aus Im Grünen vom Samstag, 28.1. | 18.15 Uhr | SWR Fernsehen in Baden-Württemberg
Viele Lachmöwen am Rhein rund um Mainz haben nichts mehr zu lachen. Immer wieder tauchen abgemagerte Tiere mit zerzaustem Gefieder auf, die ums nackte Überleben kämpfen – und das nun schon im dritten Winter. Die Ornithologen Witiko Heuser und Henrik Trost sind ratlos. Seit dem Auftreten der ersten Fälle vor zwei Jahren kommen fast täglich an den Rhein, um das Elend zu dokumentieren. Und es vergeht kaum ein Tag, an sie nicht fündig werden. Mal sind es nur vereinzelte Tiere, mal fast 90 Prozent einer Kolonie von Lachmöwen, die mit seltsamen Verklebungen am Gefieder kämpfen. Die betroffenen Tiere sind klatschnass. Ihnen fehlt offensichtlich der natürliche Gefiederschutz – und das ist lebensgefährlich.
Ihren natürlichen Schutz gegen Kälte und Nässe bekommen die Möwen normalerweise durch das Fett aus der sogenannten Bürzeldrüse, mit dem sie ihr Gefieder einschmieren. Bei einem gesunden Tier perlt das Wasser einfach ab. Bei den verklebten Lachmöwen perlt gar nichts mehr ab. Der Schutz ist verloren. Viele der Tiere erfrieren.
Mehr als 500 Fälle zerzauster, verklebter Lachmöwen haben die Ornithologen bereits dokumentiert. Die Dunkelziffer ist noch viel größer. Die Tiere müssen irgendwie mit einem Stoff in Berührung kommen, der ihr Gefieder zerstört. Die Behörden sind mittlerweile alarmiert. Sogar das Landeskriminalamt Hessen war schon aktiv und hat die Tiere im Labor untersucht und herausgefunden, dass die Lachmöwen mit Tensiden in Berührung kommen müssen – das sind oberflächenwirksame, fettlösende Stoffe. Doch woher die Tenside kommen, konnte noch niemand herausfinden.
Die tödliche Gefahr muss mit der Futtersuche zu tun haben. Jahrelang lebten die Lachmöwen rund um Mainz von den Hausmülldeponien in der Umgebung. Als die geschlossen wurden, mussten sie neue Nahrungsquellen suchen. Und dabei auf irgendeine Futterquelle gestoßen sein, die Ursache für die Verklebungen ist. Wahrscheinlich handelt es sich um ganz normale Reinigungsmittel, die völlig legal in der Industrie verwendet werden - vor allem in der Lebensmittelindustrie – aber eben auch in vielen anderen Branchen. Erste Vermutungen führten die Ornithologen zum Industriegebiet in Wiesbaden-Biebrich – direkt am Rhein. Doch fündig wurden sie dort nicht.
Es ist eine Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen – und zugleich ein Wettlauf gegen die Zeit. Fast täglich gibt es neue Opfer. Wie viele Lachmöwen bereits gestorben sind, ist schwer zu sagen. Die Tiere sterben schwimmend auf dem Rhein. Ihre toten Körper werden dann Kilometerweit stromabwärts getragen. Doch es müssen längst Hunderte sein. Die Ornithologen sind mittlerweile völlig ratlos und hoffen deshalb auf Hilfe aus der Bevölkerung. „Vielleicht“, so Witiko Heuser, „gibt es ja irgendwo einen Mitarbeiter eines Betriebes, der beobachtet hat, dass Lachmöwen eingeflogen sind.“ Die Vogelfreunde im Rhein-Main-Gebiet sind für jeden Hinweis dankbar. Denn die Zeit drängt. Wird die Ursache nicht bald gefunden, werden womöglich noch unzählige Möwen elend zugrunde gehen.
Witiko Heuser
Tel: 0163/1844998
GNOR AK Avifauna
Tel: 06131/671480
Dr. Matthias Werner
Tel: 069/42010514
Letzte Änderung am: 19.01.2010, 18.36 Uhr