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Porträt: Marcus Creed Die Wärme des Klangs ist sein Ziel

So einem wie Marcus Creed, der seinen Weg mit behutsamer Beharrlichkeit gegangen ist, der sich fasziniert durch alle Musikstile durchgearbeitet hat als Sänger, Pianist und Dirigent, so einem einfach das Etikett Spezialist für Alte Musik aufzukleben, wäre kurzsichtig, weil nur ein Teil der Wahrheit ist. Was Marcus Creed interessiert, ist der charakteristische Klang eines jeden Komponisten, eines jeden Stils. Daran arbeitet er hart und man ist geneigt zu sagen, mit Demut, wenn man Creed einmal in der Probenarbeit und im Gespräch erlebt hat. Das Spektakuläre liegt ihm nicht.

Seit Januar 2003 ist der gebürtige Engländer Chefdirigent des SWR Vokalensembles Stuttgart. Er hat diesen Chor übernommen weil er "sehr versiert ist in der zeitgenössischen Musik und weil er das höchste Arbeitstempo hat im Vergleich zu anderen Chören". Die größte Herausforderung für Marcus Creed aber ist es, am Klang zu feilen. "Ich will auf jeden Fall einen warmen Klang, den dieser Chor im Moment nicht so sehr gewöhnt ist. Die haben hier sehr viel Moderne gemacht, waren mit dem ganzen Spektrum der modernen Vokaltechnik beschäftigt, mit Schreien, mit Geräuschen aller Arten". So etwas wie einen "Stuttgart Sound" zu entwickeln, eine Marke gewissermaßen, wie sie sein Landsmann Sir Roger Norrington seit Jahren beim Radio-Sinfonieorchester Stuttgart prägt, das will Creed nicht.

"Ich wollte weder Sänger noch Lehrer werden."

Studiert hat Creed am King's College Cambridge, der Christ Church in Oxford und an der Guildhall School in London. 1977 siedelte Creed nach Berlin über. Er wollte mehr erreichen als seine Studienkollegen: "Ich wollte weder Sänger noch Lehrer werden. Ich wollte dirigieren und das nicht einmal mit dem Schwerpunkt auf Chormusik. Also bin ich an die Deutsche Oper in Berlin gegangen. Das war dann doch eine Chorrepetitorenstelle. Da wurde ich etwas verfolgt von meiner Biografie, wie sie bis dahin verlaufen war. Aber es war ungeheuer spannend, mit dem Chor der Deutschen Oper Berlin zu arbeiten, mit 110 Opernsängern. Das war eine neue Welt für mich, jenseits der englischen Kathedraltradition, deren Repertoire doch sehr begrenzt ist." Creed schuftete. Sieben Jahre lang musste er den Chor für fünf Aufführungen die Woche präparieren. Aber es waren "Klavierproben mit allen großen Dirigenten der Zeit". Und ironischerweise, bemerkt Creed mit einem Augenzwinkern, "war Händels Messias in einer Inszenierung von Achim Freyer eine meiner ersten Einstudierungen. Es war ja gerade die Zeit, in der man wieder anfing, Barockmeisterwerke auf die Bühne zu bringen". Danach ging es in rasantem Tempo einmal quer durch alle Opern Wagners, Verdis, Puccinis. Creed fand sogar noch Zeit mit der Berliner Gruppe Neue Musik und dem Scharoun Ensemble zu arbeiten.

Spezialist nicht nur für alte Musik

1984 schließlich wurde er Chordirektor an der Deutschen Oper, drei Jahre lang. Dann kam die Anfrage vom RIAS-Kammerchor. Creed nahm an, "weil mir das mehr liegt. Dort konnte ich selbst Konzerte konzipieren. Außerdem war Berlin damals in punkto Alte Musik fast eine Wüste. Ich konnte also etwas für diese Stadt völlig Neues machen. In den ersten eineinhalb Jahren gab es sogar Drohungen von Leuten, sie würden ihr Konzertabonnement kündigen. Die vermissten den satten romantischen Klang."

Creed wurde also zum ausgewiesenen Spezialisten für alte Musik, unter anderem. Seine CD-Einspielungen mit dem RIAS-Kammerchor wurden mit dem Edison Award, dem Diapason D'Or und dem Cannes Classical Award ausgezeichnet. 2001, nach vierzehn Jahren zog es den rational bestimmten Sensibilissimus dennoch weiter. Er trennte sich vom RIAS-Kammerchor: "Wenn es gut läuft, sind zehn bis fünfzehn Jahre mit einem Ensemble möglich, ohne dass man sich gegenseitig nervt. Dann muss für beide Seiten etwas Neues kommen."

"Ich flitze nicht von Stadt zu Stadt!"

Seit 1998 hatte Creed auch schon eine Professur für Chorleitung an der Kölner Hochschule. Nicht zuletzt war er längst allenthalben gefragt als Gastdirigent, ohne allerdings je in den Ruch eines rasenden Pultstars zu kommen. Ich studiere die Programme auch bei meinen Gastengagements selbst ein. Ich flitze nicht von Stadt zu Stadt. Das ist in der Chormusik überhaupt nicht möglich, wenn man einen guten Klang erreichen will."

Klangschönheit, nicht Klangdesign

Hier zeigt sie sich dann wieder, diese behutsame Beharrlichkeit, mit der Creed an der Musik arbeitet und an sich selbst. Nichts scheut er mehr, als zum Zyniker zu werden, nur der täglichen Kärrnerarbeit wegen, die dieser Beruf nun auch mit sich bringt. Deshalb ist er auch beim RIAS-Kammerchor gegangen, deshalb hat er sich für das SWR Vokalensemble entschieden, weil er hier erneut an seinen Klangidealen arbeiten kann, weil er hier auch wieder mehr Neue Musik machen kann, "um nicht einzuschlafen", künstlerisch. Deshalb wohl auch liebt er die Musik von György Kurtàg, der schon fast besessen am unverfälschten Klang seiner komplexen Miniaturen arbeitet. Diese Klangschönheit, die nicht zu verwechseln ist mit Klangdesign, findet Creed auch in György Ligetis Klanglabyrinthen. Was Creed wohl mit Ligeti verbindet, ist die Affinität zum ausbalancierten Extrem.
Bisweilen zieht es Creed aber dann doch zurück zu Bach: "Es gibt einige Werke von ihm, von denen ich denke, dass es eine Ehre ist, sie aufführen zu dürfen, beispielsweise die h-Moll-Messe oder die Matthäuspassion. Händel macht mir zwar immer Spaß, Poulenc mag ich, Brahms finde ich wunderbar, aber Bach ist schon singulär." Bach also ist wohl sein Arkadien von dem aus er in den nächsten Jahren seinen musikalischen Bildungsroman behutsam fortschreiben wird in Stuttgart mit Werken von Nono und Kurtàg, Petrassi und Maderna, aber auch mit Uraufführungen von Ivan Fedele und Heinz Holliger.

Annette Eckerle

Letzte Änderung am: 23.02.2004, 00.00 Uhr

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