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Das populärste Weihnachtslied Wie "Stille Nacht" zum Welterfolg wurde

Vielleicht wird "Jingle Bells" öfter in den Kaufhäusern rund um den Globus gespielt. Aber die einzig wahre Weihnachtsmelodie ist die wiegende, feierliche, schmelzende Musik von "Stille Nacht, Heilige Nacht". Dieses Lied geht direkt ins Herz, selbst wenn man es ein bisschen kitschig findet. Um seine Entstehung ranken sich so viele Legenden, dass die wahre Geschichte dahinter ganz verborgen liegt. Wir haben Professor Wolfgang Herbst, den ehemaligen Rektor der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg, um Aufklärung gebeten.

Filmszene aus "Das ewige Lied" mit Hilfspfarrer Mohr (Tobias Moretti, links) und Dorfschullehrer Gruber (Heio von Stetten, rechts)

Könnte es so gewesen sein? Joseph Mohr (Tobias Moretti, li.) und Franz Xaver Gruber (Heio von Stetten) singen "Stille Nacht" in dem Spielfilm "Das ewige Lied"

SWR.de: Beim SWR-TV-Event "Hautnah Heiligabend" singen am Schluss alle zusammen das Lied "Stille Nacht, Heilige Nacht" - und dann kann Weihnachten kommen. Dieses Lied ist für viele Menschen ein ganz besonderes Weihnachtslied. Es gibt Museen nur für dieses Lied, viele Bücher und sogar einen Spielfilm, der von seiner Entstehung erzählt. Herr Professor Herbst, Sie kennen alle Legenden und Geschichten rund um "Stille Nacht". Warum gibt es davon so viele?

Prof. Wolfgang Herbst: Man konnte sich einfach nicht erklären, wieso dieses Lied einen solchen Erfolg hatte - und da sind dann allerlei Legenden entstanden. Da ist zum Beispiel das Märchen, dass das Lied an einem einzigen, ganz besonderen Tag entstanden sei, nämlich am Heiligen Abend im Jahr 1818. Vormittags hätte der Hilfspriester Joseph Mohr in Oberndorf bei Salzburg das Gedicht gemacht und am gleichen Mittag noch hätte es sein Kantor Franz Xaver Gruber vertont. Diese Legende stand zum ersten Mal 1891 in der Zeitschrift "Die Gartenlaube".

Das war also eine Erfindung?

... die sagen sollte, wie wunderbar das Lied sei! Man erzählte auch, das Lied habe aus der Gebirgswelt gestammt und in dem Film "Das ewige Lied" glaubt der Filmemacher sogar, einen Jodler in der Melodie erkennen zu können. Das ist natürlich Unsinn. Es ist einfach weihnachtliche Musik, ein Pastorale, wie es an Weihnachten in vielen Kirchen musiziert wird.

Wie war die Geschichte denn wirklich?

Wir wissen mit ziemlicher Genauigkeit, wann das Lied uraufgeführt worden ist. Das ist tatsächlich am Heiligen Abend 1818 in Oberndorf bei Salzburg gewesen. An diesem Tag ist "Stille Nacht" zum ersten Mal gesungen worden, aber mit Sicherheit wurde es an diesem Tag weder gedichtet noch komponiert. Das Gedicht "Stille Nacht" hatte Joseph Mohr bereits 1816 gemacht, 1818 wurde es dann von Franz Xaver Gruber vertont. Später kam es in die Hände eines Zillertaler Volksmusik-Ensembles, welches das Lied völlig verändert hat. Diese Sänger haben zum Beispiel den Schluss viel höher gesungen - "Schlaf in himmlischer Ru-huh" - , damit die Musik einen emotionalen Höhepunkt bekommt. Und dann haben sie das Lied um die Hälfte gekürzt und dabei ganz wichtige Strophen ausgelassen. Zum Beispiel die vierte Strophe, die ein Politikum darstellt.

Inwiefern war "Stille Nacht" denn politisch gemeint?

Der Text ist ja, wie gesagt, schon zwei Jahre vor der Uraufführung entstanden, also im Jahr 1816. Man muss wissen: 1816 wurde im Erzstift Salzburg die erste Friedensweihnacht gefeiert. Es war die erste Weihnachtsfeier, ohne dass Bayern und Österreich sich im Krieg bekämpften. In der vierten Strophe heißt es: " Stille Nacht! Heilige Nacht! / Wo sich heut alle Macht / Väterlicher Liebe ergoss / Und als Bruder huldvoll umschloss / Jesus die Völker der Welt".

Dass Jesus die Völker der Welt huldvoll umschließt, das war eine Anspielung auf diesen Friedensschluss. Doch das wurde von den Volksmusikanten ganz herausgekürzt und es blieb diese beschauliche, private Vorstellung übrig von dem trauten Paar, das einen Knaben mit lockigem Haar hat, und der schläft in himmlischer Ruhe.

Diese Vorstellung der "Heiligen Familie" war offenbar so stimmungsvoll und romantisch, dass sie sich bis heute erhalten hat.

Diese Familie ist die Biedermeier-Kleinfamilie des 19. Jahrhunderts. Sie wird mit dieser Stilisierung in die Höhe gehoben, sie wird zum Zentrum des Liedes. Aber es kommen noch mehr Erfolgsmomente dazu. Dadurch, dass das Lied von einer Zillertaler Gruppe gesungen wurde, war es in ein weltweites Verbreitungssystem eingebettet. Zillertaler Volksmusik war schon im 19. Jahrhundert etwas ganz Besonderes und hat in die Welt ausgestrahlt. Dann kam hinzu, dass die Zillertaler Musikanten-Familie das Lied auf der Leipziger Messe gesungen hat. Die Kulturbürger von Leipzig haben dieses Lied akzeptiert und angenommen, es wurde sogar als Pausenfüller im Gewandhaus gesungen. Schließlich hat ein Verleger aus Dresden das Lied mitschreiben lassen und gedruckt. Und dann ging es um die ganze Welt. Die heutige Fassung hat es aber durch den Hamburger Pastor Johann Hinrich Wichern bekommen.

Wichern hat die protestantische Weihnachts-Kultur stark geprägt, er war ja der "Erfinder" des Adventskranzes. Was hatte denn ein Weihnachtslied aus dem erzkatholischen Salzburger Land in seinem evangelischen Weihnachtsliederbuch zu suchen?

Wichern hat den Text umgedichtet, er hat "Christus" eingesetzt statt "Jesus". Das war damals in der Theologie so eine Art Markenzeichen für Protestantismus. Bei Wichern heißt es jetzt "Christ, der Retter, ist da" statt "Jesus, der Retter ist da" und "Christ, in deiner Geburt" statt "Jesus, in deiner Geburt".

Damit war das Lied dann auch für Protestanten akzeptabel?

Das Lied ist in der protestantischen Kirche ganz groß angekommen! Übrigens singen heute auch die Katholiken meist die protestantische Fassung. Das Lied ist über die Konfessionen hinweg als typisches Zeichen der familiären, intimen, der konfliktfreien Weihnacht verstanden worden.

Seltsamerweise kommt in diesem Familien-Lied ausgerechnet die Mutter dieser Familie, Maria, gar nicht vor - darauf machen Sie in Ihrem Buch "Stille Nacht" aufmerksam. Warum taucht sie nicht auf? Es gibt doch kaum ein Weihnachtslied ohne Maria.


Man kann dazu eigentlich nur psychologische Mutmaßungen anstellen. Der Dichter Joseph Mohr ist ohne Vater aufgewachsen, weil er ein uneheliches Kind war. Für ihn war es offenbar nur wichtig, dass der Vater vorkam und nicht die Mutter. Deswegen dichtet er auch in der vierten Strophe, dass Gott in väterlicher Liebe seine Macht ergoss. "In der Väter urgrauer Zeit ..." heißt es in der fünften Strophe. Er war wohl, glaube ich, fasziniert von dem Gedanken, einen Vater zu haben. Den hatte er 1816 - also in dem Jahr, als er "Stille Nacht" schrieb - in Mariapfarr im salzburgischen Lungau gefunden. Es war sein Großvater, der auch Joseph Mohr hieß. Er hat diesem Großvater dann nur noch ein paar Wochen begegnen können und ihn dann zu Grabe getragen.

Das wäre eigentlich auch Stoff für Legenden! Eine vaterlose Kindheit am Rande der Gesellschaft, dann ein Studium trotz dieser ärmlichen Herkunft und der wiedergefundene Großvater kurz vor dessen Tod.

Das würde eigentlich dazu taugen. In Wirklichkeit ist die Legendenbildung anders gegangen: Man hat gesagt, dass Joseph Mohr eine glückliche Kindheit gehabt habe, man hat ihn in der Legende zum ehelichen Sohn gemacht. In den frühen Biographien heißt es: "Treue Vatersorge und zarte Mutterliebe umwoben den Lebensmorgen des kleinen Sepperl."

Das war ja offenbar nicht so.

Ganz und gar nicht. Man hat ihm eine glückliche Kindheit angedichtet, eine Familie. Das Lied war ja nun zum Symbol für Familie geworden und dann musste der Dichter eben auch aus einer glücklichen Familie stammen.

Das ist nur zu verständlich, weil aus diesem Lied ja genau die Sehnsucht nach der heilen Familie spricht.

Ja, aus der gekürzten Fassung spricht die Sehnsucht nach einer konfliktfreien Welt, nach einer heilen Familie. Und heute, würde ich sagen, ist es für viele Menschen auch eine Möglichkeit, sich zurückzuerinnern an ihre Kindheit, weil sie da das Lied kennen gelernt haben. Früher war doch alles viel schöner.

Was sagen Sie als Theologe eigentlich zu dem Glaubensinhalt dieses Liedes? In der gekürzten Fassung ist davon doch nicht mehr sehr viel übrig.

Das ist eines der Geheimnisse des Erfolgs gewesen. Es ist ja bei Kirchenliedern so, je weniger theologisch direkt das Lied ist, desto größer ist sein Erfolg. Da kann jeder mit sich selbst und mit seinen Assoziationen anfangen, was er will.

Und wie halten Sie es zu Hause an Weihnachten? Singen Sie "Stille Nacht" und wenn ja, in welcher Fassung?

Ich selbst singe es nicht. Aber ich habe einmal, nachdem mein Buch herausgekommen ist, ein paar Freunde eingeladen und gesagt, wir machen das jetzt mal genauso wie bei der Uraufführung. Eine Bekannte hat den Original-Gitarrensatz gespielt und dann haben wir es gesungen, mit allen sechs Strophen und nach der ursprünglichen Melodie, ohne diesen Zillertaler Jauchzer am Schluss. Es hat dem Lied einen ganz anderen Charakter gegeben. Das war schön!


Stille Nacht, heilige Nacht

Das Weihnachtslied "Stille Nacht, heilige Nacht" ist das bekannteste Weihnachtslied der Welt. Kein Wunder also, dass auch die Protagonisten aus der Echtzeit-Dokumentation "Hautnah Heiligabend" dieses Lied anstimmen. Aber sehen Sie selbst.

2:49 min


Die Fragen stellte Sophie von Glinski

Letzte Änderung am: 01.12.2011, 10.14 Uhr

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