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Ulrike Gehring ist die Produzentin von "Hautnah Heiligabend". Sie hat monatelang mit dem Material gearbeitet, das 30 Kamerateams an Heiligabend 2010 gedreht hatten, und daraus am Schneidetisch neun Stunden spannende Fernsehunterhaltung gemacht. Im Interview mit SWR.de gibt sie einen Einblick in die Arbeit an "Hautnah Heiligabend".
SWR.de: Normalerweise gibt es für einen Film ein Drehbuch, in dem genau steht, was wann passiert. Bei "Hautnah Heiligabend" gab es das nicht. Wie kann das trotzdem funktionieren?

Ulrike Gehring, Produzentin von "Hautnah Heiligabend"
Ulrike Gehring: Man braucht dafür viel Urvertrauen: Wir haben das Leben einfach auf uns zukommen lassen. Und wir haben sehr gute Autoren und sehr motivierte Kamerateams für "Hautnah Heiligabend" gewinnen können. Das ist wie bei Jäger und Sammler: Die Kamerateams erleben eine Menge kleinere und vielleicht auch größere Geschichten - und bringen eine Fülle an Rohmaterial mit.
Wie sind Sie mit diesem Riesenberg an Material umgegangen?
Die Arbeit im Schnitt war eine sportliche Herausforderung und hat mehrere Monate gedauert. Wir haben das Material in mehreren Etappen bearbeitet. So haben wir erst einmal jede Geschichte in einem Rohschnitt vorbearbeitet. Dann haben wir genau überlegt, wann ist in den neun Stunden überhaupt was passiert. Danach habe ich Schritt für Schritt die Dinge verdichtet. Da alles ja in Echtzeit ablaufen sollte, waren zum Beispiel Passagen, in denen Uhren vorkamen, unverrückbar. Damit hatten wir dann "Pflöcke", um die herum alles andere erzählt werden musste.
Wie haben Sie den Überblick über das Gesamtwerk behalten?
Ich habe im Schneideraum eine etwa zwei mal eineinhalb Meter große Magnettafel aufgehängt. Für jede der 30 Geschichten gab es darauf eine Farbe und ein Muster. Die haben wir Schnipsel für Schnipsel an diese Wand gepinnt. So kann man sehen, wann welcher Protagonist vorkommt, in welchem Zeitraum etwas passiert und so weiter. Ich gebe zu, als im August die ersten neun Minuten fertig getextet waren - und dann sieht man diese ganze Wand, und das ist alles noch nicht getextet - da habe ich meinen Tiefpunkt gehabt (lacht).
Hatten Sie die Sorge, die Dokumentation könnte langweilig werden?
Zur Person: Ulrike Gehring ist Filmautorin und TV-Produzentin. Ihre Produktionsfirma screen art productions ist auf Reportagen und Dokumentationen spezialisiert. Das Unternehmen mit Sitz in Frankfurt am Main und Mainz hat für den SWR zuletzt die neunteilige Dokureihe "Auf in die schwarzweißen Jahre - Wer hat Rheinland-Pfalz gemacht?" entwickelt und realisiert.
Ich bin der festen Überzeugung, dass es keine Langeweile gibt, wenn man mit Interesse anderen Menschen zuschaut und sich auf das echte Leben verlässt. Ich glaube, die Kraft der Wirklichkeit ist so groß, dass wir keine Dramatisierung brauchen. An so einem Tage wie Heiligabend möchte ich die Menschen so erleben wie sie sind, so echt wie möglich. Ich hoffe, dass die Zuschauer diese Nähe spüren und Interesse für die anderen Charaktere - wenn man sie so eng nebeneinander sieht - entwickeln.
Soll der Zuschauer an Heiligabend neun Stunden vor dem Fernseher verbringen und auf die Bescherung verzichten?
Wir gehen davon aus, dass die Menschen am 24. Dezember noch andere Verpflichtungen haben. Deshalb ist "Hautnah Heiligabend" so gebaut, dass man immer wieder hineinschlüpfen und wieder herausgehen kann; das ist das Besondere an diesem TV-Event. Und kein Zuschauer wird dieses Jahr alleine sein an Heiligabend. Er hat 30 Menschen, die mit ihm feiern oder auch nicht feiern.
"Hautnah Heiligabend" in Zahlen:
30 Autoren, 60 Kameraleute und Assistenten waren an Heiligabend 2010 in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im Einsatz. Dabei haben sie rund 10.252 Kilometer zurückgelegt.
Entstanden sind sechs Terabyte Bild- und Tondaten sowie 127 Stunden Rohmaterial. Acht Monate lang dauerte es, bis das gesamte Material gesichtet, geschnitten und zu einem neunstündigen Programm zusammengesetzt werden konnte.
Die fertige Sendung enthält 12.847 Bildschnitte sowie 2.312 Sprechereinsätze - eine große Herausforderung für Sprecher Helmut Winkelmann, die Stimme von "Hautnah Heiligabend".
Die Fragen stellte Björn Lilienthal
Letzte Änderung am: 07.12.2011, 14.41 Uhr