Sendung vom Montag, 25.10.2010 | 23.30 Uhr | SWR Fernsehen
Frank Schmökel sitzt in einem eigens für ihn errichteten Hochsicherheitstrakt in einer Spezialklinik in Brandenburg. Der persönlichkeitsgestörte Straftäter hatte sich gewaltsam an minderjährigen Mädchen vergangen und war zu 14 Jahren Haft verurteilt worden.

Hinter Gittern und Stacheldraht
Insgesamt siebenmal gelang ihm die Flucht aus Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten. Im Oktober 2000 berichten die Medien über seine letzte spektakuläre Flucht: der Sexualstraftäter Frank Schmökel sticht bei einem Freigang seine eigene Mutter und einen Pfleger nieder und flieht. Tage später ermordet Schmökel einen Rentner in einer Freizeitanlage. Die Flucht quer durch Ostdeutschland endet erst nach 13 Tagen mit der Festnahme des Gewaltverbrechers.
Sie betreut die Gefangenen
Die allgemeine Haltung gegenüber so einem Menschen ist verständlicherweise oftmals extrem: "Wegsperren, kastrieren, hinrichten". Das ist meist der erste Vorschlag, wie mit "so einem" zu verfahren sei. Dennoch gibt es Menschen, die sich Schmökel widmen und ihn regelmäßig besuchen. "Es gibt keinen Menschen, der nur schlecht ist", begründet die pensionierte Lehrerin Helga Engel ihr Handeln. In ihrer Freizeit betreut sie Gefangene, darunter auch Schmökel. Sie will den Gewalttäter "nicht fallen lassen". Aber natürlich weiß sie um die Schwere seiner Vergehen und seiner Schuld: "Was er getan hat, war furchtbar, und das ist auch nicht zu entschuldigen und nicht wieder gut zu machen." Ihre Besuche im Gefängnis sind eine Gratwanderung zwischen menschlicher Nähe und Distanz.
Er spricht über Religion und Vergebung
Kontakt zu Schmökel hält auch Eberhard Böckmann, ein freikirchlicher Pfarrer. Er macht in Brandenburg Sozialarbeit und kümmert sich um Jugendliche, Arbeitslose und um Häftlinge. Er spricht mit dem inhaftierten Mörder über Religion, Sinn und Lebensberechtigung, auch über Schuld und Vergebung und hat ihm so geholfen, ein inneres "Zuhause" zu finden. Seine Arbeit mit verurteilten Gewaltverbrechern beschert ihm Kritik. Sogar die eigenen Familie fragt ihn gelegentlich, warum er sich um die Täter anstatt um die Opfer kümmert.
Der Verteidiger
Aus einer ganz anderen Perspektive begründet Karsten Beckmann sein Handeln: er ist Schmökels Rechtsanwalt, seine Arbeit sieht er als unvermeidbaren Bestandteil einer "Gesellschaft, die sich an den Menschen messen lassen muss, die sie selber hervorbringt." Ein kühler, analytischer Kopf, einem Rechtssystem verpflichtet, das auch Mördern eine professionelle Verteidigung und Interessenvertretung zubilligt. Jeder Strafgefangene hat demnach die gleichen Grundrechte wie ein freier und unbescholtener Mensch, und das ist aus Beckmanns Sicht eine ebenso fortschrittliche Errungenschaft wie die Abschaffung der Todesstrafe: "Es gibt keinen Grund, Strafgefangene menschenunwürdig zu behandeln."
Ein Opfer
Manfred Schäfer dagegen ist eines von Schmökels Opfer. Er war Pfleger in der Psychiatrie. Schmökel hat ihn bei seinem Freigang im Oktober 2000 mit sieben Messerstichen schwer verletzt und beinahe getötet. Zwar sind die körperlichen Wunden geheilt. Aber der Schaden an der Seele bleibt, nicht zuletzt die Angstträume. Schäfer hasst seinen Peiniger und wünscht ihm den Tod. Er sagt das ruhig, aber bestimmt. So einer wie der Schmökel habe "sein Recht auf Leben längst verwirkt."
Auch Schmökel selbst kommt zu Wort. Er beschreibt seinen Weg von den Verbrechen bis hin zum Leben unter dem Einfluss der Betreuenden. "Wir sind alle Menschen", sagt er einmal. Was das bedeutet, versucht der Film zu ergründen: Kann man soviel Schuld auf sich laden, dass einem das Menschsein abgesprochen wird?
"Für das Leben eines Mörders" ist ein Film über den Umgang mit dem Unfassbaren. An dem Fall Schmökel und an den Aussagen der Beteiligten und Betroffenen entspinnt sich eine Debatte über die Grenze zwischen Toleranz und Selbstschutz, über den Wert von Menschenleben, über weltliche und religiöse Schuldfragen, über das Suchen und Finden eines inneren Friedens bei Tätern und Opfern.
Filmakademie Ludwigsburg
Mathildenstr.
20
71638
Ludwigsburg
Ein Film von Kristof Kannegießer
Letzte Änderung am: 20.01.2012, 09.54 Uhr