Sendung vom Dienstag, 14.9.2010 | 1.55 Uhr | SWR Fernsehen
Potzlow, Brandenburg, 450 Einwohner. Für kurze Zeit gerät der Ort im Sommer 2002 durch einen brutalen Mord unter Jugendlichen ins mediale Rampenlicht. Der 17-Jährige Marinus war gequält, ermordet und in einer Jauchegrube verscharrt worden.

Protagonist Matthias Muchow - er war der beste Freund des Mordopfers Marinus Schöberl.
Matthias, der beste Freund des Ermordeten, hatte Tage später die Leiche mit eigenen Händen ausgegraben, nachdem einer der Täter mit der Tat geprahlt hatte. Die Filmautorin Tamara Milosevic besucht Potzlow zwei Jahre nach dem Mord an Marinus. Geduldig und vorurteilslos beobachtet sie die Menschen, die dort leben, beobachtet sie in ihrem Alltag und lernt dabei Matthias kennen. Matthias ist traumatisiert, er leidet unter schweren Depressionen.
Nach dem grausamen Fund hat er Monate nur auf seinem Zimmer vor dem Fernseher verbracht. In der Schule galt er als »Verräter«, also ging er nicht mehr hin. Zu Hause stößt er bis heute nicht gerade auf viel Verständnis. Potzlow ist zur Tagesordnung zurückgekehrt: Man trinkt, kifft und sitzt rum. Drogenselig ergötzt man sich an scheinbar harmlosen Erniedrigungen. Einer ist bei dem Spiel immer der Unterlegene. »Ist doch normal«, sagen die Opfer hinterher, »jeder ist mal dran, man soll nicht soviel grübeln«. Wer grübelt, ist schwach, wie Marinus, wie Matthias. Mit beklemmender Intensität zeichnet Tamara Milosevic in ihrem Film das Bild einer Gemeinschaft, in der es tödlich sein kann, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.
Regisseurin Tamara Milosevic:
Von Anfang an war klar, dass es in dem Film nicht um Erklärungsversuche für die Ursachen der Tat gehen wird. Der Mord an Marinus gab mir den Anstoß, aber er sollte keinen zentralen Platz in der Handlung des Films einnehmen. Während meiner Recherche lernte ich Matthias, den besten Freund von Marinus, kennen. Matthias war zutiefst ratlos und entsetzt über das Geschehene, es hat in ihm tiefe Wunden hinterlassen. Während seine Umgebung die Tat mit einer anderen Geschwindigkeit aufgearbeitet oder aber verdrängt hat, versucht Matthias mühsam wieder im Leben Fuß zu fassen. Oft hat er dabei schon den Gedanken durchgespielt, dass auch er das Opfer hätte sein können. Matthias hat mich menschlich sehr berührt.
Preise und Nominierungen:
First Step Award - Deutscher Nachwuchspreis 2005
CinemaNet Europe Award beim Internationalen Dokumentarfilmfestival Leipzig 2005
Nominierung Filmfestival Max Ophüls Preis 2006
Nominierung Visions du Réel - Festival international du cinéma documentaire 2006, Nyon/Schweiz, Wettbewerb: Regards Neufs
Letzte Änderung am: 12.09.2008, 11.50 Uhr
Dokumentarfilm "Zur falschen Zeit am falschen Ort" ausgezeichnet
Großer Erfolg für SWR-Koproduktion beim Deutschen Nachwuchspreis FIRST STEPS
Berlin/Baden-Baden. Der vom Südwestrundfunk (SWR) koproduzierte Film "Zur falschen Zeit am falschen Ort" wurde am Dienstag, 23. August 2005 in Berlin mit dem deutschen Nachwuchspreis FIRST STEPS in der Kategorie "Die Dokumentarfilme" ausgezeichnet. Der Film ist die Abschlussarbeit von Tamara Milosevic an der Filmakademie Baden-Württemberg in Koproduktion mit der Gambit Film und Fernsehproduktion GmbH in Ludwigsburg und dem SWR unterstützt von der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg.
Der Dokumentarfilm "Zur falschen Zeit am falschen Ort" wird beim SWR redaktionell von Stefanie von Ehrenstein und Dr. Ebbo Demant betreut. Er wird im Frühjahr 2006 im Rahmen einer neuen Staffel der SWR-Reihe "Junger Dokumentarfilm" im SÜDWEST Fernsehen gezeigt. Die Reihe wurde 1999 vom SWR in Kooperation mit der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg und der Filmakademie Baden-Württemberg ins Leben gerufen. Sie ermöglicht jungen Filmemachern die Finanzierung und Ausstrahlung ihres Debütfilms.
Der stellvertretende Fernsehdirektor und Kulturchef des SWR Egon Mayer gratulierte Tamara Milosevic zu der Auszeichnung: "Mit der Reihe "Junger Dokumentarfilm" bietet der Südwestrundfunk Nachwuchsfilmemachern eine wichtige Plattform sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das Themenspektrum ist dabei weitgefächert - die Filme vereinen die individuelle Handschrift junger Autorinnen und Autoren mit der gewohnten Professionalität der SWR-Produktionen. Die Auszeichnung des Deutschen Nachwuchspreises FIRST STEPS für den Film "Zur falschen Zeit am falschen Ort" bestätigt den SWR in seinem intensiven Engagement für junge Filmemacher. Wir sind stolz darauf, dass wir junge Talente wie Tamara Milosevic in ihrer Arbeit bestärken, handwerklich unterstützen, zu außergewöhnlichen Produktionen ermutigen und so ganzheitlich in ihrer Entwicklung fördern."
Ausgangspunkt des Dokumentarfilms "Zur falschen Zeit am falschen Ort" sind die Misshandlung und Ermordung des 16-jährigen Marinus durch drei Jugendliche im Alter von 17 bis 23 Jahren in dem brandenburgischen Potzlow. Die Tat rückte den kleinen Ort in der Uckermark für kurze Zeit ins mediale Rampenlicht. In den Mittelpunkt des Films stellt Tamara Milosevic den schwierigen Alltag von Matthias, der die Leiche seines besten Freundes Marinus fand.
Tamara Milosevic wurde 1976 in Frankfurt am Main geboren. Von 1996 bis 1998 machte sie eine Ausbildung zur Fotografin. Nach verschiedenen Assistenzen und Praktika u.a. bei MTV/New York im Bereich Animation begann sie im Jahr 2000 eine Ausbildung zur Mediengestalterin Bild und Ton in Frankfurt. Von 2001 an studierte sie im Bereich Dokumentarfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg, die sie 2005 mit dem Film "Zur falschen Zeit am falschen Ort" abschloss. Dabei war sie verantwortlich für Buch und Regie. Mit dieser Abschlussarbeit wurde sie jetzt mit dem deutschen Nachwuchspreis FIRST STEPS ausgezeichnet. Der Dokumentarfilmpreis ist mit 12.000 Euro dotiert.
Der deutsche Nachwuchspreis FIRST STEPS, der Wettbewerb für Abschlussfilme deutschsprachiger Filmschulen, wird jährlich in fünf Sparten an Spiel-, Dokumentar- und Werbefilme herausragender Nachwuchs-Filmemacher vergeben. Zum diesjährigen Wettbewerb wurden insgesamt 209 Filme eingereicht. Diese wurden von unabhängigen Jurys bewertet, die mit Experten aus den Bereichen Film, Werbung und Wirtschaft besetzt sind.
Letzte Änderung am: 12.09.2008, 11.50 Uhr