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Welche Schwierigkeiten haben linkshändige Musiker?

19.06.2012, von

Paul McCartney

Glenn Gould, der 1982 verstorbene Pianist, war Linkshänder. Auch Paul Mc. Cartney zählt dazu, nicht zu vergessen Jimmy Hendrix, die Gitarrenlegende aus Seattle. Sind linkshändige Musiker besser als Rechtshänder? Mittlerweile bieten Instrumentenhersteller und Musikschulen entsprechende Instrumente und Kurse speziell für Linkshänder an. Für die Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover ist die Frage nach der Händigkeit von Musikern eigentlich nicht so wichtig, weil die Studierenden auf rechtshändigen Instrumenten ausgebildet werden. Im Orchester streichen zum Beispiel die Geiger aus Gründen der Sitzökonomie ohnehin alle in dieselbe Richtung. Werden die Linkshänder in der Ausbildung also benachteiligt? Eine Studie, die dieser Frage nachging, hat nun Erstaunliches zutage gefördert.  Michael Engel über die Forschungsergebnisse:

Für Musikinstrumentenbauer ist es ein gutes Geschäft, spezielle Instrumente wie Geige oder Gitarre für links spielende Musiker anzubieten. Auch Musikschulen machen da gerne mit, bieten spezielle Kurse für Linkshänder. Für viele Eltern hat diese „Sonderbehandlung“ ihrer Kinder zudem den Reiz des Elitären, sagt Prof. Reinhard Kopiez von der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover.

Häufig sind es ganz diffuse Gründe, die dahinter stehen. Also es gibt Distinktionsmechanismen: Man möchte anders sein als alle anderen. Es gibt Eltern, die sehr viel Wert legen auf die Abgrenzung gegenüber anderen. Es gibt sogenannte „Linkshänderberater“ oder Beraterinnen, die sich zur Lebensaufgabe gestellt haben, die armen unterdrückten Linkshänder zu befreien. Also wir haben hier verschiedene Interessengruppen, die alle in eine Richtung schieben. 

Der Musikwissenschaftler wollte einmal genau wissen, wie viele erfolgreiche Musiker eigentlich zu den Linkshändern gehören, obwohl sie rechts Musik machen. Das herauszufinden, war gar nicht so einfach, denn Profis am Klavier oder an der Geige beherrschen in aller Regel beide Hände virtuos. Oft wissen sie noch nicht mal, ob sie Links- oder Rechtshänder sind. 47 Musiker wurden getestet. Mit Klavierläufen und Morsetasten, die schnell gedrückt werden mussten – links und rechts. Erstaunliches Ergebnis: Mit 35 Prozent waren die Linkshänder unter den Streichern überproportional repräsentiert. Normalerweise gibt es nur zehn Prozent an Linkshändern in der Bevölkerung.

Das ist das Erstaunliche. Nämlich, obwohl sie scheinbar benachteiligt in ihrer nicht bevorzugten Spielposition spielen, spielen sie trotzdem auf internationalem Niveau und gewinnen Wettbewerbe und spielen an den ersten Pulten. Und das ist die Frage, an der wir eingestiegen sind und gefragt haben: Wie ist denn das möglich? Wie können wir das erklären, dass es offensichtlich keine wie häufig betonten Nachteile gibt, wenn man die armen Linkshänder nicht auf ihren bevorzugten Instrumenthaltungen spielen lässt, sondern sie werden gezwungen, in der Rechtshänderposition zu spielen.

An der Musikhochschule in Hannover werden die Studierenden in der Regel an rechtshändigen Instrumenten ausgebildet, schon allein deshalb, damit es im engen Orchestergraben später kein Durcheinander gibt. Für Linkshänder ist das offenbar kein Handykap. Der Studie hat sogar ergeben, die die Performance bei Linkshändern besser ist als bei Rechtshändern. Wissenschaftler wie Reinhard Kopiez erklären sich die Erfolge der Linkshänder so: Bei Rechtshändern ist die andere, die linke Hand lange nicht so gut wie bei Linkshändern die rechte. Deshalb werfen Rechtshänder bei der Ausbildung eher das Handtuch. Linkshänder hingegen haben einen Selektionsvorteil. Empfehlung deshalb für die Eltern: Vorsicht bei einem übereilten Wechsel auf Linkshänderinstrumente. Linkshänder haben das in der Regel gar nicht nötig.

Die Eltern üben sehr viel Verhaltensdruck aus. Und sie meinen, in diesem Fall etwas Gutes tun zu können, aber häufig ist schon die diagnostische Grundlage wackelig. Und an der Stelle kann man eigentlich nur pädagogisch verantwortliches Handeln anmahnen, keine vorschnellen Entscheidungen zu treffen. 

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