Eine islamische Zahnärztin fährt Autorennen
Sendung vom Montag, 21.12.2009 | 23.15 Uhr | SWR Fernsehen

Sonbol in ihrem Rennwagen
»Warum findest du eigentlich keinen Mann?« wird Sonbol immer wieder von ihrer Mutter gefragt. Die Antwort ist Schweigen, trotziges, selbstbewusstes Schweigen. Sonbol Fatemi ist 35 Jahre alt. Sie hat ihre eigene Zahnarztpraxis und nebenbei fährt sie Autorallyes, am liebsten gegen Männer. Unabhängig und selbständig will sie sein, sich nicht von anderen gängeln lassen, weder im Motorsport noch im Privaten. Das ist schwierig in ihrer Heimat. Sonbol lebt in der heiligen Stadt Mashad in der Islamischen Republik Iran. Sie ist gläubige Muslimin. Als sie neunzehn Jahre alt war, hat ihre Familie sie verheiratet.
Sie sollte mit einem reichen Exil-Iraner in die USA ziehen. Aber das Arrangement scheiterte, nachdem Sonbol in eine Alkoholrazzia geraten war und verhaftet und verhört wurde. Der Mann verstieß sie und ließ sich scheiden. Heute, fünfzehn Jahre später, beschreibt sie diese Erfahrung als das größte Glück in ihrem Leben: »Wäre ich nicht geschieden, wäre nicht mal ein Scheißdreck aus mir geworden! Ich hätte jetzt fünf Kinder zu versorgen und mein Mann würde mich auch noch schlagen!«
Als Zahnärztin ist Sonbol finanziell unabhängig. Sie ist eine der besten Navigatorinnen der Rallyeszene und fährt zusammen mit ihren Piloten waghalsige Rennen auf staubigen Pisten. Auf den ersten Blick ist Sonbol eine starke Frau, die tut, was sie will und stolz darauf ist. Die sich mit unanständigen Witzen lustig macht über Männer, Machos und überkommene Strukturen. Aber sie lebt im Iran und zahlt für ihre »Unabhängigkeit« einen hohen Preis. Als alleinstehende Frau kann sie in ihrem Heimatland keine Wohnung mieten. Deshalb lebt die Zahnärztin noch in ihrem alten Kinderzimmer im Haus der Eltern. Jeden Tag streitet sie mit ihrer Mutter, die sie wieder verheiraten will. Immer wieder muss sie sich für ihre Lebensweise rechtfertigen.
»Man erwartet von mir, dass ich einen Mann habe und mindestens zwei erwachsene Kinder«, erzählt Sonbol. »Dann soll ich meine Arbeit so reduzieren, dass ich mich um die Familie kümmern kann. Ich soll meine ganze Kraft darauf verwenden, diese Familie zu erhalten. Wenn es nach dieser Gesellschaftsordnung ginge, dürfte meine eigene Person keine Rolle spielen.« Eine Zukunft mit einem Mann schließt Sonbol aber aus, Liebesbeziehungen ebenfalls, weil sie im Iran nicht ohne Heirat möglich sind. Heiraten bedeutet für Sonbol Unterwerfung und den Verlust ihrer Unabhängigkeit. »Die Liebe spielt überhaupt keine Rolle in meinem Leben!«, sagt sie trotzig, beinahe stolz.
Sonbol streitet für ihre Rechte, sie scheut keinen Konflikt. Mit der Mutter diskutiert sie heftig über die Rolle der Frau im Iran, mit Sportfunktionären streitet sie erfolgreich, wenn wieder einmal Frauen die Teilnahme an der Rallye verboten werden soll. Sonbol erzählt überraschend offen von den traumatischen Erlebnissen in ihrer Vergangenheit, aber auch von den inneren Zweifeln, von ihren Ängsten: Steht Gott wirklich auf ihrer Seite, führt sie wirklich ein gottgefälliges Leben? Was ist, wenn die Mullahs mit ihren strengen Regeln doch Recht haben? Warum fällt es den Iranern so schwer, eigenständig zu sein? Ist es in diesem Land denn überhaupt möglich, ohne Maske, ohne Verstellung zu leben?
In der Person Sonbol spiegeln sich die typischen Widersprüche und die Zerrissenheit ihres Landes: auf der einen Seite modern und zum Aufbruch bereit, auf der anderen Seite in alten Traditionen und Strukturen gefangen.
Ein Film von Niko Apel
Letzte Änderung am: 14.07.2009, 11.32 Uhr
Eine Frau, die im Iran Autorallyes gegen Männer fährt und gewinnt! Diese Nachricht führte zur Idee für diesen Film. Ich vermutete sehr viel mehr hinter der Rennfahrerin Sonbol als nur das Autofahren. Durch meine Arbeit wollte ich mehr von einem Land verstehen, das mich faszinierte. Doch was sollte ich tun, wenn sie nur den sportlichen Teil von sich preisgeben und nicht den persönlichen Film zulassen wollte, den ich vorhatte? »Willst du einen Film über die Rennfahrerin Sonbol Fatemi machen, oder willst du einen Film über mich machen?«, war ihre Frage, als ich sie zum ersten Mal im Iran traf. »Über dich!« sagte ich. Und sie: »Dann mache ich mit!«
| Buch und Regie: | Niko Apel | Kamera: | Beate Maria Scherer | |
| Schnitt: | Ben von Grafenstein | Musik: | Axel Wolf | |
| Producer: | Fabian Maubach, Leif Alexis | Produktionsleitung: | Jochen Dickbertel (SWR) | |
| Betreuung: | Helga Reidemeister, Thorsten Schütte | Produzent: | Jochen Laube (Sommerhaus Filmproduktion) | |
| Redaktion: | Gudrun Hanke-El Ghomri (SWR) |
Eine Koproduktion von Sommerhaus Filmproduktion mit der Filmakademie Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk.
Gefördert mit Mitteln der MFG Filmförderung Baden-Württemberg.
Letzte Änderung am: 14.07.2009, 11.32 Uhr
Bei der Verleihung der First Steps Award 2008 am 26. August 2008 erhielt "Sonbol", ein Film über eine starke Frau im Iran, den mit 12.000 Euro dotierten Dokumentarfilmpreis.

Sonbol lächelt in den Autorückspiegel
Der Film wurde produziert von der Sommerhaus Filmproduktion, Jochen Laube, in Koproduktion mit der Filmakademie Baden-Württemberg und dem SWR, Redaktion Gudrun Hanke-El Ghomri. "Sonbol" entstand als Abschlussarbeiten an der Filmakademie Baden-Württemberg und wurde unterstützt von der MFG Baden-Württemberg.
"Sonbol – Rallye durch den Gottesstaat" wurde am 22. September um 23.15 Uhr zum Auftakt der diesjährigen Reihe "Junger Dokumentarfilm" im SWR Fernsehen ausgestrahlt.
Begründung der Jury:
"So tief haben wir noch nie in die Wohnzimmer des iranischen Mittelstands geblickt. Dies ist die Geschichte von Sonbol, einer jungen Zahnärztin, die selbständig und resolut ihr Leben als unabhängige, moderne Frau zu führen versucht, - und das heißt, sich in der Welt der Männer durchzusetzen, aber auch gegen Frauen wie ihre Mutter, die sich für sie nur eine Heirat vorstellen können. Es ist eine tolle Story: zum Lachen, wenn Sonbol schräge Witze erzählt, mitreißend spannend bei der Autorallye gegen lauter männliche Teams und schließlich traurig, fast verzweifelt, wenn Sonbol sich fragt, ob wenigstens Allah auf ihrer Seite stehen könnte. Ganz nah an den Erlebnissen und Gedanken zeigt der Film mit Szenen aus dem wohlhabenden Teheraner Mittelstand das faszinierende und anrührende Porträt einer ganz normalen und ganz ungewöhnlichen Frau."
SWR-Fernsehdirektor Bernhard Nellessen: "Das ist ein herausragender Erfolg für den SWR und bestätigt erneut unser besonderes Engagement für den filmischen Nachwuchs. Ich gratuliere allen Beteiligten ganz herzlich zu dieser Auszeichnung."
Letzte Änderung am: 14.07.2009, 11.32 Uhr