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Surfen bis zum Umfallen  Warum Internetsucht eine Krankheit ist

Wenn jemand ein Wochenende mit seinen Freunden am Computer online durchgespielt hat, ist er dann süchtig? Nicht unbedingt, sagen Experten. Abhängigkeit kann man nicht nur an der Zeit festmachen. Sucht zeigt sich durch seelisch, körperliche und soziale Verwahrlosung.

Die "Folgeerscheinungen" der Computer- und Internetnutzung hat der Diplompsychologe Klaus Wölfling, Leiter der Ambulanz für Spielsucht an der Universitätsklinik in Mainz, besonders im Auge. Ganz oben auf der Liste der Verhaltensauffälligkeiten steht das so genannte "craving". Damit ist das andauernde und nahezu unbezwingbare Verlangen eines Suchtkranken gemeint, sein Suchtmittel zu bekommen. "Wer vom Internet abhängig ist, will beispielsweise beim Einkaufen oder bei der Hausarbeit unbedingt online gehen", erläutert der Mediziner. "Dieses Verlangen tritt also zu einem völlig unpassenden Zeitpunkt auf und die Abhängigen werden nervös und unruhig, wenn sie ihre Sucht nicht befriedigen können."

In Tübingen fand am 22. September der größte Suchtkongress im deutschsprachigen Raum statt. 500 Experten berieten über Alkohol- und Nikotinsucht sowie über Abhängigkeit von Internet und Computerspielen.

Mit der Internetsucht beginnt die soziale Verwahrlosung

Tipps für Eltern bei Onlinesucht
Eltern sollten sich nach Auffassung von Experten früh für die Computeraktivitäten ihrer Kinder interessieren. "Je jünger die Kinder sind, desto anfälliger sind sie für eine Suchtentwicklung", sagt der Suchtexperte Theo Wessel im dpa-Gespräch. In den meisten Fällen machten sich Eltern jedoch unbegründet Sorgen. Sie seien unsicher, weil sie sich in der Online-Welt wie "Zaungäste" fühlten. Drei bis sechs Prozent der Computernutzer gelten nach aktuellen Studien als abhängig.

Eine immer längere, immer häufigere und immer intensivere Nutzung des Internets ist laut Klaus Wölfling ein weiterer Indikator dafür, dass eine Person vom PC und der virtuellen Welt abhängig ist. Das ziehe zwangsläufig die Vernachlässigung anderer Interessen nach sich: "Wer Treffen mit Freunden absagt, keine anderen Hobbys mehr hat und auch auf der Arbeit Schwierigkeiten bekommen hat, ist wahrscheinlich bereits vom Internet abhängig." Die Süchtigen seien sich in einer Vielzahl der Fälle durchaus ihrer Lage bewusst: "Sie sind im Internet unterwegs, sie spielen und surfen, obwohl sie wissen, dass sie sich damit selbst schaden. Das ist der Teufelskreis der Abhängigkeit."

Internetsucht bei Kindern und Jugendlichen

Was ist Internetsucht Was ist Internetsucht Wenn Internet zur Sucht wird

Internet und Computer werden zum Lebensinhalt. Das Verlangen ist unwiderstehlich, den PC zu nutzen. Das Zeitgefühl beim Spielen oder Chatten geht verloren. Kinder und Jugendliche surfen unkontrolliert weiter. Sie haben keinen Hunger und spüren keine Müdigkeit.

Wie zeigt sich Internetsucht? Wie zeigt sich Internetsucht? Internet als virtuelles Leben

Leistungsabfall in der Schule ist ein Hinweis auf Abhängigkeit. Außerdem sind Online-Süchtige häufig lustlos. Sie haben kaum Interesse an anderen Aktivitäten. Freundschaften pflegen sie nur "online". Auf Computerverbot reagieren sie aggressiv, beleidigt und ziehen sich zurück.

Was kann man dagegen tun? Was kann man dagegen tun? Kinder am PC

Experten raten, die Zeit am Computer zu begrenzen. Kinder unter drei Jahre sollten gar nicht am PC spielen. Zwischen drei und fünf Jahren sollten es täglich maximal 30 Minuten sein, bis zehn Jahre eine Stunde. Ältere sollten ein festes Zeitbudget erhalten, z.B. acht Stunden pro Woche.

Internetabhängigkeit ist eine Krankheit und therapierbar

Die psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Uni-Klinik in Mainz bietet für Internetabhängige Gruppen- und Einzeltherapien an. Der erste Schritt zur Beherrschung der Sucht ist die so genannte Abstinenzphase. Das bedeutet: "Zu Beginn der Therapie müssen die Patienten komplett auf den PC verzichten", sagt Diplompsychologe Klaus Wölfling. "Für viele ist das eine ganz neue Erfahrung. Sie müssen diese Zeit ohne Computer und Internet mit den dazugehörenden Entzugserscheinungen durchstehen, und mit dem ständigen Drang, wieder ins Netz zu wollen." Wenn die Therapie anschlägt, führt jedoch diese Radikalkur zum Umdenken bei den Patienten. Und das ist ein ganz wichtiger Aspekt in der Psychotherapie: "Man verlässt ausgetretene Pfade und versucht, sich geistig neu zu orientieren." Hoffnungen auf eine bessere Behandlung machen Diplompsychologe Klaus Wölfling Entwicklungen in den USA. Dort soll die Computersucht der Drogen- und Alkoholsucht gleichgestellt werden. "Wenn sich das auch in Deutschland durchsetzt, könnten die Einrichtungen die Therapieangebote mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen." Gewinner wäre der Patient, der bessere Therapieangebote bekäme.

"Damals hab' ich das Wochenende durchgesuchtet"

In der SWR-Fernsehsendung "Baden-Württemberg Aktuell" war der Deutsche Suchtkongress in Tübingen am Freitag ein Thema.


Andreas Böhnisch

Letzte Änderung am: 22.09.2010, 10.41 Uhr

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