Sendung vom Dienstag, 15.3.2011 | 18.10 Uhr | SWR Fernsehen in Rheinland-Pfalz
Es ist eine höchst beunruhigende Studie über die Gefahren von Atomkraftwerken in Deutschland. Forscher des Deutschen Kinderkrebsregisters der Universität Mainz haben in einer aufwendigen Fallkontrollstudie einen statistischen Zusammenhang entdeckt zwischen Kernkraftwerken und Krebserkrankungen bei Kindern. Im Zeitraum zwischen 1980 und 2003 zählten sie die Kinderkrebsfälle in der Umgebung von allen 16 deutschen Atomkraftwerken und verglichen sie mit dem Bundesdurchschnitt. Das Ergebnis ist alarmierend: 37 Kinder waren im 5-km-Umkreis von Reaktoren neu erkrankt. Im Durchschnitt aber wären nur 17 Fälle zu erwarten gewesen. Das heißt: Im 5-km-Radius rund um die deutschen Atomkraftwerke hat sich die Zahl der krebskranken Kinder mehr als verdoppelt. Erweitert man den Radius auf 50 km, muss man sogar von 121 bis 275 zusätzlichen Krebsfällen ausgehen.
Von der Fachwelt werden die Wissenschaftler einhellig für die Methodik ihrer Fallkontrollstudie gelobt. Es war die weltweit bisher aufwendigste Studie über den Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen bei Kindern und der Wohnortnähe zu Atomkraftwerken. Das aber die Atomkraftwerke auch an den Erkrankungen schuld sein sollen, dagegen wehren sich jetzt die Mainzer Autoren bei ihrer Interpretation und verweisen auf zahlreiche andere mögliche Ursachen, die jedoch nicht Gegenstand der Studie gewesen seien. "Alle Atomkraftwerke" - so die Autoren - "lägen z.B. in erdbebensicheren Gebieten, in ländlichen Regionen, die möglicherweise durch Pestizide belastet seien." Auch wären Strahlungen durch Hochspannungsleitungen eine mögliche Ursache und nicht zuletzt könne man auch den Zufall nicht ausschließen.
Gegen diese Interpretation der Mainzer Wissenschaftler regt sich heftiger Widerstand. Kann hier nicht sein, was nicht sein darf? Das fragen sich nicht nur Anti-Atomkraft-Aktivisten, sonder auch große Teile der Wissenschaft: Unter anderen der Bremer Professor Eberhard Greiser, Epidemiologe und Mitglied eines Expertengremiums, das die Mainzer Studie begleitete. "In dieser Studie wurden alle möglichen anderen Risikofaktoren in Stichproben untersucht und es wurde kein Ergebnis gefunden", so Greiser. Seiner Ansicht nach müssen also die Emissionen der Atomkraftwerke mit großer Wahrscheinlichkeit schuld an den vermehrten Krebserkrankungen sein.
Die Mainzer Forscher dagegen verweisen darauf, dass keine erhöhten Strahlungen in der Umgebung der Kraftwerke gemessen wurden. Doch nach Meinung der Physikprofessorin Inge Schmitz-Feuerhake von der Universität Bremen setzen Atomanlagen mehr Radioaktivität frei als offiziell angegeben. Das wurde z.B. beim Atomkraftwerk Krümel nachgewiesen, wo bei Kindern in der direkten Umgebung des Kernkraftwerkes signifikant mehr dizentrische Chromosomen nachgewiesen wurden als bei nicht exponierten Kindern. Ihrer Meinung nach seien auch die festgelegten Grenzwerte für gefährliche Strahlendosierungen nicht auf Kleinkinder anwendbar, da Embryonen, Säuglinge und Kleinkinder viel empfindlicher auf Strahlung reagieren.
Nicht nur besorgte Eltern, die in der Nähe Atomkraftwerken leben, sondern auch viele Ärzte und Wissenschaftler befürchten jetzt, dass das brisante Ergebnis der Mainzer Studie aus politischen und wirtschaftlichen Interessen kleingeredet werde. Die Mainzer Autoren der Studie halten sich zurück. Sie könnten als Wissenschaftler nur die Fakten liefern. Es sei Aufgabe der Politik, Rückschlüsse aus dem Ergebnis zu ziehen. Das Ergebnis der Studie aber legt nahe: Kernkraftwerke sind mit hoher Wahrscheinlichkeit die Ursache für vermehrte Fälle von Kinderkrebs und Leukämie.
Unsere Kinder habe es verdient, dass man jetzt mit vereinten Kräften alles daran setzt, herauszufinden, wie gefährlich Atomkraftwerke wirklich sind.
Letzte Änderung am: 29.01.2008, 00.00 Uhr