Über sein Leben und filmisches Schaffen
Sendung vom Montag, 9.11.2009 | 23.00 Uhr | SWR Fernsehen
Wim Wenders schweigt viel. Oft lässt er andere sprechen, seine Hauptfiguren, seine Fotografien, seine Filme. Seine Protagonisten, seine Geschichten erzählen jedoch nicht nur über sich selbst, sondern auch über den Regisseur Wim Wenders, sprechen von Fragen und Motiven, die den renommierten deutschen Autorenfilmer bewegen.

Wim Wenders beim Sichten seiner ersten Filme
Wo aber finden sich die Spuren seiner Biographie in seinen Filmen? Der Filmemacher Marcel Wehn findet sie vor allem in den frühen Werken, etwa in "Summer in the City" (1970) oder in "Alice in den Städten" (1973). In seiner Dokumentation stellt er die Geschichte des frühen Werkes neben die Lebensgeschichte und die Entwicklung des Regisseurs – und findet viele Parallelen. Im Fokus steht Wenders Leben bis zu seinem Weggang in die USA nach dem internationalen Durchbruch mit "Der amerikanische Freund" (1977). Es gelingt Wehn darüber hinaus, den introvertierten Regisseur zum Reden zu bringen. Nachdenklich und mit Bedacht spricht Wenders vor der Kamera von einem "Grundton", der seine ersten Filme trage: "Das ist schon die Frage: Wie soll man leben? Also: Wie kriegt man das hin, in dieser Zeit, mit all dem, was wir alle erleben und mit dem, was die Welt durchmacht – wie kriegt man das auf die Reihe, dass man weiß, wofür man lebt?"
Wofür leben? Wer bin ich?
Diese Frage bewegt Wenders Protagonisten, sie bewegt ihn aber vor allem selbst. Zu seinem Abschlussfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film, "Summer in the City" von 1970, sagt Wim Wenders: "Dieser Typ da, so beziehungslos, wie er da durch diese Landschaften geistert: Das war ich schon selber. Einer, der versucht, irgendwie wieder anzufangen. Einer, der versucht, irgendwie wieder Sinn reinzubekommen in sein Leben." Wenders selbst führt den Zuschauer in dieser Dokumentation durch sein Leben, macht Halt an Fotografien, die in einem kargen Raum aufgehängt sind und lässt Erinnerungen lebendig werden. Es geht um besondere Erlebnisse, besondere Menschen, wichtige Wegstationen. Immer wieder kommen sich Biographie und Werk, Lebensgeschichte und erzählte Geschichte in die Quere, befruchten einander. In sehr offenen Gesprächen erzählt Wim Wenders auf diese Weise von "einem der auszog" aus seinem behüteten Elternhaus im Oberhausen der Nachkriegszeit nach Paris, wo er als junger Maler lebt und den Entschluss fasst, Filmemacher zu werden. Die Dokumentation schildert auch das Auf und Ab der Erlebnisse, der Erfolge und Misserfolge des jungen Filmstudenten auf dem Weg zum Regisseur. So entsteht ein Bild des Lebensgefühls und der Aufbruchstimmung der Studenten des ersten Jahrgangs an der Filmhochschule in München. Neben Wenders kommen wichtige Weggefährten wie zum Beispiel Peter Handke, Robby Müller, Rüdiger Vogler, Bruno Ganz, Peter Przygodda, Lisa Kreuzer und seine Frau Donata Wenders zu Wort. In ihren Aussagen und Erinnerungen sprechen sie über den Menschen Wim Wenders und über die wiederkehrenden Grundthemen in Wenders’ Filmen. „Was tendenziell ... möglicherweise eine Verbindung schafft, ist immer jemand, der allein ist... Das glaube ich, hat jeder Film von ihm“, sagt etwa Schnittmeister Peter Przygodda über Wenders und seine Filme.
Darum geht es Wim Wenders
Es geht um Identitätssuche, Einsamkeit, Freundschaft und Kommunikation. Ebenso zur Sprache kommen ganz persönliche Erfahrungen in der privaten und beruflichen Beziehung zu Wenders. Die Ausschnitte aus seinen frühen Filmen zeigen, dass Wenders immer wieder authentische Erlebnisse und Menschen seines eigenen Lebens verarbeitet hat. Eine ganz besondere Rolle spielt dabei "Alice in den Städten" (1973). Wenders erzählt von Selbstzweifeln in dieser Zeit. "Mit diesem Film", so erinnert er sich, "habe ich dann alles auf eine Karte gesetzt und wollte mir selbst beweisen, dass ich was machen kann, was andere nicht können; oder, dass ich was erzählen kann, eben anders, als andere Leute." Etwas schaffen, was bleibt. Geschichten erzählen, in der die eigene Geschichte verwoben ist, das eigene Suche und Fragen. Darum geht es Wim Wenders. Einer seiner Protagonisten, Kamikaze, antwortet in "Im Lauf der Zeit" (1976) auf die Frage "Wer bist du?" mit: "Ich bin meine Geschichte".
Ein Film von Marcel Wehn
Letzte Änderung am: 12.03.2009, 13.19 Uhr