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Warum die Zahl der Tierversuche steigt und steigt

24.04.2012, von

Heute (24.4.) ist Internationaler Tag zur Abschaffung der Tierversuche. In der Woche rund um den 24. April machen Tierschützer weltweit auf das Leid der Tiere in den Labors aufmerksam gemacht. In Deutschland steigt die Zahl der Tierversuche seit Jahren – und das, obwohl es immer mehr Ersatzmethoden gibt. Wie passt das zusammen? Hintergründe von Stefanie Peyk:

 

Zwei Millionen achthundert sechsundfünfzig Tausend dreihundert sechzehn. Eine siebenstellige Zahl. Sie steht für fast drei Millionen Mäuse, Ratten, Kaninchen, Meerschweinchen, Schweine, Fische, Vögel und andere Wirbeltiere, mit denen 2010 in Deutschland Experimente gemacht wurden. Das sind sage und schreibe rund eine Million Tiere mehr als zehn Jahre zuvor. Die Zahl der Tierversuche steigt und steigt – und das, obwohl die Forschung immer neue Alternativen zu Tierversuchen entwickelt.

Um zu prüfen, ob ein Stoff die Haut reizt oder sogar ätzend ist und wie sehr, war früher der Kaninchentest üblich, berichten der Fachleute der ZEBET, der Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch. Man hat Kaninchen das Fell abrasiert, die Chemikalie auf die Haut aufgetragen, einen Verband drum gewickelt und dann immer wieder nachgeguckt, wie angegriffen die Haut der Kaninchen ist. So was können Forscher heute auch mit extra gezüchteter menschlicher Haut testen.

Oder der berüchtigte Versuch am Kaninchen-Auge: Tränensack des Tiers nach vorne ziehen, Chemikalie ins Auge träufeln und warten. Bei ätzenden Stoffen erblinden die Tiere innerhalb kürzester Zeit. Diese Tests werden heute häufig durch andere Versuche ersetzt, etwa mit der Hornhaut von Rinderaugen aus dem Schlachthof. Die Wasserqualität von Abwässern der Industrie lässt sich statt mit ausgewachsenen Fischen auch mit Fischeiern untersuchen – Der früher übliche Fisch-Test wurde längst abgelöst durch den Test mit Eiern des Zebrabärblings. Auch Zellkulturexperimente und Versuche an dreidimensionalen Gewebekulturen können Tierversuche ersetzen und tun das auch immer häufiger.
Tierversuche zur Entwicklung von Waffen und Munition, von Tabakwaren, Waschmitteln und Kosmetika sind in Deutschland sowieso verboten.
Dass die Zahl der Tierversuche trotzdem ständig steigt, hat vor allem damit zu tun, dass immer mehr Tests mit gentechnisch veränderten Tieren gemacht werden. 2010 war etwa jedes vierte Versuchstier genetisch verändert. Besonders häufig forschen die Wissenschaftler an transgenen Mäusen – an Tieren, in deren Erbgut gezielt einzelne Gene teilweise oder ganz ausgeschaltet oder fremde Gene eingeschleust werden. Die Forscher züchten Tiere mit Erbkrankheiten, die auch beim Menschen entstehen können oder mit Symptomen, die denen menschlicher Krankheiten ähneln. So wollen sie die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten wie Multipler Sklerose, Diabetes, Krebs, Parkinson oder Alzheimer studieren – und nach Therapieansätzen suchen. Das ist Grundlagenforschung – und genau auf diesem Gebiet ist die Zahl der Tierversuche geradezu explodiert. Die große Frage ist, inwieweit diese Versuche auf den Menschen übertragbar sind. Eine Maus mit einem einzelnen menschlichen Gen im Erbgut ist noch lange kein Mensch, und ein Mensch ist keine 70-Kilo-Maus.

Das ist auch den Wissenschaftlern klar, und die wenigsten werden sich darum reißen, Experimente mit Tieren zu machen, wenn es bessere Alternativen gibt. Große Hoffnungen setzen einige Wissenschaftler auf “Diseases in a Dish”: sie wollen Krankheiten in der Petrischale erforschen – mit Hilfe von krankem menschlichem Gewebe. Das könnte die Zahl der Tierversuche etwas verringern – oder dazu führen, dass sie wenigstens nicht weiter so stark zunehmen. Und immerhin: bei der Testung von Alt-Chemikalien werden zur Zeit weniger Tierversuche gemacht als von Tierschützern ursprünglich befürchtet. Die europäische Chemikalien-Verordnung sieht vor, dass Chemikalien, die schon lange auf dem Markt sind, aber nie systematisch getestet wurden, nachträglich geprüft werden. Es hieß, dadurch könnte die Zahl der Tierversuche schlimmstenfalls um ein Viertel steigen. Die Unternehmen aber scheinen die Kosten für die Experimente zu scheuen. Eine gute Nachricht für alle Versuchstiere.

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