Navigation

Volltextsuche

Seite vorlesen:

Anschläge in Norwegen Blick in den Abgrund

Die Welt ist erschüttert über die Anschläge in Norwegen: 76 Menschen starben, rund 100 wurden verletzt. Warum hat der 32jährige Attentäter das getan? Er selbst gibt darüber umfangreich im Internet Auskunft, auf 1.500 Seiten. SWR cont.ra Moderator Stefan Eich hat über die Motive mit dem Darmstädter Diplom-Psychologen Dr. Jens Hoffmann gesprochen.

Trauer in Norwegen

Norwegen trauert - der Attentäter sieht sich als Held

Herr Hoffmann, ich möchte in diesem Gespräch den Namen des Täters ausdrücklich nicht nennen. Ich habe das Gefühl, allein damit würde ich ihm schon auf den Leim gehen. Täusche ich mich da?

Dr. Jens Hoffmann: Nein, damit haben Sie absolut recht. Es ist sehr gut, dass Sie den Namen nicht nennen. Denn das ist ja gerade sein Plan: Dass sein Name und sein Gesicht bekannt werden. Um die Bilder, um die Vorinszenierungen geht es ihm im Kern seiner Aktivitäten.

Was denkt denn so ein Mensch, der ja objektiv gesehen nur ein Massenmörder ist, der auf wehrlose Menschen geschossen hat? Warum fühlt er sich als Held?

Dr. Jens Hoffmann: Er sieht sich sozusagen als geschichtliche Persönlichkeit; als jemand, der einen großen Einfluss haben wird. Dabei dient ihm die krude Ideologie, die er in seinem Manifest veröffentlicht hat, nur als innere Rechtfertigung. Eigentlich steht hinter seinen Taten nämlich nur das Bedürfnis, bekannt zu werden und im Mittelpunkt zu stehen. Wenn er dieses Bedürfnis befriedigt hat, dann fühlt er sich bestätigt und erhöht - das zeigen auch seine Kommentare nach der Tat.

Weil es mit einer Karriere als Popstar oder als Sportler nichts geworden ist, bringt er also Menschen um? Kann man das überspitzt so sagen?

Dr. Jens Hoffmann: Ja. Für manche Menschen ist es besser, eine düstere Identität zu haben als gar keine Identität zu haben. Es sind Menschen, die in ihrem Leben sonst meistens gescheitert sind. Für sie ist es durchaus erstrebenswert, ein negativer Star zu werden, ein dunkler "Held", den andere fürchten.

Der Mann soll Teile seines Manifests, das er im Internet veröffentlicht hat, fast wortgetreu von dem Mann übernommen haben, der als Una-Bomber bekannt geworden ist. Ist er also nur ein Nachahmer?

Dr. Jens Hoffmann: Wir sehen bei solchen Taten sehr häufig einen Nachahmungseffekt. Es ist deshalb auch so wichtig, dass Sie den Namen des Attentäters von Oslo nicht erwähnen. Sonst wird er selbst zum Vorbild für andere. Diese Menschen sind im Zwiespalt: Zum einen orientieren sie sich an anderen Tätern, auf der anderen Seite wollen sie aber noch bekannter und berüchtigter werden. Das kann auch ein Motiv für diesen erschütternden Massenmord im Jugendlager auf der Insel Utoya sein. Er hat ja auch selbst gesagt, man müsse viele Menschen töten, um bekannt zu werden. Das heißt, diese Täter wollen noch furchtbarere Gestalten in der öffentlichen Wahrnehmung werden.

Wir haben häufig Täter erlebt, die sich nach einem Blutbad umbringen oder dafür sorgen, dass sie von der Polizei erschossen werden. Der Täter in Norwegen hat seine Waffen weggelegt, als er gestellt wurde. Was schließen Sie daraus?

Dr. Jens Hoffmann: Er wollte überleben. Viele Täter, die stärker suizidal sind, wollen bei der Tat sterben. Hinweise darauf finden sich häufig auch vorher in ihrer Kommunikation nach außen. Andere wollen am Leben bleiben, um ihren Ruhm zu genießen. Auch der Attentäter von Norwegen formuliert in seinem Manifest den Plan, dass nach der Tat die Phase der Propaganda beginne.

Wie kann man verhindern, dass dieser Mann seine Gerichtsverhandlung zu einer noch größeren Propaganda-Show für sich selbst macht?

Dr. Jens Hoffmann: Ich denke, da sind auch die Medien gefragt. Es ist klar, dass man darüber berichten muss. Aber ich muß ehrlich gestehen: Ich kann die Fotos von diesen ganzen Tätern nicht mehr sehen. Man könnte zumindest die Gesichter verpixeln. Wenn man sie als düstere Monster dämonisiert, dann stellt man sie auch auf eine Bühne. Es wäre ein großer Fortschritt in Sachen Prävention, wenn man diese Menschen nicht so deutlich in ihrer Individualität hervorheben würde und sachlicher mit dem Thema umginge. Bei der Selbstmord-Berichterstattung hat das schon geklappt: Die Selbstverpflichtungen der Medien, wie man über Selbstmorde berichtet - wenn überhaupt -, hat messbar zu einem Rückgang der Suizide geführt.


Online-Redaktion: Dagmar Freudenreich

Letzte Änderung am: 25.07.2011, 12.28 Uhr