Sendung vom Montag, 8.11.2010 | 23.30 Uhr | SWR Fernsehen

Familie Ott auf der Baustelle
Die ganze Großfamilie packt mit an, auf einer Baustelle in Bad Krozingen und baut sich ein Zuhause. Mehr als ein Jahr lang spielt sich fast das komplette Familienleben zwischen Betonmischer, Zementsäcken und Mauersteinen ab. Denn sie haben einen Traum, den Traum vom eigenen Heim: Eleonore und David Ott bauen sich ein Doppelhaus, zusammen mit ihren beiden Söhnen Waldemar und Dave, der Tochter Elena, dem Schwiegersohn Nicolai und den Enkelkindern. Sie alle wollen so bald wie möglich wieder zusammen unter einem Dach leben – und vor allem: in den eigenen vier Wänden. So war es noch bis vor neun Jahren in Kirgisien, wo die Familie herkommt. Dort war das eigene Haus der einzige Ort, an dem sie deutsch sprechen durften und vor Anfeindungen wegen ihrer deutschen Herkunft geschützt waren. »Wo du dich wohlfühlst«, sagt Eleonore, »da ist Heimat, dort, wo deine Familie um dich ist.«
Seit Generationen haben Russlanddeutsche Unterdrückung, Verfolgung und Umsiedlungen ertragen. Immer wieder wurden sie vertrieben, oft genug waren sie die »Fremden«. Die Otts wollen nun endlich Wurzeln schlagen. Mit einem eigenen Haus in Deutschland. Alles, was man auf dem Bau selbst machen kann, erledigen sie in Eigenarbeit - so fachmännisch wie eben möglich. Krumme Wände? Macht nichts, sie lassen sich beim Verputzen noch nachbessern. Auch in Lahr wird nach der »russlanddeutschen Methode « gebaut: Alexej Breise versucht verzweifelt, aus einem komplizierten Bauplan herauszulesen, wie er die Wasserrohre verlegen muss. Er hätte die Sanitäranlagen auch von einem Fachmann installieren lassen können. »Aber so isch´s halt billiger!«, erläutert er. Alexej möchte am liebsten alles alleine machen.
Nur sein Vater Paul darf ab und zu helfen. Der hat noch selbst erlebt, wie damals in Sibirien die Russlanddeutschen unterdrückt wurden. Mit einer eigentümlichen Mischung aus deutschen Dialekten und russischem Akzent erzählt er, wie er in der Schule bestraft wurde, wenn er in der Pause mit seinen Freunden deutsch sprach. Heute ist er froh, wieder im Vaterland seiner Vorfahren zu leben und dass seine Enkelkinder sich so gut in Deutschland integriert haben. »Viele Leute sagen: Wo du geboren bist, da ist deine Heimat«, sagt Paul und ergänzt nachdenklich: »Dazu kann ich nichts sagen. Meine Heimat ist Russland, aber mein Vaterland ist Deutschland.« Alexejs Frau Elena kocht auf der Baustelle und kümmert sich um die beiden Söhne. Leise beklagt sie sich, dass sie seit Beginn der Bauarbeiten praktisch allein erziehend ist. Nur am Wochenende ist der Papa für die Kinder da. Deshalb freut sie sich am meisten auf den Einzug. Nach zwei Jahren Bauzeit ist es endlich soweit. Obwohl noch nicht einmal die Türen eingesetzt sind.
Russlanddeutsche sind es gewohnt, bei Null anzufangen. Ihre schicksalhafte Geschichte ist geprägt von Flucht und Vertreibung. Die Rückkehr nach Deutschland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war ein Aufbruch in die Heimat der Vorfahren und trotzdem eine Reise in die Fremde. Die Erkenntnis, dass Russlanddeutsche auch in Deutschland nicht wirklich »zu Hause « sind, ist eine bittere Enttäuschung. Für viele Einheimische gelten sie einfach als Russen. Das selbstgebaute Eigenheim soll nun der sichere Ort sein, von dem man sich nicht mehr vertreiben lassen möchte. Zumindest für die Kinder und die kommenden Generationen soll keine Kluft mehr zwischen Heimat und Vaterland bestehen.
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Ein Film von Dennis Siebold
Letzte Änderung am: 19.10.2010, 10.02 Uhr