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Chemiekalien-Tests Mehr Tierversuche wegen REACH ?

Millionen Ratten und Mäuse müssen sterben, um schädliche Wirkungen chemischer Stoffe auf Mensch und Umwelt möglichst ausschließen zu können. Das scheint eine unausweichliche Folge der 2007 in Kraft getretenen EU-Verordnung zur Überprüfung von Chemikalien zu sein, die man landläufig mit „REACH“ abkürzt, - das steht für „Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von Chemikalien.“ Aber wie viele Millionen, wie viele Millionen zusätzlich? Die EU ging bisher von rund neun Millionen zusätzlicher Tierversuche in den nächsten zehn Jahren aus. Das stellen renommierte Forscher infrage, rechnen mit weit höheren Zahlen! Denn die Daten der EU beziehen sich auf 1994; damals gab es nur zwölf Mitgliedstaaten, nach der EU-Erweiterung sind es aber 27. Und noch drei weitere Nicht-EU-Mitglieder haben sich REACH angeschlossen.

Das weltweit größte Chemie-Unternehmen, die BASF mit Sitz in Ludwigshafen, erwartet allein als Folge von REACH rund 50 Millionen Euro zusätzliche Kosten im Jahr, - nicht nur, aber ganz wesentlich auch aufgrund notwendiger Tierversuche. Eigentlich will niemand: weder Politik noch Wirtschaft, Wissenschaft oder Öffentlichkeit - eine drastische Zunahme von Tierversuchen, die Tiere ja nicht nur tötet, sondern sie vorher auch quält und leiden lässt. Im Gegenteil: auch im EU-Parlament und in Verordnungen der EU wird die Reduktion oder der vollständige Verzicht auf Tierversuche angestrebt. Hat die EU bei REACH die Auswirkungen in der Praxis nicht bedacht?

Der Anstoß zur öffentlichen Debatte um die Folgen von REACH kam aus den USA, vom weltweit renommierten Toxikologen Thomas Hartung, einem Professor aus Deutschland, der mittlerweile an der Universität von Baltimore, in der Nähe von New York, lehrt und forscht. Er hat die Zahlen der EU überprüft und gelangt zu ganz anderen Schlüssen: nicht nur rund 30.000 Altchemikalien, wie von der EU angenommen, müssten in den kommenden Jahren überprüft werden, sondern eher über 100.000, bis zu 140.000. Die Zustände europäische Stelle, die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) weist diese Annahme zurück. Aber wenn – wie bisher gängige Praxis – für einen einzigen Test über zwei Ratten-Generationen beispielsweise 3.200 Versuchstiere „verbraucht“, das heißt getötet werden, dann kommt man leicht zu Zahlen, die statt bei neun Millionen Tieren eher bei über 50 Millionen REACH-Tieropfern liegen.

Wie sieht es aus mit Alternativen? Mit tierversuchsfreien Tests? Die Tierversuche selbst sind im übrigen ja auch nur bedingt aussagefähig, was ihre Übertragbarkeit auf den menschlichen Körper betrifft: Menschen sind keine 70-kg-Ratten! Es gibt Alternativen. Professor Hartung ist einer der vielen Wissenschaftler, die weltweit an tierversuchsfreien Methoden zur Überprüfung chemischer Stoffe arbeiten. Die Politik vergibt dafür Preise, unter anderem auch in Rheinland-Pfalz, im Juni 2009, an Wissenschaftler am Institut für Pathologie der Universität Mainz. Aber selbst ein - wie hier mit 20.000 Euro - gut dotierter Preis ist noch keine internationale Anerkennung, in der Fachsprache „Validierung“. Und daran vor allem hapert es: solange nicht zumindest europaweit, besser: weltweit – ganz konkrete tierversuchsfreie Testverfahren für Chemikalien anerkannt sind, werden die Chemie-Unternehmen, deren Stoffe registriert und anerkannt werden müssen, weiterhin überall auf dem Globus „möglichst preiswerte“ Labors mit Tierversuchen beauftragen, gegen eigene moralische Bedenken und zu immer noch horrenden Kosten. Die öffentliche Debatte um die Folgen von REACH kommt also hoffentlich gerade noch rechtzeitig, um der Anerkennung tierversuchsfreier Methoden zum entscheidenden Durchbruch zu verhelfen.


Weitere Informationen:


FAZ Nummer 215, 16.9.2009
Artikel von Laura Höflinger: Wie viele Millionen Opfer?

Der Tagesspiegel, Nummer 20363, 27.8.2009-11-17
Artikel von Ralf Nestler: 3200 Ratten pro Chemikalie

Die Zeit Nummer 40, 24.9.2009
Artikel von Josephina Maier: Versuch ohne Schmerz?

FR Nummer 219, 20.9.2007
Artikel: Alternative Methoden sind besser

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 214, 16.9.2009
Artikel: Neue Schätzung des Tierverbrauchs von REACH


Organisation: Menschen für Tierrechte

Tierversuchsgegner Rheinland-Pfalz e.V.
Ansprechpartnerin: Dr. Christiane Baumgartl-Simons
Ringstraße 118
55566 Bad Sobernheim
Tel: 06751/950391
Fax: 06751/950392

E-Mail:
info@rp.tierrechte.de
Internet:
www.rp.tierrechte.de

Letzte Änderung am: 17.11.2009, 13.03 Uhr

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