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Rotwelsch - die geheime Sprache  Baldowern und Brabbeln

Wissen Sie, woher die Begriffe ausbaldowern und Kohldampf kommen? Aus dem Rotwelschen, einer Sprache der Spielleute, Gauner und Gaukler. Der Sozialhistoriker Alexander Bergengruen hat sich intensiver damit beschäftigt und hält sogar Vorträge darüber.

Diese beginnt Bergengruen, in dem er die Zuhörer auf Rotwelsch begrüßt. Kaum einer versteht, was Bergengruen da sagt. Und niederschreiben lässt es sich auch nicht so ohne weiteres. Da ist von Simmsen (hat nichts mit SMS zu tun) und Macker die Rede:

Ursprung im Mittelalter

Die deutsche Sondersprache hat ihre Ursprünge etwa um 1250. Der Begriff Rotwelsch setzt sich vermutlich zusammen aus welch, das fremdartig oder "unverständliche Sprache" bedeutet. Rot wird mit dem Wort Bettler erklärt - also die unverständliche Sprache der Bettler. Im hohen Mittelalter wurde Rotwelsch zur Sprache der Außenseiter und Vaganten. Denn die mittelalterliche Ständeordnung zog eine klare Trennung zwischen ehrlichen und unehrlichen Menschen. Unehrlich und damit sozial ausgegrenzt waren alle, die außerhalb der Stadtmauern lebten. Also Spielleute, Gaukler, Landstreicher, Bettler und Prostituierte, aber auch Müller, Schäfer und Scharfrichter.

Geheimsprache - Geheimzeichen

Nach Ansicht von Bergengruen ist Fremdartigkeit den Deutschen immer suspekt gewesen. Die Andersartigkeit dieser Menschen, vor allem aber ihrer Sprache habe schließlich dazu geführt, dass man sie schlecht behandelt habe. Das fahrende Volk entwickelte also eine Sprache, die nicht jeder verstand - eine Geheimsprache. Dazu gehörten auch unverständliche Zeichen, die so genannten Gaunerzinken, um sich untereinander Botschaften zukommen zu lassen. So gibt es etwa Zeichen für "hier gibt es nichts", "hier gibt es Geld" oder "Übernachtung möglich". Die Geheimsprache Rotwelsch bedient sich vor allem des Hebräischen, Althochdeutschen und der Zigeunersprache und deutete diese Anleihen um.

Rotwelsch im täglichen Sprachgebrauch

In seinen Vorträgen weist Bergengruen darauf hin, dass wir Deutsche jeden Tag wie selbstverständlich Rotwelsch benutzen und Begriffe daraus. Als Beispiele nennt er Kohldampf, Stromer, Großkotz, Stuss, Mumpitz, schwofen, abnippeln oder hopsgehen. Auch das "nicht alle Tassen im Schrank haben" stamme aus der Gaunersprache. Der Begriff habe aber überhaupt nichts mit den Tassen zu tun. Vielmehr stecke ein jüdisches Rotwelsch-Wort dahinter: "tascha", der Verstand. Daraus seien im Laufe der Jahre dann die Tassen im Schrank geworden.

Geld

Moos und Schotter sind Synonyme für Geld

Aber wir haben noch viel mehr Ausdrücke übernommen. So heißt verpulvern hochdeutsch vergeuden, Schotter bedeutet zerkleinertes Gestein, mithin Kleingeld. Zum Geld selbst sagten die Gauner: Torf, Kies oder Moos. Auch der Ausdruck "Pustekuchen" habe weder mit Pusten noch mit Backwaren etwas zu tun. In dem Wort steckten vielmehr die hebräischen Worte "poschut" – wenig und "kochem" - was klug oder gewieft bedeute.

Studenten haben mitgeschrieben

Und wie kam das Rotwelsche schließlich in den deutschen Wortschatz? Immerhin ist es den Gaunern und Fahrensleuten jahrhundertelang gelungen, Außenstehenden den Zugang zu ihrer Geheimsprache zu verwehren. Auch hier weiß Bergengruen eine Antwort. Er vermutet, dass die Sprache vor ungefähr 200 Jahren Einzug ins Deutsche fand. Studenten in den Wirtshäusern Berlins und Wiens hätten die Ganoven belauscht und die Ausdrücke notiert, weil sie deren Sprache als ulkig empfanden.

Ullrich Reuter / Sebastian Bargon

Letzte Änderung am: 25.01.2011, 14.45 Uhr