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Interview mit Suman Sahai "Niemand ist klüger als der Bauer und seine Familie"

Täglich verhungern 25.000 Menschen. Gentechnisch verändertes Saatgut soll helfen, dieses Elend zu bekämpfen - auch in Indien. Die Wissenschaftlerin Suman Sahai bezweifelt den Erfolg dieses Weges. Denn die alten angepassten Reissorten werden immer mehr von Hochertragssorten internationaler Konzerne verdrängt. Sahai hat die Organisation "Gene Campaign" aufgebaut, um das alte, über Generationen zusammengetragene Wissen indischer Bauern über Reis zu bewahren.

Petra Zundel: Weil Sie nicht richtig in den Kampf gegen Hunger in Indien eingreifen konnten, sind Sie zurück in Ihre Heimat gegangen und haben die "Gene Campaign" gegründet. Warum?

Suman Sahai: Um die Lebensbasis der Kleinbauern zu verbessern und die Ernährungssicherheit nachhaltig zu machen. Um unseren traditionellen Reis und andere Getreidesorten zu schützen und wieder auf den Acker zu bringen. Und wegen der Entwicklungspolitik, zum Beispiel wegen des Patents auf Saatsamen und der Biopiraterie. Den Reis zu retten, ist ein großer Teil unserer Arbeit. Denn es ist unser Hauptgetreide - und das von drei Vierteln der Menschen auf der Erde.

In welcher Situation lebt ein indischer Kleinbauer?

Er kann auf seinem kleinen Acker nicht genügend Nahrungsmittel erzeugen. Dem Kleinbauer mangelt es an Wasser, sein Boden ist nicht so gut, dann hat er Probleme mit der Saat. Und meistens kommt von der Regierung keine große Hilfe. Der Kleinbauer ist alleine, alles wird teurer. Aber seine Saat bringt ihm nicht die Ernte, die er braucht, um seine Familie zu ernähren.

Erklärt das auch die immens hohe Selbstmordrate unter indischen Bauern? Seit 1997 haben sich 200.000 Kleinbauern aus Verzweiflung umgebracht ...

Das ist entsetzlich. Wenn ein Bauer sich umbringt, ist das einer zu viel. Das ist eine unerträgliche Situation.

Wie helfen Sie in Indien?

Wir arbeiten mit den Bauern zusammen und bringen ihnen bei, ihr altes Wissen über den Reis zu wecken. Und wir versuchen, die moderne Wissenschaft, die sie selbständig benutzen können, umzusetzen. Und natürlich kämpfen wir für eine Politik, die die Situation des Kleinbauers verbessert.

Genverändertes Getreide galt jahrelang als Chance, um mit höheren Erträgen die hungernden Menschen zu retten. Warum klappt das nicht?

Hunger entsteht, weil eine Ungerechtigkeit entsteht. Wenn das Wasser nicht vorhanden ist, kann eine gentechnische Sorte auch nichts bringen. Die Lösung muss woanders liegen. Man muss nach eigenen Ressourcen schauen: Wir haben im Moment 14 alte dürreresistente Reissorten. In 30 Jahren Gentechnik ist kein dürreresistenter Reis gezüchtet worden.

Wo finden Sie diese alten Reissorten?

Die stammen von irgendeinem Kleinbauer aus irgendeinem Dorf. Er hat den Reis immer noch auf dem Acker. Wir fragen ihn nach den Eigenschaften seiner Sorten. Niemand ist klüger als der Bauer und seine Familie. Er weiß, ob die Sorte dürreresistent ist.

Offenbar gibt es neue Reissorten, die gar nicht satt machen. Wenn man aber von den alten Reissorten einen Teller isst, wird man satt und es hält den ganzen Tag an. Woran liegt das?

An der Stärke. Dieser Hybridreis wird sehr schnell verdaut. Bauern bewahren über Generationen hinweg Reissorten mit verschiedenen Eigenschaften auf. Ebenso wie dürreresistente oder schädlingsresistente Sorten haben Bauern auch solchen alten Reis angepflanzt, der langsam verdaut wird. Bevor er ein Bauer am Morgen aus dem Haus geht, isst er seine Hauptmahlzeit und hat erst Hunger, wenn er abends nach Hause kommt. Den Hybridreis muss man drei Mal am Tag essen, was natürlich die Kosten erhöht.

Wenn Sie die deutsche Entwicklungshilfe in der Hand hätten, was würden Sie anders machen?

Ich würde sie abschaffen. Niemand sollte von Entwicklungshilfe leben. In das Land, das Entwicklungshilfe leistet, fließt mehr Geld zurück, als in das Land, dem geholfen werden soll. Wenn wir einen gerechten Welthandel hätten, auf dem jeder zu einem guten, günstigen, fairen Preis verkaufen kann, wären die meisten Länder in der Lage, sich selbständig zu ernähren. - Und wenn eine Katastrophe eintritt, dann soll die Weltgemeinschaft helfen.

Dieses Interview ist die gekürzte Fassung des Gesprächs, das Petra Zundel am 25.10.2010 in der Sendung "SWR1 Leute" mit Suman Sahai führte. Webfassung: Samantha Maier.

Das komplette Interview zum Nachhören:

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Suman Sahai in SWR1 Leute

Alle fünf Minuten verhungert ein Kind auf der Welt. Eine Milliarde Menschen sind unterernährt. Die Vereinten Nationen bekommen das Welternährungsproblem nicht in den Griff. Die ehemals Heidelberger Humangenetikerin Dr. Suman Sahai versucht, auf lokaler Ebene anzusetzen: Nur wenn die Menschen sich wieder selbst ernähren können, ist es möglich, den Hunger zu besiegen. "Gene Campaign" heißt die Nichtregierungsorganisation von Suman Sahai, die in Indien den kleinen Reisbauern die Existenz sichern soll.

Leute,  25.10.2010 | 28:12 min

Letzte Änderung am: 26.10.2010, 17.43 Uhr