Seite vorlesen:
Der Abschied Karl Theodor zu Guttenbergs aus dem Verteidigungsministerium war exakt jetzt fällig. Davon ist der Politologe Frank Überall überzeugt. Er glaubt, dass ein Politiker erst dann gehen muss, wenn er seiner Partei mehr schadet als nützt.
Angesichts der Entwicklung der letzten Tage war Frank Überall vom Rücktritt nicht mehr überrascht. Die Solidarität mit dem Minister nahm kontinuierlich ab, spätestens wenn es zu einem strafrechtlichen Verfahren gekommen wäre, hätte der Minister ohnehin gehen müssen, ist der Politikwissenschaftler überzeugt. Er hat in dem Fachbuch "Endstation Rücktritt" gemeinsam mit seinem Kollegen Pascal Beucker analysiert, wann ein Politiker zurücktreten muss. "Das Ergebnis hat uns selbst überrascht. Wir waren zuvor davon ausgegangen, dass es die Medienschlagzeilen oder die Anwürfe der Opposition sind, die einen Minister stürzen lassen."
Doch das Wesentliche ist – so steht es in "Endstation Rücktritt" - die Community, also die Parteibasis und die Regierung der man angehört und damit die Bezugsgruppe für die man arbeitet. Frank Überall: "Da findet eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung statt, die ständig aufgemacht wird. Zum Beispiel wenn man einen Kandidaten in ein Amt hebt und auch, wenn man ihn in einem Amt behalten möchte."
Bis vor kurzem ging diese Rechnung für Guttenberg noch auf, findet der Politologe. "Er konnte im Bierzelt die Menschen begeistern, hat in der Yellow Press mit seiner persönlichen Situation gespielt und wurde von den Menschen und von seiner Basis ins Herz geschlossen." Doch sobald die Kosten-Nutzen-Rechnung kippt, kippt auch der Politiker. "In diesem Fall war es wie im Lehrbuch: Wenn eigene Leute öffentlich erklären, dass sie das nicht in Ordnung finden – da konnte man absehen: Die Rechnung spricht nicht mehr für zu Guttenberg."
Zuletzt gingen auch Parteifreunde auf Distanz
"Ich weiß nicht, wie lange er das erträgt und aushalten kann"
- Wolfgang Böhmer, Ministerpräsident
"Ich schäme mich nicht nur heimlich"
- Annette Schavan, Bundesbildungsministerin
Dabei hatte der Minister aus Sicht Frank Überalls vieles richtig gemacht: Er hatte Solidarität eingefordert, hatte mit der Kanzlerin und hinter den Kulissen sicher mit vielen weiteren Unions-Politikern gesprochen. "Und er hat versucht ein bisschen abzulenken," ist der Kölner Politologe überzeugt. Schließlich sei der Verteidigungsminister zur Zeit ein ganz besonders wichtiges Kabinettsmitglied. "Denken Sie nur an die toten Soldaten in Afghanistan oder eine mögliche Flüchtlingswelle aus Nordafrika, wo auch die Bundeswehr eventuell noch eine Rolle spielen wird. Das hätte reichen können um die Diskussion über die Doktorarbeit zu überlagern." Am Ende hat es nicht gelangt, dazu war die Beweislast zu erdrückend.
Die gute Nachricht für zu Guttenberg – und die schlechte für seine Gegner: Der Rücktritt ist keine Einbahnstraße, sondern wohl eher eine mehrmonatige oder ein paar Jahre währende Karrierepause. Cem Özdemir von den Grünen und Monika Hohlmeier von der CSU seien auch wieder in Ämtern und Würden, so Frank Überall: "Angesichts seiner Beliebtheit im Volk hat Guttenberg durchaus die Option zurückzukehren – an welcher Stelle auch immer."
Chronologie der Plagiatsaffäre

16. Februar: Ein Bremer Juraprofessor bezeichnet in der "Süddeutschen Zeitung" mehrere Stellen in Guttenbergs Arbeit als "dreistes Plagiat". Am selben Tag weist Guttenberg den Vorwurf als "abstrus" zurück.
17. Februar: Die Universität Bayreuth fordert Guttenberg auf, innerhalb von zwei Wochen Stellung zu den Vorwürfen zu nehmen.
18. Februar: Plagiatsjäger veröffentlichen im Internet immer mehr nicht zitierte Stellen in der Doktorarbeit. Guttenberg kündigt an, seinen Titel vorübergehend ruhen lassen.
21. Februar: Guttenberg kündigt bei einer Wahlkampfveranstaltung an, auf seinen Doktortitel dauerhaft zu verzichten.
23. Februar: Guttenberg räumt im Bundestag ein, er habe eine fehlerhafte Doktorarbeit geschrieben. Er streitet ab, vorsätzlich abgeschrieben zu haben. Die Universität Bayreuth erkennt Guttenberg den Doktortitel ab.
01. März: Der Verteidigungsminister erklärt seinen Rücktritt.
Andreas Braun
Letzte Änderung am: 01.03.2011, 12.48 Uhr