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Der südamerikanische Regenwald leidet unter dem Papierhunger der Welt. Großflächige Eukalyptusplantagen ersetzen artenreiche Urwälder. Der weltweite Papierkonsum steigt immer weiter an, mit schwerwiegenden Folgen für die Bewohner der Erzeugerländer.
Jedesmal, wenn Angela Merkel stolz einen neuen Gesetzesentwurf der Bundesregierung auf den Tisch legt, gedruckt auf mehreren hundert Seiten weißem Papier, dann hat auch sie es getan: Sie hat Papier verbraucht. Das tun die Deutschen gerne. Egal ob Zeitschriften, Taschentücher oder Geschenkpapier: Mit 235 kg pro Kopf und Jahr konsumiert Deutschland heute so viel Zellstoffprodukte wie Afrika und Südamerika zusammen. Trotz der Bemühungen, möglichst viel Papier wiederzuverwenden, werden jährlich tausende Tonnen neues Papier nach Deutschland importiert.
Um den schier unersättlichen Papierhunger zu stillen, werden weltweit große Eukalyptusplantagen angelegt. Eukalyptus wächst schnell und eignet sich optimal zur Zellstoffgewinnung.
Die meisten Importe stammen aus Südamerika, ein Großteil aus Brasilien. Im tropischen Klima Brasiliens wächst der Eukalyptus besonders gut. Die Nachfrage aus dem Ausland steigt kontinuierlich, nicht zuletzt durch den explosionsartig wachsenden Papierbedarf in Indien und China. Der Holzsektor stellt deshalb mittlerweile die zweitwichtigste Einnahmequelle Brasiliens dar. Nur der Sojaanbau ist noch ertragreicher. Das Geschäft mit dem Eukalyptus hat seit den 80er Jahren jedoch zu ernsten sozialen und Umweltproblemen geführt. Riesige Flächen des brasilianischen Küstenregenwaldes mitsamt seinem Artenreichtum fielen dem Eukalyptusanbau zum Opfer.
Die Eukalypten stammen ursprünglich aus Australien und Indonesien. Die meisten Arten wachsen sehr schnell. Der Riesen-Eukalyptus gilt als der Laubbaum mit der größten Wuchshöhe; ein Exemplar des Riesen-Eukalyptus wurde 97 m hoch und besaß einen Stamm-Umfang von 20 Metern. Aus Eukalypten können sowohl stark-riechende ätherische Öle gewonnen werden, als auch qualitativ hochwertiges Holz. Eukalypten sind außerdem die Futterpflanzen des Koala und einiger anderer Beuteltiere, für die meisten anderen Tier- und Pflanzenarten ist er dagegen giftig und nutzlos.
Eukalyptus bildet keine Wälder im eigentlichen Sinne. Unter den rasch wachsenden Bäumen mit ihren ölhaltigen Blättern kann sich kaum eine andere Pflanze durchsetzen. Als Monokultur sind Eukalyptusplantagen von Tieren praktisch unbewohnt. Kritiker bezeichnen diese Plantagen aufgrund ihrer Leblosigkeit als "grüne Wüsten". Ein Problem, das diese Wüsten verursachen: Sie benötigen sehr viel Wasser: Dreißig Liter am Tag. Obwohl Brasilien reich an natürlichen Gewässern und Niederschlag ist, reicht die Feuchtigkeit in den Eukalyptus-Anbaugebieten nicht an die Verhältnisse in der australischen Heimat der Pflanze heran. Eukalyptusplantagen entziehen daher ihrem Umland extrem viel Wasser. Oft sinkt der Grundwasserspiegel ab. Flüsse oder Wasserquellen versiegen, ganze Regionen trocknen aus.
Ein weiteres ökologisches Problem birgt die Herstellung des Papiers. Aus dem kleingehackten Eukalyptusholz wird Zellulose gewonnen. Um daraus rein weißes Papier zu fertigen, wird gern das Bleichmittel Chlor eingesetzt. Ursprünglich wurden hierfür hochgiftige Substanzen wie reines Chlorgas verwendet. Das Chlor führte jedoch zu Krebserkrankungen bei den Arbeitern und den Menschen, die aus den umliegenden Flüssen und Quellen tranken. Das Fabrikabwasser hatte das Wasser stark verseucht. Nachdem die Öffentlichkeit darauf aufmerksam wurde, reagierten die Unternehmen: Chlor wurde durch das weitaus weniger giftige Chlordioxid ersetzt. Dennoch sind die Grundwasserwerte im Umfeld der Zellstofffabriken anhaltend kritisch.
Ein trauriges Beispiel für die fatalen Folgen des großflächigen Eukalyptusanbaus ist der Küstenregenwald an der brasilianischen Atlantikküste. Pro Hektar wachsen hier 450 Baumarten. 92 Prozent der auf der Welt bekannten Amphibienarten leben ausschließlich in diesem Gebiet. Anfang der 70er Jahre begann der brasilianische Papierriese Aracruz den Regenwald großflächig zu roden und durch Eukalyptusplantagen zu ersetzen. Heute sind nur noch knapp sieben Prozent des ursprünglichen Regenwaldes erhalten. Viele Tier- und Pflanzenarten wurden ausgerottet, die indigen Einwohner rücksichtslos verdrängt. Zudem verloren die ansässigen Kleinbauern ihre Anbauflächen und damit ihre Lebensgrundlage. Viele fanden anfangs in den Plantagen eine neue Anstellung, doch durch den zunehmenden Einsatz technischer Hilfsmittel wurden viele Stellen wieder gestrichen. Folglich kam es immer wieder zu anhaltenden, teils gewaltsamen Konflikten zwischen Bevölkerung und Plantagenbetreibern.
In den letzten Jahren wurden einige Weichen gestellt, um gegen die negativen Auswirkungen des Eukalyptusanbaus vorzugehen. So verpflichten sich die Eukalyptusunternehmen keine Steilhänge mehr zu bepflanzen oder großflächigen Kahlschlag zu vermeiden. Beide Maßnahmen verhindern eine Erosion der Böden, auf denen Eukalyptusmonokulturen gepflanzt werden. Zudem erhielten Kleinbauern und indigene Einwohner Teile ihres ursprünglichen und unrechtmäßig enteigneten Landes zurück. Um Druck auf die Papierriesen auszuüben, wurden Zertifikate geschaffen, die nachhaltig und sozialgerecht produziertes Papier kennzeichnen sollen. Leider bieten auch Zertifikate keine absolute Sicherheit. Immer wieder taucht im Handel zertifiziertes Holz auf, das unter ökologisch oder sozial problematischen Bedingungen gewonnen wurde.
Worauf kann man als Konsument achten?
* Möglichst oft Produkte aus Recyclingpapier verwenden.
* Beim Kauf von Papierprodukten auf Gütesiegel achten. Der "Blaue Engel", "FSC" uns "Oecoplan" gelten als vertrauenswürdig.
* Den persönlichen Papierverbrauch hinterfragen.
Tipps zum Papier sparen, gibt es hier.
Autor: Stephan Braig
Letzte Änderung am: 01.10.2010, 13.50 Uhr