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Junger Dokumentarfilm 2009 Das Palmerprinzip

Über das Leben des grünen Oberbürgermeisters

Sendung vom Montag, 7.12.2009 | 23.00 Uhr | SWR Fernsehen

Vier rüstige Senioren, wohnhaft in bester Tübinger Halbhöhenlage, sind mit einem festen Vorsatz ins Rathaus gekommen: Die geplanten Parkgebühren am Freibad sind zu teuer und müssen weg. In der altehrwürdigen Residenz sitzt ihnen jedoch ein junger Rathauschef gegenüber, der sich gar nicht von dem angeblich allgemeinen Bürgerwillen beeindrucken lässt:

"Glauben sie wirklich, dass wir das Klima irgendwie retten können, wenn jeder rumfahren darf, soviel er will, wohin er möchte und sagt, ich hab zwar alle Viertelstunde einen Bus vor der Tür, aber das ist mir zu beschwerlich und der Parkplatz muss umsonst sein?" Boris Palmer weicht keinem Streit aus. Konflikte gibt es genug, in der Universitätsstadt Tübingen, die nun von einem jungen, grünen Oberbürgermeister regiert wird. Palmer ist der erste Grüne an der Spitze der Tübinger Verwaltung. Will er die Stadt am Neckar mit seiner grundsoliden schwäbischen Bevölkerung und seinen vielen Studenten auf den Kopf stellen?

 

Eine unbegrenzte Geduld

Der junge Filmemacher Frank Marten Pfeiffer begleitet ihn über Monate hinweg mit der Kamera, dokumentiert seinen Alltag und vor allem sein Ringen um ein großes Ziel: Tübingen soll vorangehen im Klimaschutz. Dabei geht der Grüne aber nicht mit dem Kopf durch die Wand. "Wer in der Politik keine Kompromisse eingeht, wird entweder zum Sektierer oder zum Außenseiter. Aber man wird nicht Oberbürgermeister", sagt er. Und so diskutiert er unermüdlich mit den Bürgern in seiner Sprechstunde, streitet mit Architekten und Denkmalschützern über sinnvolle Sanierungs- und Energiesparmaßnahmen, sucht nach Argumenten fürs Umsteigen auf Bus und Bahn und fördert Solaranlagen.  Mit seiner scheinbar unbegrenzten Geduld kämpft er für die Sperrung von Straßen, für mehr Radwege und für die Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes. Palmer fährt selbst viel Fahrrad, raucht nicht, trinkt nicht – seine einzige Droge ist die Politik.

 

Der Hauptgrund

"Für mich war das entscheidende Motiv, in die Politik zu gehen die Überlegung, dass wir systematisch dabei sind, die Grundlage unserer Zivilisation zu zerstören," sagt der junge Politiker. Zumindest in Tübingen soll damit Schluss sein, am besten im Einvernehmen mit Gemeinderat und Bürgern. Wo das nicht geht, kann Palmer, den eine Hochglanz-Zeitschrift schon mal als "neuen Joschka" im Stocherkahn vor dem Hölderlinturm posieren lässt, auch energisch und stur werden. So lässt er, unbeeindruckt von Protesten, einen japanischen Mittelklassewagen mit Hybrid-Antrieb als Dienstfahrzeug leasen. Auf noble Karossen "made in Germany" verzichtet er – zuviel Schadstoff-Ausstoß. Das sorgt für Schlagzeilen in den Zeitungen. Palmer hat eben seine Prinzipien, aber auch politisches Fingerspitzengefühl und er weiß es zu nutzen. Deshalb kündigt er an, dass er gerne wieder umsteigen werde – wenn die deutschen Autobauer nachbessern. Ein Jahr später fährt er einen Smart.

 

Flagge zeigen

Boris Palmer verschanzt sich nicht hinter den Mauern des historischen Tübinger Rathauses und zeigt gern Flagge. Als die rechtsextremen "Jungen Nationaldemokraten" einen Aufmarsch in Tübingen planen, tut er alles, um diese Veranstaltung zu verhindern. Nachdem klar ist, dass dies nicht gelingt, organisiert er eine Gegenveranstaltung, an der viele Tübinger Bürger teilnehmen. Palmer sorgt in vorderster Reihe dafür, dass die Lage nicht eskaliert und ruft unermüdlich zu gewaltlosem Protest auf. "Wir können nur dann stolz sein, Deutsche zu sein," ruft er der Menge zu, "wenn wir die Erinnerung nicht verdrängen, wenn wir sie wach halten, daraus lernen und die richtigen Konsequenzen ziehen."

 

Geprägt durch seinen Vater

Sowohl sein politisches Interesse wie auch sein Umweltbewusstsein sind geprägt durch seinen Vater, den "Remstalrebellen" Helmut Palmer: "Mein Vater kam abends eigentlich immer von politischen Veranstaltungen. Oft hat er uns Kinder mitgenommen. Er war ein so begabter Redner, dass er als ein einziger Politiker für seine Veranstaltungen Eintritt verlangen konnte." Vergeblich stellte sich Helmut Palmer, ewiger Kandidat und politischer Außenseiter zugleich, bei vielen Bürgermeisterwahlen zur Wahl, wetterte lautstark auf den Wochenmärkten und politischen Veranstaltungen gegen Ungerechtigkeit und Behördenwillkür. Seine grobe Art und seine Provokationen brachten ihn sogar in Konflikt mit der Staatsgewalt. Helmut Palmer war Baumkundler und wollte den Obstbaumschnitt in seiner Heimat vom "Chaotenobstbau" zum "Naturobstbau" verändern. Dafür entwickelte er nach Schweizer Vorbild eine eigene Methode. Den Obstbaumschnitt à la Palmer führt Boris Palmer in der Tradition seines Vaters weiter, er gibt ebenfalls Kurse – auch wenn ihm das neue Amt dafür wenig Zeit lässt. Und selbst hoch oben auf der Leiter, mit der Baumschere in der Hand, kritisch beobachtet von den Obstbauern, erlaubt er sich den einen oder anderen politischen Seitenhieb: "Wenn Sie hier herschauen, dann sehen Sie, dass zwischen dem hellen Holz und dem Schwarz der Rinde eine kleine grüne Schicht ist. Das ist wie in der Politik: Das Grüne ist das beste..."

Ein Film von Frank Marten Pfeiffer

Letzte Änderung am: 12.03.2009, 13.18 Uhr



Der Filmemacher Frank Marten Pfeiffer und sein Team

"Das Rebellenkind" - der Sohn, der mit 34 Jahren das geworden ist, was der Vater ein Leben lang angestrebt und nie erreicht hat – war für mich ein faszinierender Ausgangspunkt für den Film. Dabei interessierte mich auch die Frage, aus welchen persönlichen Motiven sich gerade Vertreter meiner Generation gegen Missstände in unserer Gesellschaft einsetzen und wie sie dabei mit dem zu erwartenden Widerstand umgehen.

Im Vorfeld erhoffte ich mir, dass bei einem jungen Oberbürgermeister als Protagonist der Blick hinter die Fassade noch leichter möglich ist als bei einem etablierten Politiker. Palmer hat uns vertraut. Bis auf wenige Ausnahmen konnten wir dann mit der Kamera auch bei allen heiklen Situationen dabei sein. Während der Dreharbeiten zeichnete sich ab: so wie Palmer als Politiker ist, so lebt er auch als Privatmensch. Dabei standen für mich seine politische Arbeit und die Erforschung seiner Wurzeln, die für seine entschiedene Haltung von Bedeutung sind, im Vordergrund.


Buch und Regie:Frank Marten Pfeiffer
Kamera:Andrea Gatzke | Frank Marten
Pfeiffer
Montage:Catrin Vogt
Ton/Mischung:Oliver Stahn Musik | Joh Weisgerber
Produktionsleitung:Jochen Dickbertel (SWR)
Produzent:Alexander Funk
Redaktion:Gudrun Hanke-El Ghomri (SWR)

Eine Koproduktion von Funkfilme mit der Filmakademie Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk. Gefördert mit den Mitteln der MFG Filmförderung Baden-Württemberg.

Letzte Änderung am: 12.03.2009, 13.18 Uhr