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	<title>Türkei</title>
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		<title>Haben Türken ein Geschichtsbewusstsein?</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Feb 2010 14:30:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>utkupazarkaya</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<description><![CDATA[Welches Geschichtsbild haben die Türken? Utku Pazarkaya hat darüber mit Prof. İlber Ortaylı gesprochen. Er ist Direktor des Topkapi-Palastes in Istanbul und damit verantwortlich für eines der historisch wichtigsten Bauten und der Hauptsehenswürdigkeiten in Istanbul. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="highlight"><h3 class="hideme"><dfn>Medien</dfn></h3>
<ul class="media"><li class="audio"><a href="http://mp3-download.swr.de/swr2/extra/tuerkei/weblog-podcast/swr2weblog_tuerkei_haben-tuerken-ein-geschichtsbewusstsein.12844s.mp3"><dfn class="hideme">Audio:</dfn> Haben Türken ein Geschichtsbewusstsein? </a></li>
</ul></div>
<div id="attachment_1608" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1608" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/01/ortayli-268x201.jpg" alt="İlber Ortaylı ist der bekannteste Historiker des Landes" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">İlber Ortaylı ist der bekannteste Historiker des Landes</p></div>
<p>Welches Geschichtsbild haben die Türken? Utku Pazarkaya hat darüber mit Prof. İlber Ortaylı gesprochen. Er ist Direktor des Topkapi-Palastes in Istanbul und damit verantwortlich für eines der historisch wichtigsten Bauten und der Hauptsehenswürdigkeiten in Istanbul. Der Topkapı-Palast war jahrhundertelang der Wohn- und Regierungssitz der Sultane sowie das Verwaltungszentrum des Osmanischen Reiches. Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk ließ  den Palast 1923 nach der Gründung der Republik in ein Museum umwandeln.</p>
<p><span id="more-1607"></span></p>
<div id="attachment_1700" class="wp-caption alignright" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1700" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/02/topkapi-bosperus-268x201.jpg" alt="Der Topkapı Palast liegt direkt am Bosporus" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Der Topkapı Palast liegt direkt am Bosporus</p></div>
<p>Herr Ortaylı, welche Rolle spielt die Geschichte im Bewusstsein der Türken?</p>
<blockquote><p>Gar keine! Die Türken sind sogenannte History Maker; sie sind Wanderer und Führer der Geschichte. Dementgegen ist unsere Geschichtsschreibung immer arm gewesen. Ich würde nicht sagen uninteressant – Wir haben sehr farbige wirklich literarisch hochqualifizierte Geschichtsschreiber. Aber das sind nicht Geschichtsschreiber im Sinne der modernen Geschichtsschreibung, sondern solche, die die Deutschen Reichshistoriker nennen, die Chroniker des 16. und 17. Jahrhunderts. Da gibt es zum Beispiel einen wunderbaren Reiseschriftsteller &#8211; Evliya Çelebi. Einen ähnlichen Genius trifft man in der Weltliteratur selten. Dementgegen aber findet man eine systematische Geschichtsschreibung und Geschichtslehre erst sehr, sehr spät. Ich würde sagen, zum Beispiel erst mit Ahmet Cevdet Pascha im 19. Jahrhundert, der eine vergleichende Geschichtsschreibung einleitete.</p></blockquote>
<p>Wenn die neuzeitliche Geschichte kaum eine Rolle im Bewusstsein spielt, dann gilt dies sicherlich noch viel mehr für das antike Erbe der Türkei ?</p>
<blockquote><p>Seit dem 19. Jahrhundert haben wir hervorragende Archäologen. Wir haben ein wunderbares archäologisches Museum. Leider spielt das Erbe der Archäologie im Bewusstsein der Menschen nur eine geringe Rolle. Nicht nur in der Türkei, überall auf der Welt. Im Volksbewusstsein und im Allgemeinen spielt sie überall eine geringe Rolle. Die Leute haben davon wenig Ahnung. Die nationale Geschichte – das hat man bei uns wenig studiert.</p></blockquote>
<p>Angesichts ihrer Kritik am mangelnden Geschichtsbewusstsein stellt sich die Frage, was denn heutzutage an türkischen Schulen im Geschichtsunterricht vermittelt wird?</p>
<blockquote><p>Ich würde sagen, nur wenige Vergleiche mit der europäischen Geschichte, wenige Studien des Altertums. Zu unserer Zeit hat man das Altertum besser gelernt. Und interessanterweise auch ein sehr geringes Studium der islamischen Geschichte – das, was im Mittelalter im Orient war. Die Geschichte ist ein Fach, das eine besondere Reform braucht. In meinem Leben habe ich keinen imposanten, eindrucksvollen Lehrer im Bereich Geschichte kennen gelernt; in der Literatur ja, türkische Literatur, Physik, Chemie, Mathematik ja, sogar in der Geographie, aber nicht im Fach Geschichte.</p></blockquote>
<div id="attachment_1701" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1701" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/02/museum-268x201.jpg" alt="Das archäologische Museum in Istanbul" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Das archäologische Museum in Istanbul</p></div>
<p>Mit der Besiedlung durch die Türken haben sich die verschiedenen Kulturen in Anatolien vermischt, haben sich gegenseitig befruchtet, ausgetauscht&#8230;</p>
<blockquote><p>Natürlich, da ist die Kunst und die Kultur. Man hat vieles übernommen, was immer noch erforscht werden muss. Schauen Sie unsere Sprache, das Türkei-Türkische, das enthält Tausende von griechischen Wörtern. Was man da für einen vollkommenen und wunderschönen Wortschatz hat für viele Bereiche: Geographie, Klima, das Meer, Fische und dann natürlich das Bauwesen. Kilit, anahtar, temel beispielsweise; Das sind alles griechische Wörter.<br />
Das Osmanische Reich war ein Reich, in dem auch viele Völker, Religionen und Sprachen einen Zufluchtsort fanden. Es ist eine Tatsache, dass eine jüdische Einwanderung ermöglicht wurde – orientalische und auch okzidentale aschkenasische Juden &#8211; und auch viele andere Völker und Christen hier Zuflucht fanden. Das ist die Geschichte, das ist unsere Realität und das ist unser Schicksal.</p></blockquote>
<p>Die jeweilige Identität, die sich die Türken aus ihrer Geschichte formieren, welchen Einfluss hat sie auf die Chancen für eine EU-Mitgliedschaft?</p>
<blockquote><p>Ich weiß nicht, wie es mit der EU weiterläuft und ich weiß nicht, ob die sich Türkei unbedingt und als großen Traum in diesen Bund irgendwie einbringen soll. Und was bietet er der Türkei und anderen, die noch wirklich eine frische Bevölkerung haben und eine Hoffnung haben. Das muss man alles sehen. Natürlich, wirtschaftlich und sogar politisch muss man immer weiter zusammengehen. Das sind unsere Nachbarn. Auf jeden Fall ist die Türkei in Europa. Seit 800 Jahren sind wir in Europa. Aber inzwischen muss man sich auch fragen: Soll man für die EU Russland, Iran, Zentralasien und ähnliche Länder opfern? Die haben einen besseren Platz in unserem Außenhandel und in unserem Leben. Stellen sie sich vor, wir haben 300.000 russisch-türkische Ehepaare und die haben inzwischen etwa eine Million Kinder. All das muss man bedenken. Es gibt keine unbedingten Aspekte. So etwas gibt es nicht in der Politik und in der Wirtschaft. Es gibt immer Alternativen.</p></blockquote>
<p>Sie sagen, die Türken sind seit 800 Jahre in Europa. Waren die Osmanen europäisch?</p>
<blockquote><p>Offiziell sogar, der Vertrag von Karlowitz 1699. Das ist ein europäischer Friedensvertrag. Also 50 Jahre nach dem Westfälischen Frieden. Natürlich, die Jugendlichen haben wenig Ahnung vom Westfälischen Frieden – auch die Politiker. Dann gibt es den Dritten Pariser Frieden 1856. Damit wurde das Osmanenreich, Türkenreich in das europäische Mächtesystem aufgenommen – das war auch eine EG – und ist ein europäischer Staat geworden. Also diese Art von Europäisierung und so weiter, das sind nicht neue Dinge, neue Erfindungen. Das hatte man schon.</p></blockquote>
<p>Zum Abschluss noch die Frage. Herr Ortaylı, sie sind in Ankara aufgewachsen. Wo haben sie so gut Deutsch gelernt?</p>
<blockquote><p>Ich habe es von einem Emigranten gelernt. Er kam in den 30er Jahren. Ob als wirtschaftlicher oder politischer Flüchtling, weiß ich nicht. Das war ein wunderbarer Sudetendeutscher, Dr. Christinus, Heinz Christinus. Er war Goethe-Experte. Er hatte über den „West-östlichen Divan“ eine Dissertation geschrieben. Und dann seine Frau, eine Berlinerin. Von denen haben wir – eine Gruppe von Türken – in Ankara gut Deutsch gelernt. Wenn ich heute nicht besser spreche, ist das nicht seine Schuld (lacht).</p></blockquote>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;</p>
<div id="attachment_1702" class="wp-caption alignright" style="width: 268px"><img class="size-full wp-image-1702" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/02/buchcover.jpg" alt="Cover des Buches von İlber Ortaylı " width="258" height="400" /><p class="wp-caption-text">Cover des Buches von İlber Ortaylı </p></div>
<p>İlber Ortaylı wurde als Kind Krim-Tatarischer Flüchtlinge 1947 in Bregenz geboren. Seine Eltern, die vor Stalins Terror geflohen waren, sollen sich im Flüchtlingslager kennengelernt haben. Von Österreich siedelte die Familie in die Türkei über. İlber Ortaylı besuchte in Ankara die Schule und später die Universität. Der Historiker, definiert den Menschen als ein Wesen, das im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen ein Geschichtsbewusstsein besitzt. „Auch für die Gesellschaft ist das Geschichtsbewusstsein sehr wichtig“, sagt Ortaylı. Leider sei die Türkei kein Land der Historiker. Es sei zwar ein Land mit Geschichte, eine Nation, die Geschichte geschrieben habe, aber es sei kein Land, dass der Geschichtsforschung die notwendige Aufmerksamkeit schenke. Diese Klage ist der Grund dafür, dass der Historiker nach 30 Jahren wissenschaftlicher Arbeit anfing, auch für ein breiteres Publikum zu schreiben. 2006 erschien sein Bestseller „Osmanlı’yı Yeniden Keşfetmek“, was soviel heißt, wie: „Die Osmanen wiederentdecken“. Von diesem Titel wurden inzwischen rund 170 Tausend Exemplare verkauft.</p>
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		<title>Die &quot;Generation Praktikum&quot; in der Türkei</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Jan 2010 16:15:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>filizkuekrekol</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit]]></category>
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		<description><![CDATA[Türkische und deutsche Hochschulabsolventen teilen ein gemeinsames Schicksal: Nach dem Studium finden Sie oft nur Stellen mit geringem Lohn - wenn sie überhaupt bezahlt werden für ihre oft harte Arbeit. In Deutschland wird das Phänomen offen angesprochen - da ist von der "Generation Praktikum" die Rede. Anders in der Türkei: Hier trauen sich die Hochschulabsolventen nicht, das Unrecht offen anzusprechen, dass ihnen im Praktikum oder im Referendariat widerfährt, es könnte ja schließlich die Karriere verhindern. Filiz Kükrekol hat drei Rechtsreferendarinnen in Istanbul interviewt. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="highlight"><h3 class="hideme"><dfn>Medien</dfn></h3>
<ul class="media"><li class="audio"><a href="http://mp3-download.swr.de/swr2/extra/tuerkei/weblog-podcast/swr2_tuerkeiblog_die-generation-praktikum-in-der-tuerkei.12844s.mp3"><dfn class="hideme">Audio:</dfn> Die &#8220;Generation Praktikum&#8221; in der Türkei</a></li>
</ul></div>
<div id="attachment_1675" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1675" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/01/IMG_4171_533-268x201.jpg" alt="Heydanur, Ayşenur und Selvet haben an der Universität in Adana studiert" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Heydanur, Ayşenur und Selvet haben an der Universität in Adana studiert</p></div>
<p>Türkische und deutsche Hochschulabsolventen teilen ein gemeinsames Schicksal: Nach dem Studium finden Sie oft nur Stellen mit geringem Lohn &#8211; wenn sie überhaupt bezahlt werden für ihre oft harte Arbeit. In Deutschland wird das Phänomen offen angesprochen &#8211; da ist von der &#8220;Generation Praktikum&#8221; die Rede. Anders in der Türkei: Hier trauen sich die Hochschulabsolventen nicht, das Unrecht offen anzusprechen, dass ihnen im Praktikum oder im Referendariat widerfährt, es könnte ja schließlich die Karriere verhindern. Filiz Kükrekol hat drei Rechtsreferendarinnen in Istanbul interviewt.<span id="more-1661"></span><br />
Sie sind jung, intelligent und waren bis vor kurzem noch voller Ideale. Als Heydanur, Ayşenur und Selvet mit ihrem sehr guten Abiturszeugnis, das Recht auf ein Jura Studium erworben hatten, dachten sie die Welt gehört ihnen. In der Türkei werden die Studienfächer nach in der Abiturprüfung erworbenen Punkten vergeben. Je nach Punktzahl und Abiturfachrichtung, werden die Jungen Menschen dann auf Studienfächer und Universitäten im ganzen Land verteilt. Die drei jungen Frauen haben an der Rechtsfakultät der Universität Adana im Süden des Landes studiert. Heydanur erinnert sich:</p>
<blockquote><p>Als wir Jura studierten, haben wir uns schon was darauf eingebildet. Wenn man gefragt wird, was man studiert, dann ist es schon was ganz anderes Jura oder Medizin sagen zu können. Schließlich braucht man hier für diese Fächer die höchste Punktzahl. Es sind die härtesten Studienfächer. Tja aber jetzt, nach dem Studium, ist es als wären wir unqualifiziert, das ist traurig.</p></blockquote>
<p>Nach dem Studium durchlaufen Rechtsabsolventen in der Türkei ein halbes Jahr lang verschiedene Stationen am Gericht und verbringen das zweite halbe Jahr in einer Anwaltskanzlei. Im Grunde ähnlich wie Rechtsreferendare in Deutschland. Nur haben sie hier den Status von einfachen Praktikanten, werden auch so bezeichnet. Für einen Arbeitstag von 10 Stunden bekommen die wenigsten ein Gehalt. Die 24-jährige Selvet ist eine von diesen Praktikantinnen, wie ihr geht es hier vielen sagt sie.</p>
<blockquote><p>Wir haben viele Freunde, die im Praktikum auch nichts bekommen, und wenn, dann nur so was um die 50 Euro und das nicht mal im Monat.</p></blockquote>
<p>Ihre Freundin und Mitpraktikantin Heydanur ergänzt:</p>
<blockquote><p>Das ist eher so etwas wie ein Taschengeld, es ist nicht institutionalisiert wie ein Lohn. Wenn die Anwälte dran denken, dann ziehen sie Geld aus der Tasche und geben es, eben wie Taschengeld.</p></blockquote>
<p>So ist geht es in den meisten Bereichen zu, nicht nur im Rechtswesen. Einen Aufschrei gab es in der Türkei nicht, keine Diskussion um die „Generation Praktikum“. Zu groß ist die Angst, dass das der Karrierekurve, schon am Anfang einen Knick nach unten bescheren könnte. Zumal in der Türkei immer noch vieles über Beziehungen läuft, auch wenn es etwas besser geworden ist in den vergangenen Jahren im Zuge der Beitrittsverhandlungen mit Brüssel. Aber eben nur etwas, schließlich prägt ein jahrhundertealtes System der Vetternwirtschaft die Mentalität der Menschen, von heute auf morgen ist da nichts zu machen. Hierfür geben die Rechtsabsolventinnen ein Beispiel aus ihrem Bereich. Nach dem Jura Studium kann jeder bis zum 30. Lebensjahr an einer Prüfung für die Richterausbildung teilnehmen. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht.</p>
<blockquote><p>Sie müssen die schriftliche und die mündliche Prüfung bestehen und die sind sehr schwer.</p></blockquote>
<p>Für die mündliche Prüfung wirft Heydanur ein, braucht man Beziehungen.</p>
<blockquote><p>Vornehm nennt man das heutzutage dann eine Referenz. Und wenn man so eine Referenz hat, dann kommt man auch in die Richterausbildung rein.</p></blockquote>
<blockquote><p>Aber nur wenn man einen guten Fürsprecher hat“, ergänzt Selvet. „Man muss sowohl eine sehr hohe Punktzahl in der schriftlichen Prüfung bekommen, als auch die mündliche Prüfung bestehen. Bei der wirst Du dann bis auf die Schminke  gemustert, und wenn du dann auch noch einen brauchbaren Fürsprecher hast, dann nehmen sie dich ohne Fragen zu stellen, oder stellen anstandshalber zwei drei Fragen. Leute die keine „Referenz“ haben, können so hart arbeiten wie sie wollen, sie haben keine Chance. Dann bist Du halt dein Leben lang nur ein Anwalt.</p></blockquote>
<blockquote><p>„Außerdem“,  springt Heydanur noch ein, „muss dein Fürsprecher auch Regierungstreu sein. Das ist einem Freund kürzlich passiert. Die schriftliche Prüfung hat er mit einer hohen Punktzahl bestanden, und anschließend in der mündlichen Prüfung alle Fragen beantwortet. Seine Referenz aber vertritt eine dem Staat zuwiderlaufende Position. Es ist eine sehr gute Referenz aber eben aus dem falschen Lager und deshalb hat es nicht geklappt mit der Richterausbildung.“</p></blockquote>
<p>Die jungen Frauen beklagen vor allem die Ungleichheit zwischen Anwalts- und Richterpraktikanten. Die genießen Privilegien, von denen die Anwaltspraktikantinnen nur träumen können. Angefangen beim Lohn.</p>
<blockquote><p>Obwohl wir das gleiche studiert haben, verdienen die Richterpraktikanten monatlich bis zu zweieinhalb Tausend Lira also rund 1200 Euro. Wobei wie gesagt viele nur über Beziehungen an ihr Praktikum gekommen sind. Wir Anwaltspraktikantinnen bekommen überhaupt nichts, und das obwohl wir das gleiche Studium absolviert  haben. Nur weil wir Anwaltsanwärterinnen sind.</p></blockquote>
<p>Auch sind sie in der Zeit ihres Praktikums nicht versichert, meistens, weil das die Anwälte, bei denen sie arbeiten, nicht finanzieren wollen. Bereits zu Beginn ihres Arbeitslebens sind diese drei jungen Frauen, schon ernüchtert, an ihre Ideale glauben sie schon lange nicht mehr.</p>
<blockquote><p>Wir haben das studiert weil Jura eine Fachrichtung ist, die das Recht hütet sagen die jungen Frauen, doch keiner in der Türkei schütze das Recht.</p></blockquote>
<p>Sicher das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Arbeitsleben. Das türkische Rechtssystem ist 2005 nach großen Debatten umfangreich reformiert worden. Das Strafrecht zum Beispiel basiert größtenteils auf deutschem Recht. Vieles hat sich verändert seit der Gesetzesreform. Große türkische Unternehmen werden mittlerweile an internationalen Standards gemessen. Bleibt die Hoffnung, dass diese Reformen auch in der Lebenswirklichkeit der Menschen ankommen.</p>
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		<title>Rückkehrer-Stammtisch in Istanbul</title>
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		<pubDate>Fri, 22 Jan 2010 10:00:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>utkupazarkaya</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<category><![CDATA[Soziales]]></category>
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		<description><![CDATA[Die türkischen Zuwanderer gelten als schlecht integriert. Viele fühlen sich in Deutschland unerwünscht. Mancher Deutsch-Türke träumt da von einem Leben in der Türkei. Tatsächlich wollen aber nach einer Umfrage nur vier Prozent in den kommenden zwei Jahren in ihre Heimat beziehungsweise die ihrer Eltern zurück. Auch wenn also nur wenige ihre Träume in die Realität umsetzen, in  Istanbul wächst Tag für Tag ein Rückkehrerstammtisch. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="highlight"><h3 class="hideme"><dfn>Medien</dfn></h3>
<ul class="media"><li class="audio"><a href="http://mp3-download.swr.de/swr2/extra/tuerkei/weblog-podcast/swr2_tuerkeiblog_rueckkehrer-stammtisch-in-istanbul.12844s.mp3"><dfn class="hideme">Audio:</dfn> Rückkehrer-Stammtisch in Istanbul</a></li>
</ul></div>
<div id="attachment_1649" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1649" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/01/PICT0121_533-268x201.jpg" alt="Emine Şahin und Arda Sürel beim Tee" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Emine Şahin und Arda Sürel beim Tee</p></div>
<p>Die türkischen Zuwanderer gelten als schlecht integriert. Viele fühlen sich in Deutschland unerwünscht. Mancher Deutsch-Türke träumt da von einem Leben in der Türkei. Tatsächlich wollen aber nach einer Umfrage nur vier Prozent in den kommenden zwei Jahren in ihre Heimat beziehungsweise die ihrer Eltern zurück. Auch wenn also nur wenige ihre Träume in die Realität umsetzen, in  Istanbul wächst Tag für Tag ein Rückkehrerstammtisch. Hier treffen sich nicht die Verlierer des deutschen Bildungssystems sondern fast ausschließlich gut ausgebildete junge Deutsch-Türkische Akademiker, die ihr Glück in der Türkei versuchen:<span id="more-1645"></span><br />
Ich treffe Emine Şahin und Arda Sürel beim Tee in einem der quirligen Wohn- und Geschäftsviertel Istanbuls. Beide sind in Deutschland aufgewachsen. Beide wollten irgendwann unbedingt zurück. Zurück in ein Land, dass sie als Babys verlassen hatten. Eine Rückkehr mit Hürden. Die Eltern der Architektin Emine Şahin waren strickt dagegen:</p>
<blockquote>
<div id="attachment_1650" class="wp-caption alignright" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1650" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/01/PICT0119_533-268x201.jpg" alt="Die Eltern der Architektin Emine Şahin waren strickt gegen die Rückkehr" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Die Eltern der Architektin Emine Şahin waren strikt gegen die Rückkehr</p></div>
<p>Sie meinten Tochter, wenn du jetzt dahin gehst &#8211; du schaffst das nicht. OK, also den Segen meiner Eltern hatte ich nicht. So bin ich dann im Mai 2006 in die Türkei gekommen; habe dann erst vier Monate mit meinen Eltern Urlaub gemacht. Und als meine Eltern dachten, jetzt geht die Tochter wieder zurück, habe ich gesagt: Nein Mama, ich bleibe jetzt da und das war ein riesen Schock für die.</p></blockquote>
<p>Im Gegensatz zu den Studien über schlecht integrierte Türken war Emine Şahin in Deutschland zuhause. Integrationsprobleme hat die junge Architektin erst in der Türkei kennen gelernt:</p>
<blockquote><p>Es war schon sehr schwierig, sich hier einzuleben. Ich habe von Anfang an gesagt bekommen: ‚Emine du musst dich hundert Prozent anpassen. Ansonsten hast du deine Probleme.’ Das habe ich auch versucht – aber es ging nicht. Also wenn ich mich hundert Prozent irgendwo anpasse, dann bin ich nicht die Emine, die ich bin; dann muss ich mich total aufgeben und das wollte ich nicht. Hundert Prozent anpassen würde ich mich nie hier.</p></blockquote>
<div id="attachment_1652" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1652" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/01/PICT0116_533-268x357.jpg" alt="Den Wunsch zurückzukehren, hatte Arda Sürel schon früh" width="268" height="357" /><p class="wp-caption-text">Den Wunsch zurückzukehren, hatte Arda Sürel schon früh</p></div>
<p>Auch Arda Sürel hat fast sein ganzes Leben in Deutschland verbracht. Den Wunsch zurückzukehren, hatte er schon früh. Dabei zeigt sich eine Gemeinsamkeit von Arda Sürel und Emine Şahin: In der Kindheit &#8211; wenn die Ferien in der Türkei zu Ende gingen, übermannten beide die Gefühle:</p>
<blockquote><p>Seit dem dritten, vierten Lebensjahr beim Einstieg ins Flugzeug habe ich angefangen zu weinen – Das war bei mir genauso.</p></blockquote>
<p>Der promovierte Volkswirt ließ sich mit der Rückkehr allerdings Zeit bis er  Mitte 30 war. Er machte sich in Istanbul vor sechs Jahren mit einem Beratungsunternehmen selbstständig. Die Auswanderung in die Türkei war für ihn kein einschneidendes Erlebnis:</p>
<blockquote><p>Ich mache den Computer an und skype mit Deutschland, rede mit Italien, schicke eine Mail nach Amerika. Die Welt in der ich hier arbeite, da ist es egal, wo man sitzt. So wie es früher war mit Migration, würde ich das nicht mehr umschreiben und wenn man dann auch noch in einer Stadt wie Istanbul lebt – man geht auf die Straße, unterhält sich in mehreren Sprachen, kann mehrere Sprachen auf einmal hören und lebt wirklich international.</p></blockquote>
<div id="attachment_1655" class="wp-caption alignright" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1655" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/01/PICT0124_533-268x201.jpg" alt="Die Gründerin des Rückkehrerstammtisches Çiğdem Akkaya " width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Die Gründerin des Rückkehrerstammtisches Çiğdem Akkaya </p></div>
<p>Vielleicht geht es gar nicht um Rückkehr in die alte Heimat. Vielleicht ist es einfach nur die Attraktivität der Bosporus-Metropole, die die Türkischstämmigen, so wie viele andere junge Europäer, anzieht, sagt die Gründerin des Rückkehrerstammtisches Çiğdem Akkaya über Istanbul:</p>
<blockquote><p>Eine Stadt, die sehr in ist, die lebt und die anzieht. In Istanbul ist jeder fremd und sie ist wirklich eine überaus multikulturelle Stadt, eine Weltstadt.</p></blockquote>
<p>Çiğdem Akkaya ist selbst Rückkehrerin. Sie hat 24 Jahre in Deutschland gelebt und hat nun ihr eigenes Beratungsunternehmen. Sie stellt Kontakte zwischen deutschen und türkischen Firmen sowie Institutionen her. Die Idee für den Rückkehrerstammtisch kam ihr vor rund vier Jahren. Damals stellte sie fest, dass es doch größere Unterschiede zwischen den einheimischen Türken und den sogenannten Deutschländern gibt:</p>
<blockquote><p>Als wir eine Veranstaltung organisiert hatten und die PR-Managern eines Hotels sich als Deutschländerin entpuppt hat, haben wir festgestellt, wie gut wir zusammenarbeiten. Denn bis sie sich eingeschaltet hatte, hatten wir ein Problem mit dem Hotel bei der Organisation. So bald sie sich eingeschaltet hat, haben wir uns super verstanden und die Probleme im Hotel wurden sofort beseitigt. Da haben wir festgestellt: Wenn wir A sagen, dann verstehen die Deutschländer auch A und das ist der Unterschied zu denjenigen, die noch nie in Deutschland waren. Die verstehen, wenn wir A sagen manchmal auch B darunter.</p></blockquote>
<p>Mit dem Rückkehrerstammtisch wollte man sich vernetzen &#8211; sowie einfach Zeit miteinander verbringen. Mit einem Dutzend Deutschländern fing der Stammtisch an. Heute sind fast 700 eingeschrieben und täglich kommen zwei bis drei Neue hinzu.<br />
Emine Şahin lebt nun schon seit mehr als drei Jahren in der Türkei. Sie musste feststellen, dass sie auch in der Türkei eine Fremde bleibt.</p>
<blockquote>
<div id="attachment_1657" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1657" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/01/PICT0122_533-268x201.jpg" alt="Emine Şahin fühlt sich auch in der Türkei noch als Fremde" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Emine Şahin fühlt sich auch in der Türkei noch als Fremde</p></div>
<p>Also in Deutschland bin ich eine Türkin, in der Türkei bin ich eine Almancı, eine Deutschländerin. Ich bezeichne mich als eine, die zwischen zwei Kulturen stecken geblieben ist. Die nicht weiß wohin. Ich fühle mich als Almancı, Deutschländerin, weil ich nicht türkische denke, weil ich nicht türkisch denken kann. Aber ich bin auch keine richtige Deutsche, weil ich keine deutschen Vorfahren habe.</p></blockquote>
<p>Die 37-Jährige versucht es positiv zu sehen. Es ist gut, dass man von beiden Kulturen etwas hat, sagt sie. Ihre Erfahrung in der Türkei haben ihren Blick auf Deutschland verändert:</p>
<blockquote><p>Total &#8211; zum Beispiel in Deutschland Arztbesuche. Nachdem ich die Erfahrungen hier gemacht habe beim Arzt – da muss man sich ja einen Tag frei nehmen, um zum Arzt zu gehen und in der Schlange zu stehen – weiß ich das jetzt viel mehr zu schätzen als damals. Oder die deutsche Bürokratie: ich vermisse die total. Wenn ich einen Behördengang zu tun hatte, wusste ich wohin ich hin zu gehen habe und was ich machen muss. Aber hier brauche ich einen halben Tag bis ich den  richtigen Ansprechpartner finde. Da sind schon Welten dazwischen. Das vermisse ich.</p></blockquote>
<p>Eine Rückkehr nach Deutschland? Noch ist die Zeit dafür nicht reif, sagt sie:</p>
<blockquote><p>Ich weiß, dass ich irgendwann mal zurückgehen möchte. Ich besuche ab und zu meine Familie – weil meine Familie ist in Deutschland, meine Eltern pendeln hin und her – oder nach Europa! Ich sage jetzt nicht nach Deutschland! Europa. Die Türkei wird sich entwickeln. Vielleicht in einer Generation ist sie dann europagerecht. Obwohl ich hier meine Probleme habe, meine Schwierigkeiten habe, bleibe ich hier.</p></blockquote>
<p>Nicht nur die deutsche Bürokratie fehlt der Architektin. Auch viele andere Dinge, mit denen sie in Deutschland aufgewachsen ist:</p>
<blockquote><p>Wie zum Beispiel Lebkuchen zur Weihnachtszeit oder Nikoläuschen. Gott sei Dank haben wir ja genügend Freunde, die öfter mal in Deutschland sind; die uns dann etwas mitbringen. Zum Beispiel habe ich letztens Schokolade mitgebracht. Sie werden mich bestimmt fragen: ‚Gibt es hier keine Schokolade?’ Doch, aber das ist nicht das Gleiche. Der Geschmack ist ganz anders.</p></blockquote>
<p>Während des Gesprächs quält sich vor dem Bürofenster im Stadtteil Etiler der Berufsverkehr vorbei. Der 39-Jährige Arda Sürel hört Emine Şahin interessiert zu. Doch ihm fällt nichts ein, was er vermissen würde – fast nichts:</p>
<blockquote><p>Vielleicht Disziplin im Straßenverkehr &#8211; zu einem bestimmten Maße.</p></blockquote>
]]></content:encoded>
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		<title>Neue und alte Eliten in der Türkei</title>
		<link>http://www.swr.de/blog/tuerkei/2010/01/18/neue-und-alte-eliten-in-der-tuerkei/</link>
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		<pubDate>Mon, 18 Jan 2010 12:30:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>filizkuekrekol</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Soziales]]></category>
		<category><![CDATA[AKP]]></category>
		<category><![CDATA[Aufbruch]]></category>
		<category><![CDATA[Eliten]]></category>
		<category><![CDATA[Wandel]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Türkei – ist ein Land im Aufbruch. Wirtschaftlich wie politisch. Noch bis zum Zusammenbruch der New Economy 2001 lag die Inflationsrate bei 68 Prozent. Eine aktive wirtschaftsliberale Politik hat die jahrzehntelange hohe Inflationsrate auf  5 Prozent gesenkt und das Wirtschaftswachstum angeregt. Diese Wirtschaftspolitik hat  die islamisch-konservative AKP, Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung, maßgeblich vorangetrieben. Die AKP stellt die neue Elite im Land. Filiz Kükrekol hat mit dem Publizisten und Verleger Murat Belge über neue und alte Eliten gesprochen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="highlight"><h3 class="hideme"><dfn>Medien</dfn></h3>
<ul class="media"><li class="audio"><a href="http://mp3-download.swr.de/swr2/extra/tuerkei/weblog-podcast/swr2_tuerkeiblog_neue-und-alte-eliten.12844s.mp3"><dfn class="hideme">Audio:</dfn> Neue und alte Eliten in der Türkei</a></li>
</ul></div>
<div id="attachment_1587" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1587" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/01/IMG_4324_533-268x201.jpg" alt="Publizisten und Verleger Murat Belge in seinem Büro" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Publizist und Verleger Murat Belge in seinem Büro</p></div>
<p>Die Türkei – ist ein Land im Aufbruch. Wirtschaftlich wie politisch. Noch bis zum Zusammenbruch der New Economy 2001 lag die Inflationsrate bei 68 Prozent. Eine aktive wirtschaftsliberale Politik hat die jahrzehntelange hohe Inflationsrate auf  5 Prozent gesenkt und das Wirtschaftswachstum angeregt. Diese Wirtschaftspolitik hat  die islamisch-konservative AKP, Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung, maßgeblich vorangetrieben. Die AKP stellt die neue Elite im Land. Filiz Kükrekol hat mit dem Publizisten und Verleger Murat Belge über neue und alte Eliten gesprochen.<span id="more-1586"></span></p>
<p>Belge gehörte in den 1960er und 70er Jahren zu den Wortführern der linken Studentenbewegung, wofür er auch inhaftiert wurde. Belge ist bekennender Sozialist, und Professor für englische Literaturwissenschaft an der privaten Bilgi Universität in Istanbul. Er ist Kolumnist der liberalen Tageszeitung Taraf und Herausgeber von Orhan Pamuk.</p>
<p>Herr Belge wer hat heute das Sagen im Land, wer durfte zuvor in der Türkei bestimmen?</p>
<blockquote><p>Wenn wir bestimmen wollen, wer das Sagen hatte, müssen wir zurückblicken ins Jahr 1908, das ist der Beginn der zweiten konstitutionellen Periode des Osmanischen Reiches. Hier hatte die Armee das Sagen. Bis zum Ende des ersten Weltkrieges hatte ein militärischer Kader das Sagen, die anschließenden Freiheitskämpfe gingen vom gleichen Kader aus, auf deren Seite die städtische Elite stand. Nach dem Tod Kemal Atatürks kam Ismet Inönü an die Macht, bis dahin wurde die Türkei von einem Einparteiensystem regiert. Unter der Regierung dieser zwei Generäle erlebte die Türkei die am wenigsten militaristische Zeit. Atatürk und Inönü waren nämlich die zwei Menschen, denen die Armee am meisten vertraute, deshalb brauchte man kein Militär. Nach der Entscheidung von Inönü, zu einem Mehrparteiensystem überzugehen, endete aber der Militarismus der „Kandierten Äpfel“.</p></blockquote>
<p>Damit meinen sie die Zuckerbrot und Peitsche Politik, mit der die Generäle und Premierminister Atatürk und Inönü die Bevölkerung in Schach gehalten haben. Aber es folgten drei Putsche, es gab also durchaus eine Bewegung, die diesen Zuckerbrot und Peitsche Militarismus, nicht mittrug?</p>
<blockquote><p>Ja, die Partei, die das am wenigsten akzeptierte, war und ist die AKP.</p></blockquote>
<p>Also die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung von Premierminister Erdogan.</p>
<blockquote><p>Genau, mit der AKP erfolgte ein wichtiger Wandel. Dabei spielen die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union eine wichtige Rolle. In die EU kann man schließlich nicht mit einer militärischen Demokratie.</p></blockquote>
<p>Kann es so etwas wie eine militärische Demokratie geben?</p>
<blockquote><p>Nein natürlich nicht, und weil das so ist, kann ein Beitritt auf so einer Ebene auch nicht von statten gehen. Es gibt deutliche Vorzeichen, dass die Türkei nicht mehr so militaristisch sein wird wie früher. Eine Garantie gibt es sicher nicht. Aber wenn das so weiter geht, dann wird der Militarismus auch enden.</p></blockquote>
<p>Gab es bis zur AKP keine richtige Demokratie?</p>
<blockquote>
<div id="attachment_1594" class="wp-caption alignright" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1594" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/01/IMG_4325_533-268x201.jpg" alt="Murat Belge ist Professor für englische Literaturwissenschaft an der privaten Bilgi Universität in Istanbul" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Murat Belge ist Professor für englische Literaturwissenschaft an der privaten Bilgi Universität in Istanbul</p></div>
<p>Im Grunde nicht! Diese Republik ist auf einer städtischen Elite und einer ländlichen Bevölkerung gegründet worden. Aber wie es so ist, kann eine Gesellschaft nie von vorn bis hinten durchgeplant werden, also hat der Lauf der Zeit die Industrialisierung mit sich gebracht und damit Menschenrechte, die zumindest in den Städten eingehalten wurden. Und das Mehrparteiensystem hat sich entwickelt, wenn auch nicht geplant und Anfangs nicht erwünscht. Die Bauern aus der Abstellkammer der Türkei sind also in die Städte gekommen, haben auch noch angefangen zur Wahl zu gehen. Damit haben sie der herrschenden Elite von etwa 10 000 Menschen eine eigene neue Elite von 30 000 Menschen gegenübergestellt.</p></blockquote>
<p>Und die haben natürlich Schlüsselpositionen im Land übernommen, sind heute Bürgermeister, Arbeitgeber. Sie sagen also diese neue Elite kam aus der Abstellkammer der Türkei – beschreiben Sie die doch bitte.</p>
<blockquote><p>Adana ist die erste Reichen-Metropole außerhalb von Izmir und Istanbul. In Adana wird Baumwolle angebaut.  In den 50er Jahren haben wir uns über die Gestalten aus Adana lustig gemacht. Gesagt, „diese Bauern werden jetzt reich und kommen nach Istanbul“.</p></blockquote>
<p>Sie haben sich also auch gewundert, dass das Kapital in andere Hände gelangt ist?</p>
<blockquote><p>Ja, zum Beispiel Sabanci, oder Vehbi Koc, der konnte ja nicht geradeaus sprechen. Sie konnten nicht mit der Istanbuler Elite verglichen werden.  Ein Teil von ihnen ist während der Weltkriege aufsteigen, ein anderer hat sich dem Kapitalismus geöffnet. Unerschrockene Bauern eben. Ihr Reichtum dauert jetzt drei Generationen an, sie sind geschliffen, können sich mittlerweile gewählt ausdrücken und haben gelernt guten Wein im Restaurant zu bestellen.</p></blockquote>
<p>Oder aber die Alkoholsteuer zu erhöhen. Damit hat sich die Neue Elite, die AKP ja keine Freunde gemacht in der Türkei, in der Alkohol durchaus noch für ein westliches, modernes Leben steht. Herr Belge, sie haben schon gesagt, das einer Elite von 10 000 Menschen eine neue Elite von 30 000 gegenüberstand. Es gab also lange eine schweigende Mehrheit. Gibt es sie noch?</p>
<blockquote><p>Nein heute gibt es keine schweigende Mehrheit mehr. Heute gibt es eine lauthals schreiende Minderheit in der Opposition, ich meine damit die Kemalisten, und diejenigen, die an der konventionellen Gesellschaftsstruktur festhalten wollen. Die Kemalisten sind in der Türkei die konservativste, die am meisten in sich verschlossene und dogmatisch bornierteste Schicht.</p></blockquote>
<p>Könnte diese Schicht ihre Gewohnheitsrechte einfordern? Die etablierten Parteien, und die Generäle wollten zumindest die islamisch-konservative AKP verbieten. Herr Belge, ist ein neuer Putsch möglich?</p>
<blockquote><p>Es ist sehr unwahrscheinlich, aber ich kann nicht sagen unmöglich. Die letzen Militär-Putsche sind innerhalb der militärischen Hierarchie ausgeklügelt worden, angefangen beim Generalstabschef. Wenn es wieder einen Generalstabschef geben sollte, der zu so etwas bereit ist, kann es durchaus einen Putsch geben. Das ist nicht unmöglich. Es kann auch eine Junta geben, die ihre Hierarchie außer Kraft setzt, und wir erleben zur Zeit mit der Ergenekon Verschwörung durchaus, dass solche Vorbereitungen getroffen wurden, auch das ist möglich. Alles ist möglich, aber sehr unwahrscheinlich. Denn selbst die Türkei ist in der Welt nicht isoliert. Auch nicht mit ihrer Wirtschaft. Die Männer die solch einen Putsch durchführen würden, die könnten nach spätestens zwei Monaten ihre Beamten nicht mehr bezahlen. Das heißt aber nicht, dass es keinen Putsch geben wird. Denn es gibt keine Regel die besagt, dass Faschisten klug sind. Dumm zu sein ist das demokratische Recht jedes Faschisten, jedes Menschen.</p></blockquote>
<p>Ich höre immer ein „Nein aber“ – sie bleiben also skeptisch. Vor dem Hintergrund des Verbotes der Kurden-Partei DTP verständlich aber Herr Belge es gab doch aber auch Annährungen und eine Politik der Öffnung in den vergangenen Monaten, Richtung Armenien, Richtung Kurden. Das Militär hat die Füße still gehalten. Herr Belge, das sind doch Fortschritte?</p>
<p>Ja, es sieht so aus, dass die Türkei in eine Epoche des Wandels eingetreten ist. Das freut mich. Ich habe es aber auch nicht eilig. Denn noch wichtiger als ein offizieller Wandel ist für mich, dass der Wandel verinnerlicht wird. Wenn ich mir die Entwicklung von der Sowjetunion zum heutigen Russland vor Augen halte, sehe ich wie wichtig es ist, den Wandel zu verinnerlichen. Wenn man von Oben anordnet, tu dies, mach jenes, dann sieht es zwar so aus, als würde sich einiges verändert, aber dieser Wandel ist nicht verinnerlicht, kann auf einem Mal verpuffen. Deshalb finde ich es wichtig, dass dieser Prozess überhaupt angestoßen worden ist.</p>
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		<title>Die jüdischen Türken vom Bosporus</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Jan 2010 16:45:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>filizkuekrekol</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Juden]]></category>
		<category><![CDATA[Ladino]]></category>
		<category><![CDATA[Sepharden]]></category>
		<category><![CDATA[Türken]]></category>

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		<description><![CDATA[Beim überwiegenden Teil der Juden in der Türkei handelt es sich um Sepharden, also um Nachkommen der Juden, die im 15. Jahrhundert vor der Verfolgung  aus Spanien und Portugal geflohen sind. Ihr Fluchtpunkt war vielfach das Osmanische Reich. Heute noch sprechen Sie Sephardisch. Sephardisch verhält sich zu Spanisch ungefähr so wie Jiddisch zu Deutsch.  Filiz Kükrekol hat die jüdischen Türken vom Bosporus in ihrer Gemeinde in Kuzguncuk besucht. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="highlight"><h3 class="hideme"><dfn>Medien</dfn></h3>
<ul class="media"><li class="audio"><a href="http://mp3-download.swr.de/swr2/extra/tuerkei/weblog-podcast/swr2_tuerkeiblog_die-juedischen-tuerken-vom-bosporus.12844s.mp3"><dfn class="hideme">Audio:</dfn> Die jüdischen Türken vom Bosporus</a></li>
</ul></div>
<div id="attachment_1604" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1604" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/01/IMG_4391_533-268x201.jpg" alt="Vor der Synagoge" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Vor der Synagoge ( Foto: Filiz Kükrekol)</p></div>
<p>Beim überwiegenden Teil der Juden in der Türkei handelt es sich um Sepharden, also um Nachkommen der Juden, die im 15. Jahrhundert vor der Verfolgung  aus Spanien und Portugal geflohen sind. Ihr Fluchtpunkt war vielfach das Osmanische Reich. Heute noch sprechen sie Sephardisch. Sephardisch verhält sich zu Spanisch ungefähr so wie Jiddisch zu Deutsch.  Filiz Kükrekol hat die jüdischen Türken vom Bosporus in ihrer Gemeinde in Kuzguncuk besucht.<span id="more-1597"></span></p>
<p>Der Istanbuler Stadtteil Kuzguncuk auf der asiatischen Seite der Stadt ist in jeder Hinsicht eine Oase. Eine Oase der Ruhe, weil in den Straßenkaffees und kleinen Bistros, im Schatten der alten Holzhäuser  die Hektik der Millionenmetropole nicht angekommen ist. Eine Oase auch, weil hier auf wenigen Quadratmetern religiöser Frieden herrscht. Hier verschmelzen die Kirchenglocken mit den Rufen des Muezzins, und ganz unscheinbar von außen ruht wenige Meter von der Kirche die  Beth Yaakov Synagoge. Sie ist kaum zu sehen, hohe Mauern schützen dieses jüdische Gotteshaus. Drei Anschläge hat es schließlich in den vergangenen 30 Jahren auf jüdische Gotteshäuser in Istanbul gegeben, entsprechend müssen heute Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden.</p>
<div id="attachment_1600" class="wp-caption alignright" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1600" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/01/IMG_4379_533-268x357.jpg" alt="Die jüdische Gemeinde in Istanbul" width="268" height="357" /><p class="wp-caption-text">Die jüdische Gemeinde in Istanbul</p></div>
<p>Hinter den Mauern aber eröffnet sich dem Besucher eine wirkliche Oase der Ruhe, ein kleiner Marmorbrunnen plätschert vor sich hin, in einem Eck’ ein Wintergarten, der als moderne Laubhütte dient, und an die Wüstenwanderung, den Auszug aus Ägypten, erinnern soll. In einer kleinen Küche kocht der Tee und Aron, Adela, Niso und Beki unterhalten sich. Gerade versuchen sie sich auf Spanisch, besser Ladino, so nennt man das Spanisch, dass die Sepharden sprechen.</p>
<blockquote><p>Ich habe einen Sohn und zwei Töchter, meine Töchter sind bucukaz. Weißt Du was das ist?</p></blockquote>
<p>Es sind zwar zwei türkische Wörter aber eigentlich gehören die nicht zusammen. Aron und Adela kommen zur Hilfe:</p>
<p>„Bucukaz hieße Zwilling“, sagen sie. Zwilling? Naja bucuk ist halb und az ist wenig auf Türkisch, halbwenig für Zwilling? Ich durchschaue die Logik zwar nicht, macht aber nichts, es ist eben eine eigene Wortschöpfung der Sepharden. Aron und Adela diskutieren, woher es kommt – auch sie wissen es nicht. Beki erzählt weiter von ihren Kindern, es hört sich an wie aus der Vergangenheit.</p>
<p>Die Töchter seien 26, der Sohn 30, er sei verheiratet sagt Beki, eine der Töchter ebenfalls. Aber, und dafür verwendet sie nie das spanische pero, sondern das türkische ama, ama sagt Beki also, ihre Kinder sprächen leider kein Ladino. Sie habe es ihnen nicht beigebracht, da sie es selbst von ihren Großeltern gelernt habe.<br />
Ladino wird weltweit nur noch von maximal 150 000 Menschen gesprochen wird. Es ist ein mittelalterliches Spanisch. In Istanbul ist es aber konserviert worden. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in der Türkei Rober Abadura weiß warum.</p>
<blockquote><p>Die Meisten Juden, die in Istanbul leben, sind zu einem allergrößten Teil Nachfahren der Juden, die vor 500 Jahren aus Spanien immigriert sind. In Istanbul leben nahezu 20 000 Juden, im ganzen Land 23 000. Ich würde sagen, 19 der 20 000 Juden in Istanbul sind spanischstämmig.</p></blockquote>
<div id="attachment_1603" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1603" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/01/IMG_4385_533-268x201.jpg" alt="Die Torarollen in der Synagoge " width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Die Torarollen in der Synagoge </p></div>
<p>Die anderen waren schon immer hier. Als Fatih Sultan Mehmed 1453 Istanbul eroberte, gab es bereits eine jüdische Gemeinde in Istanbul. Zuletzt haben Ausgrabungen in Antalya bewiesen, dass es seit mindestens 1700 Jahren jüdisches Leben in der heutigen Türkei gibt. Hier in Kuzguncuk gab es mal 800 jüdische Familien, heute sind es nur noch zehn. Ein Großteil der türkischen Juden ist nach der Gründung des Staates Israel ausgewandert. Die, die geblieben sind wollen nirgends anders leben, so auch Adela:</p>
<blockquote><p>Ich sage immer, Gott möge mich nie von hier trennen. Das ist hier meine Welt. Ich wollte noch nie irgendwo anders leben als in der Türkei. Wir sind hier so glücklich.</p></blockquote>
<p>Adela kommt eigentlich aus Bakirköy, das ist ein Stadtteil auf der europäischen Seite von Istanbul, auch dort gibt es eine jüdische Gemeinde. Noch mehr aber erinnert sich die heute Mitvierzigerin an die Feiertage ihrer Kindheit, die muslimischen Feiertage wohlgemerkt:</p>
<blockquote><p>Als ich noch klein war, in Bakirköy, zog ich an den Feiertagen immer meine neusten Kleider an. Und ich hatte eine muslimische Freundin, wir waren von der ersten Klasse bis zum Abitur unzertrennlich. Für mich war es das Größte, an den Feiertagen morgens ihr erster Gast zu sein. Früher war das noch so, man besuchte Nachbarn und Freunde, und bekam etwas Süßes und ein Taschentuch. Ich ging also immer hin, küsste die Hände der Alten, das macht man so, wünschte ihnen ein frohes Fest. Sie warteten ohnehin immer auf mich, da ich immer die Erste war. Es war wirklich schön, sehr schön!</p></blockquote>
<p>Das war aber früher, die Feste haben sich geändert, die muslimischen und auch die jüdischen, beklagt auch Niso, er organisiert gemeinsam mit Aron die jüdischen Gemeinde in Kuzguncuk.</p>
<blockquote><p>Nein, nein, leider ist es nicht mehr so wie früher. Die Freude der alten Feiertage ist leider vorbei. Heute ist jeder nur noch damit beschäftig sich über Wasser zu halten, seine eigenen Probleme zu bewältigen. Viele kennen die alten Zeiten nicht mehr. Früher waren wir alle Brüder. Feiertage waren die Feiertage aller, nicht nur der Muslime, der Juden, oder der Armenier und Griechen hier. Wir warteten immer darauf, dass das Zuckerfest, also Ramadanfest kommt, und wir von einer zur nächsten Tür gehen und Süßigkeiten sammeln konnten. Wir hatten die Taschen voller Bonbons. Und auch wenn Pessach war, hatten wir muslimische Freunde, die kamen und hier Matzen, die ungesäuerten Brotfladen holten. Die backen wir hier. Lange im Voraus erinnerten sie uns daran, und sagten, Bruder vergiss bitte meine Matzen nicht.</p></blockquote>
<div id="attachment_1604" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1604" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2010/01/IMG_4391_533-268x201.jpg" alt="Vor der Synagoge" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Vor der Synagoge</p></div>
<p>Niso, Aron, Beki und Adela haben versucht ihre Kinder so normal wie möglich zu erziehen. Aber alle gestehen sie ein, dass sie nicht sehr religiös sind, ihre jüdische Kultur aber immer hochgehalten haben. Sie sprechen noch weniger hebräisch als sie Ladino sprechen, in der Thora können die wenigsten Lesen, aber an Feiertagen ist die Synagoge voll. Und zumindest in Kuzguncuk kann die jüdische Gemeinde immer einen Minjan, also einen Gottesdienst abhalten, dazu braucht man schließlich mindestens 10 mündige Juden erklärt Vizepräsident Rober Abadura.</p>
<p>Über Politik wollen sie nicht sprechen – nur soviel: Anfeindungen erführen sie nicht. Aber die drei Anschläge auf Synagogen, die habe sie wirklich sehr schockiert. Aron hat seinen Vater beim ersten Anschlag auf die Neve Shalom Synagoge verloren:</p>
<blockquote><p>1986 sind bei einem Anschlag dort 23 Menschen getötet worden. Unter ihnen mein Vater. Bis zu dem Zeitpunkt waren die Türen aller unserer Synagogen weit offen. Jeder konnte rein und raus gehen. Heute müssen wir Sicherheitsvorkehrungen treffen.</p></blockquote>
<p>2003 erschütterten zwei weitere Anschläge auf Synagogen in Istanbul die jüdische Gemeinde. Und doch schaut sie versöhnlich und selbstbewusst in die Zukunft. Der Vizepräsident der jüdischen Gemeinde in der Türkei Rober Abadura besteht darauf, dass sie, die Juden von Istanbul, nicht als Minderheit bezeichnet werden:</p>
<blockquote><p>Wir sehen uns nicht als Minderheit. Wir sehen uns höchstens als religiöse Minderheit. Minderheiten sind für uns die ausgeschlossenen, die übriggebliebenen einer Gesellschaft, die, die nicht respektiert werden. Auf uns trifft das alles nicht zu, zumindest fühlen wir es nicht so. Wir sind in einer großen muslimischen Gemeinde eine kleine religiöse Minderheit, wir sind also nur zahlenmäßig in der Minderheit. Ansonsten nicht, und wollen auch nicht als solche bezeichnet werden. Mein Haus ist hier, meine Arbeit, meine Zukunft, mein Leben, ich bin ein Einheimischer. Und ich glaube, dass die jüdische Gemeinde, selbst wenn sie schrumpft, noch viele Jahre bestehen wird. Wir halten an unseren Bräuchen fest, und haben ansonsten einen großen Zusammenhalt. Und ich bin überzeugt, so lange das so bleibt, werden wir hier noch lange Jahre leben.</p></blockquote>
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		<title>Türkisch-Griechische Nachbarschaft &#8211; Interview mit Alp Arbak</title>
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		<pubDate>Sat, 09 Jan 2010 07:00:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>ulrichpick</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Bodrum]]></category>
		<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
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		<category><![CDATA[Türkei]]></category>

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		<description><![CDATA[Politisch war das Verhältnis zwischen der Türkei und Griechenland immer angespannt, durch Kriege, Besatzung und zuletzt natürlich durch die Zypernfrage. Im Kontrast hierzu stehen die menschlichen Beziehungen zwischen den Bewohnern diesseits und jenseits der Grenze, vor allem an der ägäischen Küste, wo viele die Grenze als willkürlich und unnatürlich empfinden. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="highlight"><h3 class="hideme"><dfn>Medien</dfn></h3>
<ul class="media"><li class="audio"><a href="http://mp3-download.swr.de/swr2/extra/tuerkei/weblog-podcast/swr2_tuerkeiblog_tuerkisch-griechische-nachbarschaft-interview-mit-alp-arbak.12844s.mp3"><dfn class="hideme">Audio:</dfn> Türkisch-Griechische Nachbarschaft &#8211; Interview mit Alp Arbak</a></li>
</ul></div>
<div id="attachment_1243" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1243" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2009/12/DSC00340_533-268x201.jpg" alt="Von der Uferpromenade Bodrums aus bietet sich ein traumhafter Blick an" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Von der Uferpromenade Bodrums aus bietet sich ein traumhafter Blick an</p></div>
<p>Politisch war das Verhältnis zwischen der Türkei und Griechenland immer angespannt, durch Kriege, Besatzung und zuletzt natürlich durch die Zypernfrage. Im Kontrast hierzu stehen die menschlichen Beziehungen zwischen den Bewohnern diesseits und jenseits der Grenze, vor allem an der ägäischen Küste, wo viele die Grenze als willkürlich und unnatürlich empfinden. Bestes Beispiel ist das Verhältnis zwischen der türkischen Stadt Bodrum und der griechischen Insel Kos, die nur durch wenige Kilometer Wasser voneinander getrennt sind. Alp Arbak ist Lokaljournalist in Bodrum und hat sich mit der Vergangenheit der Stadt auseinandergesetzt.<span id="more-1238"></span></p>
<blockquote><p>Die Bürger Bodrums und Kos&#8217; sind sich sehr nah. Es gibt nicht nur freundschaftliche Beziehungen zwischen Bodrum und Kos, sondern auch verwandtschaftliche. Die Bürger beider Seiten besuchen gegenseitig ihre Verwandten. Das ist ein Beweis dafür, wie verflochten beide Seiten leben.</p>
<p>In Griechenland gibt es viele griechische Staatsbürger, die türkische Verwandte in der Türkei haben; nicht nur am Küstenstreifen, sondern überall in der Türkei; in Matalya, in Elazig, in Kayseri, in Istanbul. Es sind vor allem auch diese Menschen, die ein Ende dieser &#8216;Isolation&#8217; wollen. Von den Dodekanes-Inseln kommen pro Jahr nach Bodrum mindestens eine Million Menschen als Tagesausflügler. Manche kommen zum Einkaufen auf den Wochenmarkt in Bodrum. Die meisten kommen aus Kos, es sind meistens Touristen, die ihren Urlaub auf Kos verbringen und Tagesausflüge nach Bodrum machen.</p></blockquote>
<blockquote><p>Es gibt allerdings ein Problem: Die Visapflicht! Das macht den Gang über die Grenze schwierig. Dabei ist Kos so nah; ein Blick nach drüben und man kann die Insel sehen. Viele Geschäftsleute wollen Geschäfte mit der Inselbevölkerung machen. Auf diesem Gebiet bewegt sich auch einiges. Dafür setzen sich ganz besonders die Handelskammern beider Seiten ein und auch die Stadtverwaltungen. Die Bürger beider Seiten wollen sich noch näherkommen. So nah will man sich sein, dass man sogar zum täglichen Einkaufen rübergehen will. Ich hoffe, die Barrieren werden bald aufgehoben.</p></blockquote>
<blockquote><p>Hier zu sitzen, sich die Insel drüben anzugucken und nicht rüberfahren zu können ist&#8230; eine bedeutungsvolle Sache. Bei guten Wetter sieht man die Autos, mit einem Fernglas kann man die Leute auf der Straße sehen, oder wenn man hier einen Tagesausflug mit einem Boot macht zu den hiesigen Buchten, kann man die Badenden von drüben sehen. Man kann sich manchmal zuwinken. Bei den Menschen hier weckt das den Wunsch , einmal nach Drüben zu gehen. Ich hoffe, das wird irgendwann einmal realisierbar sein.</p></blockquote>
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		<title>&quot;Hier gibt es keine Probleme&quot; – Umfrage endet in Polizeikontrolle</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Jan 2010 07:00:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gabor Paal</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
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		<description><![CDATA[Europäisch aussehende Reporter mit Mikrofon in der Hand sind in einem kleinen südostanatolischen Dorf ein Publikumsmagnet und eine willkommende Abwechslung. Man gibt schnell zu verstehen, wie gut in dieser Gegend Türken und Kurden miteinander leben würden. Doch die Umfrage des SWR-Reporters Gabor Paal in der Bevölkerung endet in einer Polizeikontrolle. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="highlight"><h3 class="hideme"><dfn>Medien</dfn></h3>
<ul class="media"><li class="audio"><a href="http://mp3-download.swr.de/swr2/extra/tuerkei/weblog-podcast/swr2_tuerkeiblog_umfrage-endet-in-polizeikontrolle.12844s.mp3"><dfn class="hideme">Audio:</dfn>  Umfrage endet in Polizeikontrolle</a></li>
</ul></div>
<div id="attachment_770" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-770" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2009/11/Umfrage-Polizei-1_533-268x201.jpg" alt="Die Landstraße von Antakya nach Gaziantep" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Die Landstraße von Antakya nach Gaziantep</p></div>
<p>Europäisch aussehende Reporter mit Mikrofon in der Hand sind in einem kleinen südostanatolischen Dorf ein Publikumsmagnet und eine willkommende Abwechslung. Man gibt schnell zu verstehen, wie gut in dieser Gegend Türken und Kurden miteinander leben würden. Doch die Umfrage des SWR-Reporters Gabor Paal in der Bevölkerung endet in einer Polizeikontrolle.<span id="more-764"></span></p>
<p>Die Landstraße von Antakya nach Gaziantep verläuft parallel zur syrischen Grenze, durch ein Tal zwischen zwei Bergketten hindurch, hier wachsen Pistazienbäume, eine landschaftlich ganz schöne, wenn auch insgesamt karge Gegend, und nur wenige Dörfer liegen auf dem Weg. In einem dieser Dörfer machen wir halt. Das Dorf heißt Nur Dağι – und scheint uns wie geschaffen für eine Umfrage. Unser erster Gesprächspartner bestätigt das auch:</p>
<blockquote><p>Unser Dorf bildet den Durchschnitt der Türkei ab. Das Volk ist einfach, es ist arm, es geht seiner Arbeit nach, es gibt keine brennenden gesellschaftlichen Themen, keine sozialen Konflikte, man lebt hier sein Leben. Ich zum Beispiel arbeite für eine Baufirma.</p></blockquote>
<p>Wir sind in Südostanatolien, hier leben Kurden, aber es ist noch nicht das Kurdengebiet im engeren Sinn. Sie bilden hier mit knapp 20Prozent   noch eine Minderheit.</p>
<blockquote><p>Ich selbst zum Beispiel bin ein Mischling. Mein Vater ist Türke, meine Mutter ist Kurdin, aber hier in der Gegend macht man da letztlich keine Unterschiede, ob man Armenier, Kurde, Türke ist, alle leben in Freundschaft nebeneinander. Wir haben Kurden unsere Töchter gegeben, wir haben von ihnen ihre Töchter bekommen. Wir sind 80 Prozent Türken, aber unsere Volksvertreter hier in der Stadt sind alle Kurden. Es werden keine Unterschiede gemacht, ob jetzt Türke oder Kurde, alle leben friedlich nebeneinander.</p></blockquote>
<div id="attachment_774" class="wp-caption alignright" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-774" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2009/11/Umfrage-Polizei-3_533-268x201.jpg" alt="Türken und Kurden leben in dieser Gegend gut miteinander" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Türken und Kurden leben in dieser Gegend gut miteinander</p></div>
<p>In einem kleinen türkischen Dorf sind europäisch aussehende Reporter mit Mikrofon in der Hand ein Publikumsmagnet und eine willkommende Abwechslung. Schnell gesellen sich andere Männer dazu und bestätigen, wie gut in dieser Gegend Türken und Kurden miteinander leben.</p>
<blockquote><p>Ich bin Kurde, habe mal in einem syrisch-kurdischen Dorf gewohnt, direkt vor der syrischen Grenze. Dann ist meine Familie aber in Konflikte geraten wegen einer Blutfehde, deshalb kann ich nicht zurück in mein Dorf. Aber das ist so lang her, ich erinnere mich gar nicht mehr daran. Trotzdem, wenn wir heute zurückgehen würden, könnte es Ärger geben. Hier dagegen kann ich auch als Kurde frei leben.</p></blockquote>
<p>Wir kommen auf die Europäische Union zu sprechen und die türkischen Beitrittsbemühungen. Denn hier ist Europa in jeder Hinsicht sehr weiter weg als etwa in Istanbul oder Izmir. Was, das wollen wir herausfinden, kann ein Dorfbewohner in der Nähe Syriens mit Europa anfangen oder gar mit einem EU-Beitritt?</p>
<blockquote><p>Die Diskussion um die EU hält uns nur auf. Die Europäer werden die Türkei nicht aufnehmen, sie treiben ein Spiel mit der Türkei, aber sie werden sie auf keinen Fall aufnehmen. &#8211; Ich habe selbst keine besondere Meinung zur Europäischen Union. Ich weiß nicht, was es für Vor- und Nachteilen mit sich bringt, und darauf kommt es letztlich an: Würde ein EU-Beitritt mehr Wohlstand bringen oder nicht, ich kann das nicht beurteilen, ich kann nur sagen: Die Menschen hier haben bereits ihre Offenheit unter Beweis gestellt, einfach, indem die Unterschiede zwischen Türken und Kurden heute nicht mehr so bestehen wie früher.</p></blockquote>
<p>Damit waren wir wieder beim ersten Thema. Während Gesprächspartner Nummer 1 noch einmal die Geschichte mit den Kurden und Türken und ihren jeweiligen Töchtern wiederholt, die man sich gegenseitig anvertraut, sucht Gesprächspartner Nr 2 plötzlich das Weite. Ansonsten ist sich die Runde einig: Hier ist die Welt in Ordnung.</p>
<p>Hier werden keine Unterschiede gemacht, hier kann jeder frei seine Meinung äußern und hier soll jeder seine Meinung frei äußern.</p>
<p>Doch just in dem Moment, zwei Minuten, nachdem der Kurde davon geeilt war.</p>
<p>Kommt ein etwas schickerer Mann daher und gibt sich als Polizist zu erkennen. Fragt, was wir hier machen, und ob wir für die Reportage eine Erlaubnis hätten. Ich zeige ihm meine Presseakkreditierung. Er sagt, dann ist das vermutlich kein Problem, aber er müsste jetzt trotzdem kurz jemanden anrufen, ob wir hier Umfragen machen dürfen. Aus Sicherheitsgründen wäre es aber besser, wenn wir so etwas vorher bei den Behörden anmelden würden. Er zieht davon, um zu telefonieren, wir setzen unsere Umfrage noch kurz fort, dann wollen wir ins Auto und weiter fahren, doch schon steht ein zweiter Polizist vor uns, wieder in Zivil. Wir sollten jetzt bitte hier bleiben, bis der Rückruf da ist, das sei besser für ihn und besser für uns. Dieser Polizist ist nicht so freundlich und besteht darauf, dass die einfache Presse-Akkreditierung nicht ausreicht, wir bräuchten vielmehr eine Einzel-Genehmigung für die Umfrage hier im Dorf. Ich frage, nachdem von Sicherheitsgründen die Rede ist, ob sie denn hier schon schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht hätten? Das nicht.</p>
<div id="attachment_780" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-780" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2009/11/Umfrage-Polizei-4_533-268x201.jpg" alt="Der Tee wird serviert" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Der Tee wird serviert</p></div>
<p>Trotzdem. Jetzt kommt der erste Polizist zurück, es dauere noch ein bisschen, ob wir nicht solange einen Tee trinken wollten. Sehr gerne. Der zweite Polizist dagegen behält sein strenges Gesicht bei, und als es Tee gibt, kommt schließlich noch ein dritter Polizist hinzu. Auch er in Zivil. Wir trinken Tee, irgendwann kommt der Rückruf, also: Kein Problem, Ton-Aufnahmen dürfen wir machen, nur wenn wir Bilder aufnehmen wollen, sollten wir uns das vorher genehmigen lassen. Wir plaudern noch ein bißchen beim Tee, und als wir schließlich aufbrechen, ist die Stimmung so gut, dass ich den Polizisten schon fragen will, ob er was dagegen hätte, wenn ich ihn fotografiere. Aber das verkneife ich mir dann doch.</p>
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		<title>Arbeit als Dienst an Gott &#8211; Das Leben in Hacilar</title>
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		<pubDate>Thu, 07 Jan 2010 13:00:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>filizkuekrekol</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<category><![CDATA[Soziales]]></category>
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		<description><![CDATA[Acht Uhr dreißig: Termin beim wohl wichtigsten Geschäftsmann in Kayseri, Mustafa Boydak. Er leitet zur Zeit die örtliche Industrie und Handelskammer und ist einer der 6 Söhne des Boydak Imperiums. Einer Holding die in Möbel, Kabel und Versicherungen macht und international mitmischt. Mein Interviewpartner kommt später heißt es zunächst, dann höre ich, dass er überhaupt nicht kommt. Langsam werde ich nervös, schließlich habe ich Monate im Voraus diesen Termin ausgehandelt. Und plötzlich taucht ein Fahrer auf. [...]]]></description>
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</ul></div>
<div id="attachment_1456" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1456" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2009/12/IMG_3936_533-268x201.jpg" alt="Geschäftsmann Mustafa Boydak in seinem Büro" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Geschäftsmann Mustafa Boydak in seinem Büro</p></div>
<p>Acht Uhr dreißig: Termin beim wohl wichtigsten Geschäftsmann in Kayseri, Mustafa Boydak. Er leitet zur Zeit die örtliche Industrie und Handelskammer und ist einer der sechs Söhne des Boydak Imperiums. Einer Holding die in Möbel, Kabel und Versicherungen macht und international mitmischt. Mein Interviewpartner kommt später heißt es zunächst, dann höre ich, dass er überhaupt nicht kommt. Langsam werde ich nervös, schließlich habe ich Monate im Voraus diesen Termin ausgehandelt. Und plötzlich taucht ein Fahrer auf. Ich werde in die Firma gebracht, treffe den noch jungen und doch so wichtigen Mann schließlich in seinem Büro in Hacilar, dem reichen Vorort von Kayseri. Reich, weil hier das Industriegebiet mit 3000 Firmen angesiedelt ist und reich, weil die Menschen hier eben anders sind erklärt Mustafa Boydak:<span id="more-1448"></span></p>
<blockquote><p>In Kayseri gibt es keine Landwirtschaft. Aber es ist eine Stadt, die an der historischen Seidenstraße liegt. Deshalb haben wir in Kayseri schon immer gehandelt. Außerdem haben wir ein gutes Demokratieverständnis und, was für den Handel unerlässlich ist,  wir haben einen freien, aufgeschlossenen Geist. Und dann sind natürlich die Menschen in Kayseri besonders fleißig. Die Menschen hier verstehen Arbeit als Dienst an Gott und in diesem Verständnis gehen sie ihrer Arbeit nach. Und dann spielt noch der Familienzusammenhalt eine zentrale Rolle. Das sind einige der Kriterien, die zu unserem Erfolg geführt haben.</p></blockquote>
<div id="attachment_1457" class="wp-caption alignright" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1457" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2009/12/IMG_3945_533-268x201.jpg" alt="Blick auf Hacilar" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Blick auf Hacilar</p></div>
<p>Arbeit als Dienst an Gott – nicht umsonst hat dieses Selbstverständnis den Menschen in Hacilar den Ruf eingebracht, muslimische Calvinisten zu sein. Die Umstände waren es wohl, die dazu geführt haben. Das trockene Klima, die Sommer heiß und die Winter bitter kalt und schließlich die felsige Landschaft hat die Menschen dazu verdammt einfallsreich zu sein. Von bukolischer Idylle wird hier keiner ein Zeitgemäßes leben führen können, das haben die Menschen früh erkannt. Im frommen Kayseri gibt’s keine Amüsierviertel, keine Kneipen in denen Alkohol ausgeschenkt wird. Die Menschen arbeiten, beten und gärtnern, so ist das Leben hier in Hacilar. Die Alten des ehemaligen Bergdorfes jedenfalls sind sich einig: Sie wünschen sich die früheren Zeiten nicht zurück:</p>
<blockquote>
<div id="attachment_1458" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1458" src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2009/12/IMG_3956_533-268x201.jpg" alt="Im „Plaudersalon“ in Hacilar" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Im „Plaudersalon“ in Hacilar</p></div>
<p>Nein um Himmelswillen, diese Tage sollen nie wiederkommen. Wir haben so viel Armut erlebt. Wir haben früher mit meinem Opa  vom Berg Erciyes Eis runter getragen in einem 8-stündigen Marsch, um es zu verkaufen. Das hat uns 50 oder 100 Kuruş  eingebracht. So konnten wir uns Brot kaufen, das 10 Kuruş gekostet hat. So schwer hatten wir es hier.</p></blockquote>
<p>Die zum Teil über 80-jährigen blicken nicht in Wehmut auf die Vergangenheit. Sondern erzählen den lieben langen Tag von den Erfolgen ihrer natürlich  fleißigen Nachkommen. Die arbeiten entweder im Industriegebiet, studieren oder sind selbst Arbeitgeber.  Einen Großteil des Tages sitzen die Alten im Stadteigenen „Plaudersalon“, so heißt die Teestube tatsächlich, und schwatzen eben. Zwischendurch gehen sie zum Gebet in die Mosche, die direkt auf der anderen Straßenseite liegt und dann wird wieder Tee geschlürft.</p>
<p>Doch nicht alle sind so zufrieden wie die knuffigen 80-jährigen mit ihren Wollmützen. Zwei Junge Männer, die auf einer Bank vor der Moschee sitzen, beklagen, dass es hier keine Freizeitangebote für die Jugend gibt.</p>
<blockquote><p>Also Hacilar ist ein großer Ort, eine Stadt im Landkreis Kayseri, aber für uns Junge gibt’s hier keine Angebote. Das muss sich ändern, da muss was her. Die Stadt entwickelt sich zwar, aber für junge Menschen gibt’s hier nichts, so dass wir in die umliegenden Städte oder eben nach Kayseri fahren.</p></blockquote>
<p>Gut dass sie das nicht im Plaudersalon gegenüber gesagt haben. Sicher hätten sie sich die Geschichte von der harten Arbeit und dem Eis anhören und dankbar sein müssen für das was sie haben.</p>
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		<title>Armenische Schule in Istanbul</title>
		<link>http://www.swr.de/blog/tuerkei/2010/01/07/schulen-der-tuerkischen-minderheiten/</link>
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		<pubDate>Thu, 07 Jan 2010 07:00:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>susanneguesten</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Soziales]]></category>
		<category><![CDATA[Armenier]]></category>
		<category><![CDATA[Minderheiten]]></category>
		<category><![CDATA[Schulen]]></category>

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		<description><![CDATA[Fast 70.000 Schulen gibt es in der Türkei, die bekanntlich eine sehr junge Bevölkerung hat. 30 dieser Schulen sind etwas anders als die anderen. Es sind die Schulen der Armenier, Griechen und Juden, also derjenigen ethnischen und religiösen Minderheiten, deren Existenz die Türkei nach eigener Auslegung völkerrechtlich anerkannt hat und denen sie das Recht auf Wahrung ihrer eigenen kulturellen Identität zugesteht. Problemlos läuft das aber nicht, wie ein Besuch in eier Minderheitenschule zeigt. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="highlight"><h3 class="hideme"><dfn>Medien</dfn></h3>
<ul class="media"><li class="audio"><a href="http://mp3-download.swr.de/swr2/extra/tuerkei/weblog-podcast/swr2_tuerkeiblog_armenische-schule-in-istanbul.12844s.mp3"><dfn class="hideme">Audio:</dfn> Armenische Schule in Istanbul </a></li>
</ul></div>
<div id="attachment_1508" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1508 " src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2009/12/arkacephe1_533-268x201.jpg" alt="Das Esayan-Gymnasium ist eine armenische Schule " width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Das Esayan-Gymnasium ist eine armenische Schule (Foto: Susanne Güsten)</p></div>
<p>Fast 70.000 Schulen gibt es in der Türkei, die bekanntlich eine sehr junge Bevölkerung hat. 30 dieser Schulen sind etwas anders als die anderen. Es sind die Schulen der Armenier, Griechen und Juden, also derjenigen ethnischen und religiösen Minderheiten, deren Existenz die Türkei nach eigener Auslegung völkerrechtlich anerkannt hat und denen sie das Recht auf Wahrung ihrer eigenen kulturellen Identität zugesteht. Problemlos läuft das aber nicht, wie ein Besuch in einer Minderheitenschule zeigt.<span id="more-53"></span></p>
<p>Sportunterricht am Esayan-Gymnasium, einer armenischen Schule in der Innenstadt von Istanbul. Im Schulhof schubsen und drängeln sich zwei Dutzend Fünfzehnjährige in adretten Schuluniformen, während ein älterer Schüler mit Fotoapparat sie von einem Fenster aus herumdirigiert.</p>
<blockquote><p>Wir versuchen, den armenischen Buchstaben E zu bilden, für ein Foto.<br />
E für Esayan, den Namen unserer Schule.<br />
Das Bild kommt auf Grußkarten für unsere Familien.</p></blockquote>
<div id="attachment_1510" class="wp-caption alignright" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1510 " src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2009/12/ilk2006-2007_533-268x201.jpg" alt="340 Schüler hat die Esayan-Schule" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">340 Schüler besuchen die Esayan-Schule (Foto: Susanne Güsten)</p></div>
<p>340 Schüler besuchen die Esayan-Schule, eine von 16 armenischen Schulen in Istanbul. Die Aufnahmekriterien sind klar definiert, sagt die Schuldirektorin Satenik Nisan:</p>
<blockquote><p>Unsere Schüler sind armenischstämmige Kinder und Jugendliche mit türkischer Staatsangehörigkeit. Mindestens ein Elternteil muss Armenier sein. Sonst darf niemand an diese Schulen, nur armenischstämmige türkische Staatsbürger.</p></blockquote>
<p>Insgesamt 30 solche Minderheitenschulen gibt es in Istanbul, denn auch die Griechen und die Juden haben in der Türkei einen Anspruch auf eigene Schulen. Einen völkerrechtlichen Anspruch sogar &#8211; er erwächst ihnen aus dem Friedensvertrag von Lausanne, den die Siegermächte des Ersten Weltkrieges 1923 mit der jungen Türkei abschlossen &#8211; der völkerrechtlichen Geburtsurkunde der Türkischen Republik also.</p>
<p>Armenisch-Unterricht am Esayan-Gymnasium. Die 16-jährige Melissa müht sich an der Tafel mit den armenischen Verben ab. Keine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, dass die armenischen Verben nicht nur durch die verschiedenen Zeiten konjugiert werden, sondern auch durch unterschiedliche Perspektiven und sogar Stimmungen.</p>
<div id="attachment_1511" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1511 " src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2009/12/kapi_533-268x357.jpg" alt="Die Eingangstür zur Esayan-Schule" width="268" height="357" /><p class="wp-caption-text">Die Eingangstür zur Esayan-Schule (Foto: Susanne Güsten)</p></div>
<p>Kein Wunder also, dass der Lehrer Garbis Herasanciyan öfter korrigierend eingreifen muss. Als türkischer Staatsbürger armenischer Herkunft darf Herasanciyan den armenischen Sprachunterricht erteilen. Anders ist das bei den Fächern Türkisch, Erdkunde und vor allem Sozialkunde, wie Schuldirektorin Nisan erläutert:</p>
<blockquote><p>Die Lehrer für die sogenannten türkischen Kulturfächer werden uns vom Bildungsministerium zugewiesen. Alle anderen Fächer werden von armenischstämmigen Lehrern unterrichtet.</p></blockquote>
<p>Eine weitere Besonderheit sieht das türkische Gesetz über die Minderheitenschulen vor, sagt die Direktorin:</p>
<blockquote><p>An unseren Schulen gibt es immer einen türkischen leitenden Vize-Direktor, der leitet die Schule zusammen mit dem Direktor. Also, ich selbst bin Armenierin, aber Vize-Direktor muss immer ein Türke sein – bei uns ist das Frau Ayse hier.</p></blockquote>
<div id="attachment_1509" class="wp-caption alignright" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-1509 " src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2009/12/giris_533-268x201.jpg" alt="Eine türkische Flagge in der der armenischen Schule" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Eine türkische Flagge in der armenischen Schule (Foto: Susanne Güsten)</p></div>
<p>Eine umstrittene Regelung ist das, handelt es sich bei den Armeniern der Türkei ja um alteingesessene Einheimische ihres Landes und um türkische Staatsbürger. Rafi Hermon, selbst Absolvent einer armenischen Schule und heute Vizevorsitzender des türkischen Menschenrechtsvereins, kritisiert die staatliche Unterscheidung zwischen türkischen und armenischen Staatsbürgern der Türkei als diskriminierend:</p>
<blockquote><p>Die Türkei macht damit unmissverständlich klar, dass sie die türkische Staatsbürgerin armenischer Abstammung, die dort Schuldirektorin ist, nicht als Türkin betrachtet, nicht als echte Türkin. Dass der Staat ethnisch türkische Vize-Direktoren in die Schulen der Armenier, Griechen und Juden schickt, um deren Direktoren zu beaufsichtigen, das zeigt, dass er die Angehörigen der nicht-moslemischen Minderheiten nicht als echte Staatsbürger anerkennt.</p></blockquote>
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		<item>
		<title>Endstation Heldenfriedhof: Die Türkei, ihre Soldaten und die Menschenrechte</title>
		<link>http://www.swr.de/blog/tuerkei/2010/01/06/endstation-heldenfriedhof/</link>
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		<pubDate>Wed, 06 Jan 2010 07:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>susanneguesten</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Soziales]]></category>
		<category><![CDATA[Friedhof]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
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		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[PKK]]></category>
		<category><![CDATA[Soldaten]]></category>

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		<description><![CDATA[Zehntausende Menschen sind in den letzten 25 Jahren im Krieg zwischen der türkischen Armee und der kurdischen Rebellengruppe PKK getötet worden. Während tote PKK-Rebellen in aller Stille von ihren Familien beigesetzt werden, erhalten gefallene Soldaten prunkvolle Staatsbegräbnisse, an denen oft tausende Menschen teilnehmen. Doch kaum sind die „Märtyrer“, wie gefallene Soldaten in der Türkei genannt werden, unter der Erde, ist es aus mit der Solidarität. Ein Blick hinter die Fassade eines Staates, der die Armee verehrt – aber die einfachen Soldaten verachtet.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="highlight"><h3 class="hideme"><dfn>Medien</dfn></h3>
<ul class="media"><li class="audio"><a href="http://mp3-download.swr.de/swr2/extra/tuerkei/weblog-podcast/swr2_tuerkeiblog_endstation-heldenfriedhof.12844s.mp3"><dfn class="hideme">Audio:</dfn> Endstation Heldenfriedhof</a></li>
</ul></div>
<div id="attachment_563" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-563 " src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2009/11/19012009313_533-268x357.jpg" alt="Hausfrau Zehra am Grab ihres einzigen Sohnes " width="268" height="357" /><p class="wp-caption-text">Hausfrau Zehra am Grab ihres einzigen Sohnes (Foto: Susanne Güsten)</p></div>
<p>Zehntausende Menschen sind in den letzten 25 Jahren im Krieg zwischen der türkischen Armee und der kurdischen Rebellengruppe PKK getötet worden. Während tote PKK-Rebellen in aller Stille von ihren Familien beigesetzt werden, erhalten gefallene Soldaten prunkvolle Staatsbegräbnisse, an denen oft tausende Menschen teilnehmen. Doch kaum sind die „Märtyrer“, wie gefallene Soldaten in der Türkei genannt werden, unter der Erde, ist es aus mit der Solidarität. Ein Blick hinter die Fassade eines Staates, der die Armee verehrt – aber die einfachen Soldaten verachtet.<span id="more-558"></span></p>
<p>Der Verkehr rauscht vorbei am Soldatenfriedhof von Istanbul, wo die Hausfrau Zehra das Grab ihres einzigen Sohnes besucht. Von Schluchzern geschüttelt, hält sich Zehra an dem weißen Marmor des Grabes fest – eines von hunderten solcher Gräber, die hier, mit türkischen Fahnen geschmückt, in Reih und Glied liegen.</p>
<p>Jeden Tag kommt Zehra zum Soldatenfriedhof, seit ihr Sohn Hasan vor eineinhalb Jahren getötet wurde &#8211; gefallen als 22-Jähriger beim Wehrdienst im südostanatolischen Sirnak. Mit einem Zipfel ihres Kopftuches wischt die Mutter die Tränen ab, um von Hasan zu erzählen: Die Schule hatte er abgeschlossen, und er hatte feste Arbeit als Verkäufer. Eine 20-jährige Ehefrau und zwei Kleinkinder hat er hinterlassen &#8211; die leben nun alle bei Zehra.</p>
<p>Vor allem freitags und am Wochenende ist der Soldatenfriedhof von Istanbul voller Mütter wie Zehra, voller gebrochener Väter und Witwen und Halbwaisen, deren Leben durch den Krieg in Südostanatolien zerstört ist. „Endstation Heldenfriedhof“ steht auf der Straßenbahn, mit der sie aus den entlegensten Vierteln der Metropole zu den Gräbern kommen.</p>
<div id="attachment_564" class="wp-caption alignright" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-564 " src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2009/11/19012009295_533-268x201.jpg" alt="Der Vorsitzende Mehmet Güner des „Vereins der Angehörigen der Gefallenen“" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Der Vorsitzende Mehmet Güner des „Vereins der Angehörigen der Gefallenen“ (Foto: Susanne Güsten)</p></div>
<p>Unmittelbar neben dem Soldatenfriedhof unterhält der „Verein der Angehörigen der Gefallenen“ sein Hauptquartier. Die Familien von rund 15.000 gefallenen Soldaten und Polizisten gehören dem Verein landesweit an. Trotzdem sind die Vereinsräume ärmlich und eiskalt. Zum Heizen fehle leider das Geld, entschuldigt der Vorsitzende Mehmet Güner die Temperatur im Beratungsraum, die deutlich unter zehn Grad liegt.</p>
<blockquote><p>Wir kratzen mit Benefizveranstaltungen das Geld für die Miete zusammen, aber wir bekommen keine öffentliche Unterstützung. Ich habe versucht, die städtischen Gaswerke zu überzeugen, uns umsonst ans Gas anzuschließen. Ich habe gesagt, seht mal, das ist ein Verein von Menschen, die für unser Land große Opfer gebracht haben, tut doch mal was für die. Aber sie haben abgelehnt.</p></blockquote>
<p>Im eisigen Raum empfangen Güner und seine Mitarbeiter deshalb die Angehörigen von gefallenen Soldaten, die bei ihnen Rat und Hilfe suchen – so wie der 24jährige Yusuf und sein knapp 30jähriger Cousin. Der Cousin ist auf einem Auge blind und auf einem Ohr taub, seit er als Wehrdienstleistender im Gefecht gegen die PKK schwer verletzt wurde. Eine Hälfte seines Gesichts ist von Brandnarben entstellt, zum Sprechen ist er zu verschüchtert:</p>
<blockquote><p>Nun sprich doch, Vetter, komm, erzähl doch!</p></blockquote>
<p>Schließlich erbarmt sich Yusuf und spricht für seinen Cousin:</p>
<blockquote><p>Wir wollten mal fragen, ob Sie meinem Cousin hier weiterhelfen können, er ist ja Kriegsversehrter, wie Sie sehen. Bei ihm in Erzincan gibt es einen Beamten, der hat Mietbeihilfe gekommen, und nun wollten wir fragen, ob mein Cousin als Kriegsversehrter auch einen Mietzuschuss bekommen kann und wo wir den beantragen können.</p></blockquote>
<blockquote><p>Er ist kein Beamter, oder?</p></blockquote>
<blockquote><p>Nein, kein Beamter. Er ist Kriegsveteran.</p></blockquote>
<blockquote><p>Dann hat er keinen gesetzlichen Anspruch auf staatliche Mietbeihilfe. Die Mietbeihilfe bekommen nur Staatsbeamte und Offiziere. Also, wenn die im Krieg fallen, dann bekommen ihre Angehörigen vom Staat die Miete bezahlt. Aber für die Truppen gilt das nicht. Für die Wehrpflichtigen, die in dem Konflikt getötet oder verstümmelt werden, zahlt der Staat den Angehörigen keine Mietbeihilfe.</p></blockquote>
<div id="attachment_567" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><img class="size-medium wp-image-567 " src="http://www.swr.de/blog/tuerkei/files/2009/11/19012009302_533-268x201.jpg" alt="Im eisigen Raum empfangen Güner und seine Mitarbeiter Angehörige von gefallenen Soldaten" width="268" height="201" /><p class="wp-caption-text">Im eisigen Raum empfangen Güner und seine Mitarbeiter Angehörige von gefallenen Soldaten (Foto: Susanne Güsten)</p></div>
<p>Wie oft er diese bittere Auskunft schon hat erteilen müssen, das kann Mehmet Güner gar nicht mehr zählen. Denn die meisten gefallenen Soldaten in diesem Krieg – genauer: zwei von drei Gefallenen &#8211; sind Wehrpflichtige. Zwischen 20 und 25 liegt das Durchschnittsalter der Gefallenen, sagt der Vorsitzende – und noch eines ist ihm im Lauf der Jahre aufgefallen:</p>
<blockquote><p>Alle Gefallenen stammen aus armen Familien. Kein einziges Kind aus reichem Haus kommt in diesem Krieg ums Leben. Sobald der Sohn einer reichen Familie einberufen wird zum Wehrdienst, sorgen die Angehörigen mit ihren Verbindungen dafür, dass er ihn irgendwo in der Westtürkei ableisten kann. Die sind per Du mit hohen Regierungsbeamten, mit Generälen, Parlamentsabgeordneten und Ministern. Schauen Sie, ich bin seit 10 Jahren Vorsitzender dieses Vereins und ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe alle Unterlagen. Es sind ausschließlich die Kinder der Armen, die in diesem Krieg sterben.</p></blockquote>
<p>Und das gilt unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit, sagt der Vereinsvorsitzende:</p>
<blockquote><p>Unter den gefallenen Soldaten sind Kurden ebenso wie Türken, Lasen und Tscherkessen, aber eben alles arme Leute. Aber die Söhne der kurdischen Stammesfürsten werden Sie nicht darunter finden, keinen einzigen. Warum? Weil die kurdischen Stammesfürsten auch ihre Macht ausspielen, weil sie mit höchsten Regierungsbeamten per Du sind. Arme Kurden haben wir dagegen massenweise in unserem Verein, da kann ich ihnen alle Dokumente zeigen. Es gibt unter unseren Mitgliedern nicht wenige Mütter von gefallenen Soldaten, die gar kein Türkisch sprechen, die können nur Kurdisch. Wenn die zu uns in die Beratung kommen, dann müssen ihre Männer übersetzen, die können ja meist etwas Türkisch.</p></blockquote>
<p>Viel kann der Verein nicht tun für seine unglücklichen Mitglieder. Dem kriegsversehrten Cousin, der seine beiden Kinder zur Schule schicken will, vermittelt Mehmet Güner schließlich immerhin ein privates Stipendium von mildtätigen Mitbürgern. Doch Yusuf hat auch selbst ein Anliegen:</p>
<blockquote><p>Herr Vorsitzender, ich wollte auch was fragen. Mein Vater ist als Soldat gefallen, und ich bekomme von der Armee einfach keine Bescheinigung. Ich bin schon überall gewesen, aber die Militärbehörden sagen, sie könnten die Unterlagen nicht mehr finden. Sogar beim Heeresoberkommando war ich schon in Ankara, aber die haben mich nicht mal angesehen, nicht mal geantwortet haben sie mir. Die müssten uns doch wenigstens antworten, aber keiner antwortet uns, keiner.</p></blockquote>
<p>Yusufs Vater ist bei einer Panzereinheit im südostanatolischen Diyarbakir gefallen, als Yusuf zwei Jahre alt war. Wie er genau ums Leben kam, weiß Yusuf nicht, ebensowenig wie er den Dienstgrad seines Vaters kennt oder die staatlichen Hilfen, auf die er eventuell Anspruch hätte. Anträge über Anträge hat er schon gestellt, ist von Behörde zu Behörde gereist und hat monatelang auf Antworten gewartet – vergeblich. Nun hat er die Nase voll.</p>
<blockquote><p>Mein Vater ist als Soldat für dieses Land gefallen, und was tut dieses Land für uns? Ich konnte nicht mal zur Schule gehen, Arbeit gibt mir der Staat auch nicht. Nur Steuern zahlen darf ich. Meinen Wehrdienst habe ich auch geleistet, ohne zu jammern. Aber ich bekomme nichts, nicht einmal eine Antwort. Mir reicht es.</p></blockquote>
<p>Bekümmert hört ihm der Vereinsvorsitzende zu. Obwohl er ein glühender Nationalist ist, mag Güner dem Jungen da nicht widersprechen. Zu oft hört er solche und ähnlich verzweifelte Klagen von seinen Mitgliedern, den Hinterbliebenen der tausenden an der Front verfeuerten Soldaten. Besonders bitter sind diese Klagen geworden, seit Ankara sich ernsthaft um eine politische Lösung des Kurdenkonfliktes bemüht und den PKK-Kämpfern dafür straffreie Rückkehr ins Land und Starthilfen für die Re-Integration ins zivile Leben anbietet.</p>
<blockquote><p>Da sagen unsere Mitglieder: ‚Wären wir doch bloß Terroristen geworden! Denen werden sämtliche Rechte zugesprochen, und unsere Kinder sterben, wir bekommen keinerlei Hilfen. Wir hätten auch Terroristen werden sollen.’ Es gibt viele Familien, die so denken.</p></blockquote>
<p>Mit der erbitterste Widerstand gegen die Friedensbemühungen der Regierung kommt deshalb von den Kriegsveteranen, den Witwen und den Waisen der gefallenen Soldaten. Als das Gespräch auf die neue Kurdenpolitik kommt, fährt auf einmal der kriegsversehrte Cousin hoch, der bisher kein Wort hat sagen können. Mit heiserer Stimme schaltet er sich in die Diskussion ein und schwört seinem Staat ab:</p>
<blockquote><p>Ich gehe wieder da runter in den Krieg.  Aber diesmal gehe ich auch als Vaterlandsverräter.</p></blockquote>
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