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Seehaus Leonberg
Als Memed L. (Name von Herzenssache geändert) am 20.08.2008 zum dritten Mal verhaftet wurde, war er 19 Jahre alt. Gemeinschaftlicher Raub, Körperverletzung, Diebstahl und Sachbeschädigung summierten sich in seiner Akte zu einem saftigen Vorstrafenregister. Das reichte dem Richter für drei Jahre Jugendstrafe im Gefängnis. Wiederholungstäter Memed L. hatte Glück mit seinem Gefängnis: Er kam ins Seehaus, einen Ort, an dem er nicht nur seine Haft verbüßen kann, sondern auch lernt, was ihm bis dahin niemand beigebracht hatte - Disziplin, persönliches Engagement und wie man - eingebettet in eine Gemeinschaft - zu jemandem wird, der Achtung und Wertschätzung erfährt.

Memed L. (links)
Für ihn, das Kind kurdischer Einwanderer, die kaum Deutsch sprachen - einen Jungen, der in der Schule als "lernbehindert" eingestuft worden war, seine Freizeit an Spielautomaten verbummelte, begann im Juli 2009 mit seinem Einzug in eine der drei Seehaus-Wohngruppen ein neuer Lebensabschnitt. "Im Gefängnis hat sich niemand für mich interessiert, hier wird nach meiner Zukunft geschaut", sagt er rückblickend. "Im Seehaus habe ich eine Familie gefunden!" Wie für die meisten Neulinge im Seehaus, war es auch für Memed anfangs schwer: Früh aufstehen, dreimal pro Woche morgens joggen und einen normalen 8-Stunden-Tag durchstehen - das war hart für ihn!

Computerschulung
Täglich benotet werden, von den Hauseltern, den Lehrern, den Mitarbeitern, den anderen Jugendlichen in puncto Ordnung, Sozialverhalten und Arbeitstempo in der Werkstatt. Ständig den anderen Jugendlichen Rückmeldungen geben, Regelverstöße aufdecken und melden, sich im Kreise der anderen Jugendlichen mit der Tat auseinandersetzen und an der Wiedergutmachung arbeiten. "Im Gefängnis hatte ich mehr Freiheiten als hier", sagt er heute und ist stolz darauf, dass er das alles durchgehalten hat. Seine Ausbilder in der Werkstatt leiteten den verträumten Memed an, seine Arbeit gewissenhaft zu erledigen und gleichzeitig zeitliche Vorgaben im Blick zu behalten.
Nach der Zeit im Seehaus soll er auf dem ganz "normalen" Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz finden und seine Vorstrafe durch vorbildliches Verhalten und gute Leistungen ausgleichen. Memed hat seine Chancen im Seehaus für seine persönliche Entwicklung genutzt. In der Gemeinschaft ist er inzwischen in ein Amt aufgestiegen, in dem er sich für andere Jugendliche und für das Gesamtprojekt einsetzen kann. Neben seinem straffen Arbeitsalltag übernimmt er abends und am Wochenende zusätzliche Dienste, um das Geld für die Wiedergutmachung seiner Straftaten zu verdienen.

Soziales Engagement im Pflegeheim
Unscheinbar weist ein Schild auf der Straße nach Leonberg auf die Abzweigung zum "Seehaus" hin. Im Vordergrund ein moderner Neubau, im Hintergrund eine alte Hofreite. Hier gibt es weder eine Schranke noch einen Zaun. Ungewöhnlich, denn im "Seehaus" leben 16 männliche Jugendliche zwischen 14 und 23 Jahren im freien Strafvollzug. "Wenn wir das Gelände eingezäunt hätten, wäre es eine Heldentat zu fliehen, ohne äußere Mauern halten wir die Jugendlichen mit unserem Vertrauen." begründet Seehaus-Begründer Tobias Merckle das Konzept. Ein Gesetz, das einen offenen Jugendstrafvollzug mit freien Trägern ermöglicht, gibt es bereits seit 1953. Doch erst 2003 wurde es erstmals in Form von zwei Modellprojekten konkret umgesetzt: dem Projekt "Chance" in Creglingen-Frauenthal und dem Projekt "Seehaus" in Leonberg. Beide stehen unter der Aufsicht des baden-württembergischen Justizministeriums.
Das Seehaus setzt auf die Wirkung einer positiven Gruppenkultur und eine positive Beeinflussung der Jugendlichen untereinander. Die Idee für dieses Konzept brachte der Begründer und Sozialpädagoge Tobias Merckle aus einem dreijährigen Aufenthalt in Washington und Lausanne bei der Dachorganisation "Prison Fellowship International" mit. 29 Jugendliche haben das Projekt bisher erfolgreich durchlaufen, 22 haben es geschafft, ihr Leben neu auszurichten, sieben sind erneut straffällig geworden. Mit einer Rückfallquote von rund 25 % kann sich dieses Ergebnis durchaus sehen lassen. Im "normalen" Jugendstrafvollzug liegt die Rückfallquote bei 70-80%. Demnächst plant Prisma e.V., ein weiteres Projekt nach dem Modell Seehaus in Sachsen zu starten.
Herzenssache stellte 146.000 Euro zur Verfügung, um die dringend nötigen Sanierungsarbeiten am Dach des Mittelbaus und im Ostflügels zu ermöglichen. Die Arbeiten führten die Jugendlichen mit Unterstützung ihrer Ausbilder durch. Am 25. September feierte das Seehaus (Wieder-)Eröffnung!
Letzte Änderung am: 30.06.2010, 18.30 Uhr