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Hebammen-Streik Geburtshelferinnen nagen am Hungertuch

Neun Monate lang trainiert frau darauf hin, das Finale kann sich dann über Tage hinziehen – und sie sind immer mittendrin: Hebammen. Der Job ist anstrengend und kräftezehrend, aber allein vom Glück der Eltern können sie nicht leben. Hebammen streiken für mehr Geld – aber keinen interessiert's.

Ein Stundenlohn von 7,50 Euro ist bei einer freiberuflichen Hebamme an der Tagesordnung. Dafür arbeitet sie im Schnitt gut 50 Stunden pro Woche - ohne regelmäßige Arbeitszeiten, versteht sich. Sie betreut werdende Mütter von der ersten Stunde an, ist bei der Geburt dabei und steht den Frauen und Neugeborenen auch Wochen später noch mit Rat und Tat zur Seite. Bei 1.400 Euro brutto monatlich (Rechenbeispiel: 7,50 Euro/Stunde bei 50 Wochenstunden) müssen die Hebammen alle Ausgaben selbst tragen, d.h. alle Betriebsausgaben wie Auto und Kleidung sowie Sozialversicherungsbeiträge und Steuern. Vor allem die Versicherungen machen ihnen zu schaffen. Im Laufe des Jahres 2010 wurden die Prämien für die Berufshaftpflicht auf knapp 3.700 Euro jährlich angehoben, was einer Erhöhung um 200 Prozent seit 2007 entspricht, heißt es beim Deutschen Hebammenverband. Nur noch 30 Prozent aller freiberuflichen Hebammen wollen sich das antun.

Vergleich tariflicher Stundenlöhne

freiberufliche Hebamme7,50 Euro50-60 Stunden/Woche
Arbeitnehmer im Elektrohandwerk
(Baden-Württemberg)
13,95 Euro37 Stunden/Woche
Arbeitnehmer im Dachdeckerhandwerk
(Rheinland-Pfalz)
16,77 Euro39 Stunden/Woche
Quellen: Beratungs- und Informationssystem im Handwerk, Tarifverträge

Sie lieben ihren Beruf, wollen davon aber auch leben können

Bundesweit legen sie deshalb immer wieder die Arbeit nieder. Aber es scheint niemanden zu interessieren. Den ganzen Dezember hindurch haben die Hebammen in Baden-Württemberg gestreikt, nur bei Geburten waren sie zur Stelle, bestätigt Ulrike Geppert-Orthofer, Landesvorsitzende des Deutschen Hebammenverbandes in Baden-Württemberg im SWR cont.ra-Gespräch. Die Mütter unterstützen demnach die Forderungen der Hebammen: eine Erhöhung der Honorare um 30 Prozent und eine bessere Regelung für die Haftpflichtversicherung.

Das kostet eine Geburt z.B. Rheinland-Pfalz

Für eine Hausgeburt erhält die Hebamme 548,80 Euro. Hinzu kommen 27 Euro für jeweils einen Besuch am Tag nach der Geburt. Für drei bis fünf Tage ergibt dies 81 bis 135 Euro. Für eine zweite Hebamme können bis zu 164,80 Euro anfallen.

Das Honorar für eine Geburt im Geburtshaus beträgt für die Hebamme 467,20 Euro. Hinzu kommen 27 Euro für den Besuch am Tag nach der Geburt. Auch hier fallen für eine zweite Hebamme bis zu 164,80 Euro an. Der Träger des Geburtshauses erhält 550 Euro für Betriebskosten.

Für Geburten in Kliniken, die mit Beleghebammen arbeiten, erhebt das Krankenhaus folgende Gebühren: Eine normale Geburt kostet bis zu 1.790 Euro, ein Kaiserschnitt bis zu 4.992 Euro. Kliniken mit angestellten Hebammen fordern für eine normale Geburt bis zu 2.146 Euro, für einen Kaiserschnitt bis zu 5.366 Euro. Bei der Arbeit mit Beleghebammen übernimmt die Krankenkasse das Honorar, die Klinik spart die Personalkosten.

Für eine Beleggeburt erhält die Hebamme 237,85 Euro. Hinzu kommen für jeweils einen Besuch am Tag nach der Geburt 13 Euro. Für drei bis fünf Tage ergibt dies 39 bis 65 Euro. (Quelle: Deutscher Hebammenverband)

Hebammen erhalten grundsätzlich eine Geburtspauschale. Damit werden elf Betreuungsstunden rund um die Geburt abgegolten, d.h. acht Stunden vor und bis zu drei Stunden nach der Geburt. Für die erste Untersuchung des Kindes erhält sie 7,65 Euro, für die weitere Betreuung fallen keine weiteren Gebühren an.

Auswege aus der Misere

Bis 2007 hatte der Gesetzgeber die Hand auf der Vergütungsregelung für Hebammen. Innerhalb von 20 Jahren wurden die Honorare nur dreimal erhöht. Seit 2007 müssen die Hebammenverbände nun direkt mit den Krankenkassen verhandeln. Die Vergütungen wurden zudem an das Gesetz zur Beitragsstabilität gekoppelt. Gerade bei den Krankenkassen ist das Geld nicht im Überfluss vorhanden. Laut Ulrike Geppert-Orthofer stehen viele Parlamentarier hinter den Forderungen der Hebammen, auch Bundesgesundheitsminister Rösler habe einen ersten Schritt getan. Er wolle eine Datenerhebung zur wirtschaftlichen Situation der Hebammen in Auftrag geben. Das bringt handfeste Zahlen für die Verhandlungen mit den Krankenkassen.

Darüber hinaus will Rösler eine Gesetzesänderung anregen, damit die Kosten, die Hebammen für ihren Beruf aufbringen müssen (z. B. die Haftpflichtversicherung) zwingend bei Vergütungsverhandlungen berücksichtigt werden. Auch Familienministerin Schröder hat die Zeichen der Zeit offenbar erkannt. Sie will mit Hilfe von Familienhebammen den Kinderschutz in Deutschland verbessern. Dazu sollen laut Schröder ab 2012 jährlich 30 Millionen Euro bereit gestellt werden.

Deutschland laufen die Hebammen davon

Die Arbeitsbelastung ist hoch, der Verdienst gering. Wie der Verband berichtet sind viele schon länger gezwungen, neben ihrer Arbeit als Hebamme noch anderen Tätigkeiten nachzugehen, um davon leben zu können.

Viele sind dieser Doppelbelastung nicht gewachsen, geben den Beruf schon nach vier Jahren wieder auf. Nach einer dreijährigen Berufsausbildung. Laut Hebammenverband kann in Deutschland die flächendeckende Versorgung heute nicht mehr sichergestellt werden. Die noch verbliebenen Vollzeit-Hebammen kümmern sich um rund 160.000 Geburten im Jahr. Die Hebammen selbst schlagen vor, sich am Ausland zu orientieren: Manche Länder sehen ein steuerfinanziertes Modell vor: Dabei bezahlen die Hebammen nur einen Teil der Prämien, den Rest finanziert der Staat oder die Krankenkasse.

Doris Bimmer

Letzte Änderung am: 21.12.2010, 12.49 Uhr