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Ökonomie und Ökologie im Konflikt Holzindustrie gegen Nationalpark in Rheinland-Pfalz

aus der Sendung vom Dienstag, 31.1. | 18.10 Uhr | SWR Fernsehen in Rheinland-Pfalz

Interview mit der Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, Professor Beate Jessel


Im Grünen:

Frau Jessel, die Kritik die an den Nationalparkplänen geäußert wird, ist teilweise massiv. Wir haben in Deutschland ja schon 14 Nationalparks: Gibt es da Erkenntnisse, dass durch Ausweisung eines Nationalparkgebietes, Holzfirmen insolvent gingen und Brennholznutzer nicht mehr alternativ heizen konnten?

Professor Jessel:
Da, wo Holz überwiegend aus einem Gebiet entnommen wurde, dass als Nationalpark ausgewiesen wurde, k a n n es im Einzelfall zu Härten kommen. Man muss dabei aber sehen, dass das nur ganz wenige Betriebe sind. Es handelt sich ja nur um eine -im Vergleich zur Gesamtwaldfläche- verschwindend geringe Fläche (in der Regel max. 1 %). Worauf ich aber insbesondere hinweisen möchte:

Es gibt in Nationalparken ja auch eine Umbauphase des Waldgebietes von bis zu 30 Jahren, in denen weiter Nadelholz entnommen und verwertet werden kann. Es bleibt also genügend Zeit für eine Umstellung. Letztlich ist auch zu bedenken, dass der Holzeinschlag in den rheinland-pfälzischen Staatswäldern in den letzten Jahren bereits deutlich gesteigert wurde (um ca. 40%), es hier also praktisch eine „Vorleistung“ gab.

Im Grünen:
Und für die privaten Brennholznutzer?

Profesor Jessel:
Da ist es im Rahmen einer Informationsphase ganz wichtig festzustellen: Wie viele Brennholznutzer sind betroffen und wie kommen die an ihr Holz in vertretbarerer Entfernung und zu akzeptablen Kosten. Die Einführung eines Nationalparks -und das zeigt sich an diesem Beispiel ganz deutlich- muss immer Hand in Hand mit den wirklich Betroffenen erfolgen.

Im Grünen:
Professor Jessel, die Forstindustrie fordert als Ausgleich für Flächen, die in einem künftigen Nationalpark nicht mehr forstwirtschaftlich genutzt werden, die Bereitstellung von zusätzlichen Flächen für den Anbau schnell wachsender Bäume, wie Fichte oder Kiefer. Wäre das für Sie eine denkbare Option?

Professor Jessel:

Ich hatte ja bereits ausgeführt, dass es sich hier um sehr geringe Waldflächen handelt, die für Nationalparke in Anspruch genommen werden. Selbstverständlich kann man über eine Ausweitung der Waldfläche nachdenken-, die im Übrigen ja bereits auch seit Längerem stattfindet. Was ich jedoch für überhaupt nicht angezeigt halte, ist die Neuanpflanzung von reinen Nadelbaummonokulturen. Seit vielen Jahren bemühen sich die Bundesländer, die Staatsforst und viele private Waldbesitzer darum, den Wirtschaftswald naturnäher und damit nachhaltiger zu bewirtschaften. Dabei wird sinnvoller Weise auf Laub- und Mischwälder gesetzt. Reine Nadelbaumkulturen würden diese sinnvollen und auch sehr erfolgreichen Bemühungen konterkarieren. Außerdem hat sich in den letzten Jahren gezeigt, wie anfällig solche Bestände gegenüber Stürmen und auch gegenüber Kalamitäten sind. Dies mag im Interesse der Holzindustrie sein, die auf diesem Wege schnell und preiswert an Holz kommt. Für die Waldbesitzer und die Allgemeinheit wäre dies jedoch ggf. mit erheblichen Kosten verbunden, die mir nicht akzeptabel erscheinen.

Im Grünen:
Nun wird der Angst um die eigene Existenz, noch anderes vorangestellt. Die Säge- und Holzindustrie behauptet: Ein Nationalpark verhindere sogar Artenschutz und Artenvielfalt…..

Professor Jessel:
Das ist so sicher nicht richtig, dahinter steckt aber Folgendes:
Es werden sich solche Arten zurückentwickeln, die bisher z.B. durch Fichtenforste gefördert wurden wie etwa Fichtenkreuzschnabel, Tannenmeise oder Tannenhäher. Aber das ist gar nicht die Artenvielfalt, die in den ursprünglichen Wäldern des rheinland-pfälzischen Hügellandes beheimatet ist, denn das Einwandern dieser Arten ist ja erst durch den Eingriff der Menschen, z. B. das Anpflanzen von Fichten möglich geworden. In einem laubholzreichen „Wildniswald“, wo Bäume auch eines natürlichen Todes sterben dürfen, werden sich im Alt- und Totholz zum Beispiel wieder solche Käferarten entwickeln können, die es bisher kaum noch oder gar nicht mehr gab. Gerade diese alten Bäume, die im Wirtschaftswald allenfalls in Einzelexemplaren vorkommen, beherbergen zudem eine Vielzahl von Höhlen, die für eine Reihe von Vögeln (z. B. Wald-, Rauhfuß- und Sperlingskauz, Spechte, Hohltaube) und gefährdeten Fledermäusen von existenzieller Bedeutung sind, - alles Arten, die naturnahe, alte Wälder benötigen, in intensiv genutzten Wirtschaftswäldern dagegen kaum eine Heimat finden und deshalb bei uns selten geworden sind.

Im Grünen:
Zurück in die Zukunft also…


Professor Jessel:

Tatsächlich sind Nationalparks auch ein Gewinn für die Forstwirtschaft der Zukunft: Denn in diesen Gebieten können wir dann sehen, wie die natürliche Vegetation ohne andere Einflüsse tatsächlich z. B. auf den Klimawandel reagiert, welchen Baumarten hier die Anpassung gelingt und welchen eher nicht. Daraus erwachsen dann unmittelbar Erkenntnisse für viele Bereiche, eben auch die Forstwirtschaft, wenn es darum geht, den Wirtschaftswald für die Zukunft fit zu machen. Wildnisgebiete in Nationalparken sind Lern- und Experimentierräume, aus denen wir auch für die genutzte Landschaft lernen können.


Im Grünen:
Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


 




Adressen:


Kontakt zu unserem Experten/Drehpartnern:
Bundesamt für Naturschutz
Konstantinstr. 110
53179 Bonn
Telefon: 0228 / 8491-0
Telefax: 0228 / 8491-9999
Email: info@bfn.de

http://www.bfn.de

 

 

Weitere Information:

Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft Rohholzverbraucher e.V. (AGR) zu Nationalparkplänen in RP

http://www.rohholzverbraucher.de

Letzte Änderung am: 31.01.2012, 11.09 Uhr

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