Mythos und Wirklichkeit
Sendung vom Montag, 13.12.2010 | 23.30 Uhr | SWR Fernsehen
Der legendäre Ringerverein von Schifferstadt dominierte bis zur Insolvenz 2006 den Sport. Trainer Markus Scherrer führt mit weiteren Engagierten den neugegründeten Verein „VfK 07“ in die erste Saison als Zweitligist, um den Mythos der „Meisterringer von Schifferstadt“ weiterleben zu lassen.

Markus Scherer, ehemaliger Weltklasse-Ringer, Schifferstädter Urgestein
Ohne Disziplin kein Erfolg
»Das ist doch bescheuert,« sagt Markus Scherer und schaut – halb verblüfft, halb fassungslos – aus dem Fenster seines Büros in der »Wilfried-Dietrich«-Halle in Schifferstadt.
Gerade hat sich Patrik gemeldet. Patrik ist sein Halbschwergewicht, es sind noch drei Tage bis zum Saisonstart, noch eine Stunde bis zum Training – und der 18-jährige steht in Mannheim am Bahnhof. »Ist hier zum Ringen, nur zum Ringen – und verpasst den Zug! Kann man das glauben?« Markus Scherer sicher nicht. Es ist schwer vorstellbar, dass der heute 47-Jährige selbst einmal zu spät zum Training erschienen ist. Sonst wäre er nicht Europameister geworden, zehnmal Deutscher Meister und auch nicht Silbermedaillengewinner bei Olympischen Spielen. Ohne Disziplin kein Erfolg, das ist sein Glaubensbekenntnis. Und er will selbstverständlich immer beides, Erfolg und Disziplin. Sein Problem: Die Zeiten haben sich geändert, auch und gerade in Schifferstadt.
Der Mythos der 1970er: Schifferstadt = Ringen
Schifferstadt = Ringen, diese Formel galt spätestens seit den Tagen des Wilfried Dietrich, den alle Welt als »Kran von Schifferstadt« kannte: über 30 Deutsche Meistertitel, Olympiasieger im Schwergewicht. Und er wird endgültig zur Legende, als er in München anno 1972 den knapp 200 kg schweren Amerikaner Taylor auf die Matte und die Schultern zwingt. Bis 2006 dominierten die Schifferstädter den Sport. Dann musste der VfK Insolvenz anmelden – und das mitten in der Bundesligasaison.
Einige Getreue gründeten daraufhin den VfK 07.Traudl und Hans Hettrich stehen in ihrer Kellerbar zwischen Dutzenden Pokalen,
die Wände bis auf den letzten Quadratzentimeter zugepflastert mit Fotos, Zeitungsartikeln, Urkunden. Es kommt eben eine Menge zusammen, wenn man fast 50 Jahre einen Verein begleitet hat.
Hans Hettrich (67) ist Mannschaftsbetreuer des VfK 07, die Ehefrau bezeichnet sich als »Mädchen für alles«: »Ich bin immer halt für die Sportler da.« Ihr Keller genießt in Ringerkreisen einen legendären Ruf – und das international.
Kein Schifferstädter Ringer ist hier je hungrig oder durstig aufgestanden, alle haben hier gesessen, Pfälzer, Deutsche, Türken, später Polen, Bulgaren, Aserbaidschaner, Rumänen.
Nach der Wende: Die Dominanz der "Ostblock-Athleten"
Denn die Perestroika veränderte die Welt, auch die des Ringsports. Plötzlich entließen die traditionell starken Nationen des einstigen Ostblocks ihre Athleten nach Westen, wo sie Deutsche Meister wurden und Devisen kassierten. Die Weltstars wurden zu den Mannschaftskämpfen auf Vereinskosten eingeflogen, rangen, duschten und düsten zurück Richtung Heimat. In der Sporttasche reichlich »Cash«, die einzige Zahlungsart, die sie akzeptierten. So war das, über Jahre, alle machten
mit, auch die Schifferstädter. »Die Ausländer haben die Meisterschaften untereinander verkauft,« orakelt Hannes Hettrich in seiner Kellerbar und sieht dabei deutlich unglücklicher aus als auf dem Meisterschaftsbild von 2005, dem letzten großen Jahr
des VfK. In dem Jahr lagen die Schulden bereits bei über 200.000 €.
Geldsorgen und Neu-Ausrichtung
2009 steht die erste Saison als Zweitligist an und Trainer Scherer hat es ausnahmslos mit Deutschen zu tun, erstmals seit über 30 Jahren stehen keine Ausländer im Kader. Die Mannschaft besteht aus Teens und Twens, fünf haben sogar eine Schifferstädter Adresse angegeben. »Wir haben keine politischen Motive, wollen aber, dass sich unsere Sportler mit den Fans im Foyer nach dem Kampf problemlos unterhalten können, am allerbesten uff pällzisch,« stellt Vorstandsmitglied Andreas Scherer vor der Saison klar.
Stab
Buch und Regie: Friedrich Bohnenkamp
Kamera: Stefan Zaiser , Klaus Woller, Tobias Reinhard
Ton: Timo Melk, Lothar Ehret
Schnitt: Karen Bohnenkamp
Produktionsleitung: Jochen Dickbertel
Redaktion Dr. Gudrun Hanke-El Ghomri
Letzte Änderung am: 17.05.2010, 17.12 Uhr