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Interview zur Dürre in Kenia "Krieg ist wie eine Dürre"

Kenia leidet unter extremen klimatischen Schwankungen. Auf heftige Dürrezeiten folgen überdurchschnittlich nasse Jahre. Welche Faktoren dabei außer dem Klimawandel eine Rolle spielen und wie sich diese Krisen auf die Menschen auswirken, erzählt der Ethnologe Michael Bollig von der Universität Köln im Interview.

SWR.de: Was verstehen wir darunter, wenn wir von der Dürre in Kenia sprechen? Welches Ausmaß hat dieses Problem?

Michael Bollig: Dürren sind in Kenia ein relativ häufiges Phänomen. Wobei Kenia aufgrund der Berg-Tal-Situation sehr unterschiedlich anfällig ist. Da haben wir die Höhenlagen um den Mount Kenia und in West-Kenia, die eigentlich kaum Dürren haben. Aber zwei Drittel des Landes, der gesamte Norden und der Rift Valley-Boden gehören in den Halbwüstenstreifen Ostafrikas. Und da müssen wir in drei von zehn Jahren mit leichten Dürren rechnen. Ungefähr jedes zehnte Jahr hat man eine schwere Dürre. Das sind weniger als 30 bis 40 Prozent durchschnittlicher Niederschlag.

Wie viel Niederschlag haben wir hier in Deutschland ungefähr, zum Vergleich?

Das ist auch in Deutschland unterschiedlich. Aber hier regnet es über das ganze Jahr, während es sich in Kenia auf eine zentrale Regenzeit und eine kleine Regenzeit konzentriert. Von Dezember bis Ende März regnet es häufig überhaupt nicht. In den Dürrejahren 2008 und 2009 sind die kurzen Regenzeiten, Oktober und November, komplett weggefallen. Und die großen Regenzeiten, April bis Juni, waren unterdurchschnittlich ergiebig.

Aber: Das ist kein einmaliges Phänomen in Kenia. 2000 gab es eine riesige Dürre. 1990, '91, '92 waren sehr trockene Jahre. Letztendlich haben wir da eine Pendelbewegung, die offenbar durch den Klimawandel noch weiter forciert wird. Denn es gibt mittlerweile ein Auf und Ab, nach sehr trockenen Jahren wie 2008 und 2009 haben wir dann auch ausnehmend nasse Jahre. Was dann ebenso große Probleme für die Farmer mit sich bringt, denn dann verrottet der Mais auf den Feldern und auch andere Feldfrüchte haben große Probleme.

Was passiert, wenn auf eine längere Dürre ein kurzer Regen folgt?

Es gibt massive Abschwemmungen. Ich kann mich an Nächte erinnern, in denen 110 Millimeter Niederschlag fielen, das ist wie wenn es aus Kübeln gießt. Ein Siebtel unseres Jahresniederschlags in Köln fällt da in einer Nacht. Danach ist es wochenlang trocken. Wenn so ein Gebiet vorher überweidet oder stark abgeholzt wurde, dann schwimmt ein ganzer Meter Oberboden weg.

Welche Rolle spielt die Abholzung?

Auch eine sehr große. Der Norden des Landes ist ja ohnehin Halbwüste, offene Savanne, da spielt Abholzung auch eine Rolle, das trägt dann aber eher zum Verlust von Weidequalität bei. Massive Auswirkungen hat etwa, das ist ein Politikum in Kenia, die Abholzung der Mau-Wälder. Dieser Wald ist in den letzten 30 Jahren quasi abgeholzt worden, obwohl er unter Schutz stand. Die Konsequenz sind massive Bodenerosionen.

Hat auch der Klimawandel Schuld an dieser Dürre?

Ich will da sehr vorsichtig sein. Man nimmt an, dass der Klimawandel deutlich auf diese extremen Schwankungen wirkt, sie also noch beschleunigt. Insgesamt wissen wir relativ wenig darüber, wie sich der Klimawandel in Ostafrika auswirken wird. Wir wissen, dass es wärmer wird. Die Schneekappen auf dem Kilimandscharo und dem Mount Kenia schmelzen. Wir wissen, dass wir wahrscheinlich in zehn Jahren keinen Schnee mehr auf dem Mount Kenia haben werden, und das wird möglicherweise 20, 30 Jahre später auch auf dem Kilimandscharo der Fall sein. Welche Konsequenzen aber die Erwärmung auf Niederschläge hat, wissen wir noch gar nicht so genau. Eigentlich soll es in Ostafrika mehr regnen in den nächsten Jahren, das sagt das Gutachten der Weltklimakonferenz.

Aber das ist nur ein Faktor und es irritiert mich, als jemand, der seit Mitte der 80er Jahre in Kenia arbeitet, dass jetzt stark die Problematik auf den Klimawandel verengt wird. Letztendlich interessiert uns ja gar nicht so sehr, dass es weniger regnet, sondern dass Menschen dem Hungertod nahe sind oder verhungern, dass es extreme Ernährungsengpässe gibt. Bevölkerungsdruck, wirtschaftliches und politisches Missmanagement und extreme interne Konflikte spielen eine wesentliche Rolle. Das wird heute häufig unter diesem Klimawandelaspekt zur Seite gekehrt.

Wie wirken sich Dürreperioden auf die Menschen aus?

Nahrungsmittel werden teuer. 2009 hat sich das Grundnahrungsmittel Mais während der Dürre preislich verdoppelt. Das Vieh krepiert. Kinder kommen nicht mehr zur Schule. Die Kindersterblichkeit geht deutlich hoch, das Krankensystem wird stark belastet. Der wirtschaftliche Schaden ist immens. Wenn eine Herde von 100, 200 Tieren eingeht, dauert es ja zehn, zwölf Jahre, bis sie wieder ihren Stand erreicht hat. Die Auswirkungen gehen bis ins politische System, dass die Konflikte zwischen den ethnischen Gruppen angeheizt werden. Sie versuchen natürlich in der Not, Raum zu gewinnen, sich einen Zugang zu einem Seeufer zu erkämpfen, wo noch etwas Gras ist. Das heizt auch militärische Konflikte an.

Welche Auswirkungen haben diese kriegerischen Konflikte?

Die Pokot, mit denen ich zusammenarbeite, sagen, kriegerische Auseinandersetzungen wirken sich aus wie eine Dürre und die beobachten das ganz richtig. Es passiert folgendes: Es gibt Überfälle zwischen ethnischen Gruppen, dann zieht sich ein Teil der Bevölkerung aus Angst auf bestimmte Räume zurück, in die Nähe einer Polizeistation, einer Armeebasis. Und dort wird's dann sehr eng. Da ist sehr viel Vieh, dann ist schnell alles abgeweidet. Es kommt zu Erosionserscheinungen. Das sieht dann aus wie eine Dürre, auch wenn es in dem Jahr passabel gut regnet. In den 90er Jahren war es zeitweise so, dass weite Landstriche überhaupt nicht beweidet wurden, weil die Leute einfach zu viel Angst hatten, dass sie dort Opfer von Überfällen der Nachbargruppe werden.

Das Gespräch führte Samantha Maier

Letzte Änderung am: 21.09.2010, 16.59 Uhr