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Erkenntnisse der Fluchforschung Kreatives Fluchen ist ein Zeichen von Lebendigkeit

Niemand sollte aus seinem Herzen eine Mördergrube machen. Davon ist der Schweizer Fluchforscher Roland Ris überzeugt. Er hat 8.000 Verwünschungen gesammelt und stellt fest: Originelle Flüche sind vom Aussterben bedroht. "Außer dem F...-Wort fällt vielen Menschen nichts mehr ein."

"Ein Fluch den ich besonders mag ist Himmel, A... und Zwirn", begeistert sich der Fluchforscher: "Das ist sehr kreativ. Das muss mal einer erfunden haben, und andere die es toll fanden, haben es übernommen." Roland Ris stellt in der heutigen Zeit bedauernd eine "Flucharmut" fest. Der ausschließliche Gebrauch des F…-Wortes sei "Ausdruck einer entsprechenden Lebenshaltung: Alles ist schlecht." Früher hingegen war Fluchen Zeichen einer Lebendigkeit, meint Ris: "Man kann sich mal ärgern, aber man kann sich auch unendlich freuen."

Von "Der Hagel soll Dein Feld kaputt schlagen" zu "Donnerwetter"

Wer den Berner Wissenschaftler besucht, kann sich bis zu 8.000 Verwünschungen an den Kopf werfen lassen, so viele hat der Forscher bisher gesammelt. Fluchen ist so alt wie die Menschheit und weltweit verbreitet. "Es gibt keine Kultur in der nicht geflucht wird", sagt Ris: "Die ältesten Flüche die ich kenne, stammen aus dem alten Ägypten. Da gab es Tonscherben mit Flüchen drauf, mit denen man dem Nachbarn Böses wünscht." Wer die Hieroglyphen entziffert, kann dann ein deftiges Der Hagel soll dein Feld kaputt schlagen nachlesen.

Viel später wurden dann auch im deutschsprachigen Raum Flüche ausgestoßen, die sich auf Witterungserscheinungen beziehen: "Donnerhagel nochmals", nennt Roland Ris als ein Beispiel, in Deutschland ruft man eher Donnerwetter!
Im Mittelalter war man in den feinen Kreisen zurückhaltender. Derbe geflucht wurde dagegen beim einfachen Volk. Auch später war in der gut-bürgerlichen Gesellschaft das Fluchen tabu – zumindest am Mittagstisch. Der Schweizer Forscher: "In der Unterschicht war Fluchen dagegen ein Element, um sich nach oben abzugrenzen."

Wissenswertes über das Fluchen

Wenn man der Bibel glaubt, hat Gott den ersten Fluch ausgestoßen: Als er Adam, Eva und die Schlange nach dem Sündenfall aus dem Paradies verjagte. In Märchen sind Flüche oft Verwünschungen, durch die sich die Betroffenen nachhaltig verändern (Dornröschenschlaf, Verwandlung in "Brüderchen und Schwesterchen"). Im ursprünglichen Sinn war ein Fluch eine ernsthafte soziale Sanktion, seine schlimmste Form war der Vaterfluch gegen den eigenen Sohn.

Ein Fluch drückt als Kraftwort Ärger oder Überraschung aus, als Verwünschung wünscht es einer anderen Person Unheil. Ein Vulgarismus ist ordinär und verletzt das Schamgefühl. Ein Schimpfwort, das gegen die politische Korrektheit verstößt, ist häufig diskriminierend. Eine Blasphemie verhöhnt religiöse Glaubensinhalte.

Die Malediktologie erforscht das Fluchen und Schimpfen. Gegründet wurde sie durch den deutschstämmigen Philologen und Schimpfwortforscher Reinhold Amann. Er gibt seit 1977 die Zeitschrift "Maledicta" heraus, die sich der Untersuchung des Fluchens und Schimpfens widmet. Malediktologen gehen davon aus, dass Fluchen und Schimpfwörter menschlich und ein wichtiger Bestandteil der Sprache sind.

Der Malediktologe Reinhold Aman hat eine grobe Einteilung vorgenommen. Danach überwiegen in katholischen Ländern blasphemische Beschimpfungen, in protestantischen die sexuellen Verwünschungen und in anderen Kulturen Verunglimpfungen von Familienmitgliedern. Auffallend: Die größten Tabus werden besonders gerne zum Fluchen benutzt.

Kreatives Fluchen beherrscht nicht jeder

Fluch kommt von Verfluchung: "Man ruft einen bösen Geist oder Gott an, der einem Anderen etwas Böses bringen soll", erklärt Roland Ris. "Ein Fluch ist also das Gegenteil eines Segens." Der Experte unterscheidet zwischen Flüchen und Beschimpfungen. Wer flucht, wolle, dass eine fremde Macht negativ auf einen Anderen einwirkt. Einfache Beschimpfungen wie Trottel seien dagegen nicht so nachhaltig. Wer flucht, wolle die Tabugrenzen seiner Sprache brechen: "Man will dem Anderen zeigen, dass man diese Grenze ihm gegenüber nicht einhält." Das gilt natürlich nicht für ein harmloses Sackl Zement. Dieser typische bayerische Fluch bringt Roland Ris ins Schwärmen: Die Bayern seien die besten Flucher überhaupt. Allerdings müssen sich die Schweizer nicht verstecken. Als originelles Beispiel nennt der Berner Wissenschaftler Gottfried Stutz. Gottfried hieß ursprünglich Gott verdamme mich. Spätestens in der Variante Gottfriedstutz und Söhne zeige "sich schön, wie ein ursprüngliches Element kreativ weiter entwickelt wird."

Andreas Braun, Hans-Jürgen Maurus

Letzte Änderung am: 28.09.2010, 11.22 Uhr

Fluchforscher Roland Ris Roland Ris

Der Schweizer Sprachwissenschaftler ist emeritierter Professor der ETH Zürich. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Malediktologie, was bedeutet: Roland Ris beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Fluchen und Schimpfen.

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