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In ganz Deutschland besetzen Studenten Hörsäle, um auf Missstände an den Unis aufmerksam zu machen. Gegen überfüllte Seminare und zu wenige Dozenten haben schon ihre Eltern vergeblich demonstriert. Doch seitdem hat sich die Misere an den Unis verschärft.
Ziele des Bologna-Prozesses: 29 Nationen wollen damit einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum schaffen. Im Mittelpunkt der Reform steht die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen. Dadurch sollen die Mobilität der Studierenden und Professoren innerhalb Europas gefördert und Examensabschlüsse vereinheitlicht werden. Mehr bei planet-wissen.de
Von Tübingen bis Kiel und von Mainz bis Berlin protestieren die Studenten - die Zahl der betroffenen Universitäten steigt täglich. Für den 17. November kündigen Studentenorganisationen Demonstrationen an 100 Hochschulen an. Das Fass war aus Sicht der Studierenden lange Zeit randvoll. Seit Beginn des Bologna-Prozesses drohte es überzulaufen. Als vor ein paar Wochen in Wien die Proteste begannen, schwappte die Welle schnell nach Deutschland über.
Jan David Bakker ist einer der Organisatoren der Proteste in Tübingen. Im SWR-Gespräch schildert er die Zustände an seiner Universität: Vorlesungen seien zum Teil 300 Prozent überbelegt, er verstehe die Haltung von Professoren, "die hundert Studenten rausprüfen, um anständige Vorlesungen zu halten". Zu volle Hörsäle, zu wenige Dozenten und kaum Mitspracherechte der Studenten bei der Lösung dieser Probleme - daran erinnern sich auch Menschen, die schon vor 20 Jahren in Deutschland studiert haben.
Neu hinzugekommen sind in einigen Ländern wie Baden-Württemberg die Studiengebühren und die Probleme mit der Umstellung auf das Bachelor-Master-System. Die Forderungen der Studierenden fasst Jan David Bakker stellvertretend so zusammen: Die Studiengebühren müssen weg, weil sie zu verschärfter sozialer Selektion an den Hochschulen
führen, und "der Bachelor darf nicht Regelabschluss sein, da er keine wirklich wissenschaftliche Ausbildung vermittelt und in Konkurrenz zur betrieblichen Ausbildung steht".
| Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) | Hochschulrektorenkonferenz-Präsidentin Margret Wintermantel |
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| "Die Studenten brauchen klare Signale, dass es Korrekturen gibt, also Entschlackung der Studiengänge, Verbesserung der Mobilität..." | "Ich würde die Studenten nicht ermutigen, Hörsäle zu besetzen. Aber ich habe Verständnis dafür. Wir brauchen vernünftige Problemlösungen" |
Dass die Studenten derzeit Solidarität von Hochschullehrern und Politikern erfahren, ist für Bakker kein Grund zur Erleichterung. Und an die Versprechungen der neuen Bundesregierung, mehr Geld in Bildung zu investieren, glaubt er nicht: "Reden reicht nicht, es müssen auch Handlungen her. Die Bundesregierung hat Steuersenkungen beschlossen, die müssen von den Ländern mitfinanziert werden." Bakkers Befürchtung: "Wir kriegen auf der einen Seite Geld versprochen, das uns aus Finanznot wieder weggenommen wird." Viele Studenten setzen ihre Erwartungen jetzt in den Bildungsstreik-Auftakt am kommenden Dienstag. Dann ist unter anderem in Tübingen eine große Demonstration geplant. Bakker hofft, dass am 17. November nicht nur Studenten in Tübingen mobilisiert werden, sondern in ganz Deutschland.
Andreas Braun
Letzte Änderung am: 12.11.2009, 11.49 Uhr