aus der Sendung vom Dienstag, 11.5.2010 | 18.15 Uhr | SWR Fernsehen in Rheinland-Pfalz
Gründe zum Verbieten gäbe es genügend: Mehr als eine Million Seevögel und 100.000 Meeressäugetiere gehen weltweit an Resten von Plastikmüll zugrunde. Was zum Beispiel bei Vögeln passiert, wenn sie Plastiktüten-Stücke als Nistmaterial nehmen, ist ebenfalls bekannt: sie können zum qualvollen Tod ihres Nachwuchses führen: das wasserdichte Material staut Regenwasser im Nest. Die Vogelküken sterben an Unterkühlung oder ertrinken. Plastiktüten sind überall - aus unserer Einkaufswelt sind sie kaum noch wegzudenken. Verbraucht jeder Deutsche durchschnittlich nur eine Tragetasche pro Woche, kommt man auf fünf Milliarden Plastiktüten im Jahr. Das sind hunderte von Güterwaggons vollbeladen mit Plastiktüten. Aber Plastiktüten verseuchen die Umwelt und die Meere. Vielerorts findet man inzwischen mehr Plastik als Plankton. Strände ersticken in Plastikmüll und Tüten. Verbote gibt es deshalb inzwischen auf der ganzen Welt. In China drohen harte Strafen, in Indien sogar bis zu fünf Jahre Gefängnis. Selbst die Stadt San Franzisco erhebt Bußgelder für Plastiktüten.
Wir haben eine Umfrage bei Koblenzer Passanten gemacht: Ein Plastiktüten-Verbot halten sie für sinnvoll! Aber weil wir in Deutschland so fleißig unseren Müll sammeln und trennen, hält das Umweltbundesamt ein Verbot für gar nicht nötig. Denn unsere Tüten landen kaum noch als Problemmüll in der Natur, sondern werden entweder recycelt oder zumindest verbrannt zu Energie. Zum Weltmeister im Sortieren macht uns auch Titech, einer der Weltmarktführer für Müllsortieranlagen sitzt in Rheinland-Pfalz. Nur wenn man sortenrein trennt, kann aus einer alten Tüte wieder eine neue Tüte werden. Am einem Müllsortier-Computer wählt man eine Plastiksorte. Das Gerät identifiziert mit Lichtstrahlen per Laser-Spektralanalyse das Material und seine genaue Lage auf dem Förderband. Die Information wird an Luftdüsen weitergegeben, die dann präzise die gewählten Objekte vom Band blasen, zum Beispiel Plastikfolien. So gewinnt man sortenrein getrennte Wertstoffe aus Müll zurück, unter anderem für das Kunststoffrecycling. Der größte Plastiktüten-Hersteller Europas sitzt ebenfalls in Rheinland-Pfalz und zwar im Hunsrück. TV-Kameras werden auf dem Betriebsgelände nicht erlaubt, aus Angst vor Industriespionen. Wir dürfen nur von außen filmen. Immerhin: ein Achtel der Tüten-Produktion besteht aus recyceltem Kunststoff. Und weil sie über 80 Prozent aus Recycling-Material hergestellt werden, tragen sie sogar das Zeichen für umweltschonende Produkte - den Blauen Engel.
Sehr viel umstrittener sind andere Alternativen zu Plastiktüten: Größere Umweltprobleme als gedacht, macht Papier. Die Herstellung ist aufwendig, frisst Energie und Rohstoffe. Die Entsorgung ist zwar gesichert: entweder es wird zu Kompost oder gesammelt und recycelt, aber wegen hoher Rohstoff- und Transportkosten haben Papiertüten keine bessere Umweltbilanz. Auch neue Bio-Kunststoffe, die sich zu Kompost zersetzen, machen vorläufig noch Probleme. Hat Bio-Kunststoff aus Kartoffeln oder Mais Erfolg, könnte das zu landwirtschaftlichen Monokulturen führen. Auch die Entsorgung läuft noch nicht reibungslos: Im Gelben Sack kann Bio-Kunststoff das Recycling stören. Das Material ist zwar kompostierbar, aber die Kompostbetriebe kommen noch nicht überall damit klar, wenn sie in der Biotonne Bio-Plastik finden. Egal ob Bio, Plastik oder Recycling: Herstellung und Entsorgung brauchen immer Energie und Rohmaterial. Deshalb ist jede neue Tragetüte, auf die man verzichtet, immer noch die beste Lösung! Zumal es ja prima Alternativen gibt: etwa Körbe oder Klappkisten!
Letzte Änderung am: 10.05.2010, 15.04 Uhr