ihrem Land durchbrechen. HODI kümmert sich vor allem um Bildung, Rechtsbeistand, Unterstützung für Frauen und bessere Lebensumstände für die ärmeren und verletzlichen Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft im Norden Kenias. Im Juli 2007 wurde HODI offiziell als Nichtregierungs-Organisation registriert.
Auch Auma Obama, bei Care in Nairobi verantwortlich für Sport und die Schwester von Barack Obama, unterstützt Fatuma und ihre Mädchen und Friedensprojekte in Kenia. Auma Obama kam deshalb auch zur Pressekonferenz nach Stuttgart.
In der Dürreregion im Nordwesten Kenias herrscht Krieg zwischen verfeindeten Nomadenstämmen. Die engagierte Menschenrechtsaktivistin erklärt: "Sie kämpfen meist um Wasser und um Weideland für ihr Rinder und Ziegen. Doch jetzt töten sie auch nur um des Tötens willen. Es geht nur darum, sich gegenseitig weh zu tun, sich zu verletzen. Durch den Wassermangel und die zunehmende Trockenheit steigen auch unsere Konflikte." Fatumas Ziel ist es, das sinnlose Töten zu beenden.
In der archaischen Männergesellschaft herrschen Stammesälteste, es gelten Scharia-Gesetze und Frauen haben nichts zu sagen - eine lebensgefährliche Aufgabe für die 33-jährige. "Frauen haben bei uns keine Stimme. Du wirst weder gehört noch gesehen. Sie dürfen nichts entscheiden. Aber langsam ändert sich das. Ich bin die erste Frau in der Region, die Jura studiert hat. Ich leite als Frau die erste Hilfsorganisation hier und das seit Jahren. Viele Männer glauben, dass ich irgendwann aufgebe und wegziehe. Darauf warten sie, aber ich bleibe hier."

Fußball in Kenia
Die Rechtsanwältin lässt sich nicht abschrecken, auch nicht, wenn fanatische Imame in ihren Freitagsgebeten gegen sie hetzen und sie Morddrohungen per SMS erhält. Sie kontert mit ihrer Friedensbotschaft: "Shoot to score, not to kill" - "Schießen um Tore zu erzielen und nicht um zu töten". Fußball spielen vereint, sagt sie. Belohnt wird Fairplay und ein friedvoller Umgang miteinander. 138 Mannschaften hat sie gegründet. Darunter zwei Mädchenmannschaften. Eine kleine Revolution in der muslimischen Stammesgesellschaft: "Wir nutzen Fußball, um das Schweigen zu brechen. Das Schweigen über Traditionen wie Zwangsheirat oder Genitalverstümmelung. Und wir helfen jungen Müttern, wieder zur Schule zu gehen und zwar durch Fußball."
In der zarten Frau steckt enorme Energie. Sie ist eine Kämpferin, verhandelt geschickt und zeigt Durchhaltevermögen im Kampf um Frieden und Frauenrechte. "Ich spiele Fußball, obwohl man mir sagte, ich könnte das nicht. Durch Fußball kann ich zeigen: Egal was man euch gesagt hat, Ihr könnt erreichen was ihr wollt, wenn ihr es nur versucht."
Mit Fußball, Diplomatie und Charme hat sich Fatuma Gehör verschafft. Ihre Hilfsorganisation bietet nicht nur Rechtsbeistand, Unterricht in alternativen Landwirtschaftsmethoden, sondern kooperiert mit Schulen. Denn Bildung, sagt Fatuma, sei das einzige Mittel, ein Stück Freiheit zu erlangen. Ihr Credo: Wir müssen lernen, an uns zu glauben.
"Bildung, Bildung und nochmal Bildung. Denn Bildung ist das einzige Mittel, die Augen zu öffnen. Wenn ich nicht in die Schule gehe, dann werde ich nicht erfahren, was Beschneidung wirklich heißt und welche Folgen das hat. Niemand wird dir sonst die Wahrheit darüber sagen. Im Dorf reden sie nur positiv darüber. Keiner wird über die Schmerzen sprechen, die du haben wirst, wenn du zum ersten Mal mit einem Mann schläfst oder wenn du ein Kind zur Welt bringst. Jeder sagt dir, wenn du beschnitten bist, dann wirst du auch einen guten Mann bekommen."
Überraschung über die Auszeichnung mit dem Friedenspreis
Fatuma Abdulkadir Adan war von der Auszeichnung mit dem Stuttgarter Friedenspreis völlig überrascht und dankte dem "Peace Counts"-Komitee: "Das ist eine so tolle Bestätigung für HODI und all die Jugendlichen, die in unserem Fußballprojekt aktiv sind. Wenn ihr nicht zu uns in den Busch gekommen wärt, wüsste die Welt nichts über HODI und unser Wirken. Ihr seid unsere Stimme da draußen!"
Susanne Babila, SWR International; Onlineredaktion: Heidi Keller
Letzte Änderung am: 17.11.2011, 16.14 Uhr