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Debüt im Dritten 2011 Der unbedingte Wille zur eigenen Filmsprache

Was alle diese Debüt-Filme verbindet, ist der unbedingte Wille, zu einer eigenen Filmsprache zu finden. Dieses Bestreben zeichnet nicht nur jede/n einzelne/n der FilmemacherInnen aus, sondern prägt auch die Arbeit der Redaktion im Entstehungsprozess – und zwar ganz unabhängig von Thema und Genre.

Szenenfoto "Bis aufs Blut"

Der Eröffnungsfilm der neuen Staffel, Oliver Kienles , erzählt eine Geschichte, die sich ganz entschieden an ein junges Publikum richtet.


Rasant und ganz nah am Milieu

Kienle, der es schon in seinen Kurzfilmen liebte, sich in möglichst vielen Genres auszuprobieren, erzählt von Freundschaft, Jugendkriminalität, Verrat, und er erzählt rasant, dynamisch, bewusst ganz nah am Milieu, der Sprache und der Musik seiner jungen Protagonisten und des jungen Publikums. Er kennt das, wovon er erzählt, und konzentriert sich ganz auf die Binnensicht. Die Gesellschaft außerhalb des Milieus spielt kaum eine Rolle.

So wie Oliver Kienle sich  mit seinen jungen Hauptfiguren solidarisiert, um ihre Situation und ihr Lebensgefühl, ihre Zwänge und ihre Suchbewegungen von innen heraus zu erzählen, solidarisieren alle Filmer dieser Staffel sich mit ihren Hauptfiguren und deren mehr oder weniger individuellen Nöten.


Alltagswahnsinn in furiosen Bildern 

In der Tragikomödie , dem zweiten Film, schubst Norbert Baumgarten seinen Bauleiter Kotschie aus seinem eingefahrenen Leben und überantwortet ihn ungeschützt dem Wahnsinn des Alltags. Kurz vor seinem 50. Geburtstag wird Jürgen Kotschie von einer massiven Midlife Crisis ereilt, die ihn unfähig macht, weiter seinen Alltag zu bewältigen.

Szenenfoto "Mensch Kotschie"

Kotschies Krise ist vor allem metaphysisch und sie wird vorrangig durch die furiosen Bilder erzählt. Mit einer ironischen, teils verfremdenden Kameraarbeit und Ausstattung wird Kotschies Niedergang beobachtet. Bei aller Unbarmherzigkeit der Wendungen aber, bleibt der Blick auf den Protagonisten und seine Welt doch immer  voller Mitgefühl. Nur zu bald wird klar, dass jeder von uns aus dem Alltag fallen kann – es muss nur mal der Blick anfangen, aus dem Gewohnten zu entgleiten, schon gerät das gesamte Leben ins Rutschen. 


Schnörkellos und konzentriert 

Ähnlich radikal aus der Perspektive ihrer Hauptfigur erzählt Brigitte Maria Bertele in ihrem Film von den  Folgen einer Vergewaltigung. Sie inszeniert schnörkellos und konzentriert , wie Judith, eine Frau Mitte 30, mit der traumatischen Erfahrung fertig zu werden versucht und doch scheitert,

scheitern muss, solange der Täter nicht belangt wird. Ihrem Erstlingsfilm „Nacht vor Augen“ verwandt, wird auch in „Der Brand“ klar, dass die Bewältigung eines Traumas ganz dem Individuum überlassen wird, während die Gesellschaft wegschaut, weil ihre Mittel nicht ausreichen. Diesmal aber findet die Protagonistin einen Weg, zu ihrem Recht zu kommen.

In der Spannung zwischen subjektivem Erleben und der Ohnmacht der Institutionen entwickelt der Film einen starken Sog.

 

Drei auf der Flucht 

Auch Markus Welter konzentriert sich in ganz auf die Welt seiner perspektivlosen Protagonisten. Anders als in „Bis aufs Blut“ geht es aber nicht um deren Milieu mit seinen Regeln und Erfahrungen, sondern um das Verhältnis der drei Hauptfiguren Roger, Chris und Lisa in einer Ausnahmesituation.

Szenenfoto "Im Sog der Nacht"

Einem Plan von Chris folgend, lässt Roger sich auf einen Bankraub ein. Auf ihrer Flucht träumen die drei noch von einem neuen Leben und geraten derweil immer tiefer in einen dunklen Strudel. Der Thriller lebt von der Charakterzeichnung der drei und von ihrer Wirkung aufeinander, bei der die unberechenbare Ausstrahlung Chris‘ die beiden anderen in einen gefährlichen Bann zieht.

 

Leben zwischen Widersprüchen 

Der letzte Langfilm der Reihe, von Su Turhan, konzentriert sich schließlich wieder auf einen Ausschnitt der Gesellschaft. Er spielt im Milieu der türkisch-

stämmigen Community und erzählt von einer Binnenheterogenität, die von außen noch immer häufig ignoriert wird. Mit den Mitteln des Melodrams entfaltet „Ayla“ die Geschichte eines angekündigten Ehrenmordes, erneut ganz aus der Perspektive seiner Hauptfigur. Die junge Ayla hat ihr bisheriges Leben mit den

Widersprüchen zwischen Traditionsbewusstsein und Modernität verbracht. Als sie sich verliebt, muss sie feststellen, dass ausgerechnet dieser Mann seine Schwester dafür bestrafen soll, seiner Familie Schande bereitet zu haben. Der Konflikt, in dem Ayla schon immer steckt, wird nun noch einmal zugespitzt: denn mit der Entscheidung Hatice zu schützen, muss Ayla ihre Liebe opfern.

 

Alle zahlen einen Preis 

Es geht durchaus vorwärts für alle diese Protagonisten, keine der Geschichten endet nur mit einem Scheitern. Aber: am entscheidenden Punkt angelangt, fällen die Filmer eine ähnliche Entscheidung, die Geschichten enden ambivalent. Die Figuren schaffen es zwar, den Kopf über Wasser zu bekommen, aber sie zahlen alle einen Preis dafür, der nicht einfach zu vergessen ist. Mit ihrem Körper, wie Judith in „Der Brand“, oder mit der Aufgabe ihrer Liebe wie Ayla. Tommy in „Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung“ rettet seine Integrität, aber muss mit seiner Freiheit bezahlen.

Roger wird endlich aktiv und befreit sich aus dem „Sog der Nacht“. Doch nicht nur, weil ihm Gefängnis bevorsteht, werden die gemeinsamen Taten ihn so schnell nicht loslassen. Der Glücklichste von allen ist ausgerechnet Jürgen Kotschie. Am tiefsten Punkt angekommen, bekommt er eine neue Chance. Und das Gefühl, noch einmal entronnen


zu sein, lässt ihn geradezu aus dem Film tanzen, obwohl nichts sich wirklich zum Besseren gewendet hat. Aber da in „Mensch Kotschie“ ohnehin alles nur eine Frage der Perspektive ist, ist Kotschies Glück gerade so echt wie es sein Unglück war.

 

Radikalität in der kurzen Form 

Einen Kontrapunkt zu diesen eingetrübten Schluss-Positionen setzt im diesjährigen Kurzfilmprogramm der mittellange Film „Monika“. Regisseur Christian Werner und Autorin Katharina Kress gelingt es zu zeigen, wie eine junge Frau mit dem Schicksal ihrer Erblindung fertig wird, ohne das Leid zu verharmlosen oder den Weg zur Bewältigung zu verklären. Im Gegensatz zu den anderen beiden Kurzfilmen, dem Thriller „Interview“ von Sebastian Marka (Regie) und Michael Proehl (Buch) und „Rausch“ von Verena Jahnke (Buch und Regie) und Sebastian Heeg (Buch), die ihre Filme zur schlimmsten Wendung führen. Mit der schonungslosen Radikalität von „Rausch“ endet die aktuelle Debüt-Staffel mitten in einem meist vor unseren Augen verborgenen Stück Realität: beim Umgang mit des Drogenhandels Verdächtigen in den Hinterzimmern der Polizeireviere.

Stefanie Groß, Debüt-Redaktion

Letzte Änderung am: 25.10.2011, 12.39 Uhr

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