DemographieDeutschland: Weniger, Älter, Bunter?

Der Untergang der Bevölkerung wird seit langem vorausgesagt. Aber: "Wann kommt denn der Untergang, der seit hundert Jahren weltweit angekündigt wird?", fragt Thomas Etzemüller, Juniorprofessor für Zeitgeschichte in Oldenburg. Eine Buchbesprechung von Karl-Heinz Meier-Braun.

Altes Szenario vom "Aussterben"

Der Historiker macht deutlich, wie alt das Horrorszenario eigentlich ist: aufgrund der höheren Lebenserwartung weitet sich die Spitze der Bevölkerungspyramide aus. Die Pyramide wird zur Glocke und dann zur Urne, was der Bevölkerungsstatistiker Friedrich Burgdörfer bereits 1932 in seinen Schaubildern festhielt und vor der Vergreisung und dem Aussterben der Deutschen warnte. Etzemüller kritisiert, dass der demographische Diskurs "eine Wissenschaft der Angst" sei, in der die Apokalypse der Welt gepredigt werde, ohne jemals wahr geworden zu sein. Nach Prognosen aus dem Jahre 1919 hätte die Bevölkerung schon im Jahre 1975 überaltert sein müssen. Großstädte wie Berlin, so hieß es damals, seien buchstäblich vom Aussterben bedroht. Etzemüller macht deutlich, dass das Bild vom Bevölkerungsaufbau als Pyramide jedoch keine natürliche Begebenheit ist, sie werde nur immer wieder als Idealzustand von den Bevölkerungswissenschaftlern dargestellt. In Wirklichkeit ist nach Auffassung von Etzemüller die Pyramide aber eine Ausnahmeform des 19. Jahrhunderts, als die Kindersterblichkeit rapide gesunken war. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich der Bevölkerungsaufbau jedoch immer wieder gewandelt.

Weniger, Älter, Bunter

Der Autor, der in Tübingen studiert und promoviert hat, wirft Bevölkerungswissenschaftler wie Herwig Birg oder Josef Schmid vor, dass sie mit ihren Statistiken und Prognosen Hysterie erzeugen würden. Außerdem seien sie ideologisch auf nationalstaatliches Denken fixiert. Sie hätten Angst vor Überfremdung durch Zuwanderung. Vor 100 Jahren fürchteten sich die Deutschen davor, von slawischen Massen überrannt zu werden. Heutzutage hätte man Angst vor Bootsflüchtlingen aus der Dritten Welt. Die Demographie werde dazu benutzt, gesellschaftliche Wertvorstellungen durchzusetzen. Beispielsweise sollte - so der Autor - bis in die sechziger Jahre mit der Bevölkerungsentwicklung das traditionelle Geschlechtermodell stabilisiert werden.

Ist also alles gar nicht so schlimm? Alles schon mal dagewesen und nur Hysterie? Können wir uns also beruhigt zurücklehnen? Nein! Das Motto "Demographen haben sich schon immer geirrt" ist doch etwas zu einfach. Jetzt liegen einfach neue Eckdaten beispielsweise über die Geburtenrate und seriöse Berechnungen unter anderem von den Vereinten Nationen auf dem Tisch. Nach den nicht zu widerlegenden Prognosen fehlen in Deutschland einfach die Kinder. Mit diesen Berechnungen setzt sich Etzemüller gar nicht auseinander. Er schreibt ja auch keine wissenschaftliche Arbeit über die Bevölkerungsentwicklung, sondern einen "Essay", wie er selbst betont. Dass die Probleme seit hundert Jahren beklagt werden, ist auch nicht neu.

Der renommierte Bevölkerungswissenschaftler Prof. Ralf E. Ulrich hat dies in einem Beitrag "Wir sterben immer wieder aus" bereits früher beklagt. Ulrich und andere ernstzunehmende Autoren unterstreichen aber, dass die Zuwanderung längst nicht mehr den Bevölkerungsrückgang ausgleichen kann und dass wir vor einer einmaligen demographischen Herausforderung stehen. Wir müssen Anpassungsstrategien beispielsweise in der Zuwanderungspolitik entwickeln und dürfen nicht die Hände in den Schoss legen, denn das wäre die falsche Konsequenz aus dem interessanten Buch von Etzemüller. Sein Verdienst ist es, dass er die Schreckensbilder eines aussterbenden Volkes aus historischer Sicht zurechtrückt und vor Horrorszenarien warnt. Gelassenheit im Umgang mit dem Thema tut gerade in Deutschland Not, wozu Etzemüller anschauliches Material liefert, auch wenn die Zukunftsperspektive "Deutschland wird weniger, älter und bunter" bestehen bleibt.

Buch

Titel der Reihe:
Ein ewigwährender Untergang. Der apokalyptische Bevölkerungsdiskurs im 20. Jahrhundert
Autor:
Thomas Etzemüller
Verlag:
Transcript Verlag Bielefeld.

200 Seiten, 22.80 Euro.

Letzte Änderung am: 21.04.2008, 00.00 Uhr

Weitere Infos in:deengrithrtrSprachauswahl

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