
Das Museum von Milas: Kunstschätze dicht an dicht (Foto: Susanne Güsten)
Anatolien ist reich an archäologischen Schätzen. Die Museen des Landes sind so voll mit Kunstschätzen, dass öfter etwas verschwindet. Mehr als tausend archäologische Ausstellungsgegenstände sind nach Angaben des Kulturministeriums in den vergangenen Jahren aus den staatlichen Museen geklaut worden, über tausend weitere erwiesen sich als Fälschungen, die an Stelle geklauter Originale ausgestellt wurden. Weil der türkische Staat sich nicht gut genug um das Kulturerbe kümmert, verschwinden unermessliche Schätze in privaten Sammlungen. Ein Ortstermin im archäologisch reichsten Landstrich der Welt, dem westtürkischen Bezirk Milas.
Im Museum von Milas steht sogar der Vorgarten voll. Säulen und Sarkophage, Sockel und Statuen aus weißem Marmor drängeln sich dicht an dicht im unkrautüberwucherten Garten. Museumsdirektor Erol Özen weiß nicht mehr, wohin mit den Kunstschätzen:
Sehen Sie zum Beispiel die vier römischen Statuen, die da im Gras liegen. Die haben wir gerade bei Kanalisationsarbeiten in der Stadt gefunden. Normalerweise gilt es als großes Glück, wenn auf einer Ausgrabung einmal in hundert Jahren eine solche Statue gefunden wird. Bei uns aber kommen an einem einzigen Tag vier solcher Statuen ans Licht.
Dabei hat Özen nicht einmal danach gegraben, dafür hat das Museum kein Geld. Nur bei Bauarbeiten darf er mit in die Grube steigen und die Kunstschätze retten, die dabei regelmäßig zum Vorschein kommen: Schließlich liegt zwei Meter unter Milas das antike Mylasa, die Hauptstadt von Karien. Größer und schöner als Ephesus wäre Mylasa, wenn es ausgegraben würde, schwört Özen – doch das ist nicht absehbar, im Gegenteil:
Weil unser Personal immer weiter abgebaut wird, tun wir uns offen gestanden immer schwerer, auch nur bei den Bauarbeiten nachzukommen. Ich habe hier derzeit nur noch zwei Wissenschaftler, und die stehen beide kurz vor der Pensionierung.
Seit fast zwanzig Jahren gilt in allen Museen und Ausgrabungen der Türkei ein Einstellungsstopp. Heute beschäftigt der türkische Staat in seinen 98 archäologischen Museen zusammen gerade einmal soviele Wissenschaftler, wie es das Metropolitan Museum in New York alleine tut.

Museumsdirektor Erol Özen (Foto: Susanne Güsten)
In Milas ist Erol Özen mit seinen beiden Mitarbeitern für einen Bezirk von zweitausend Quadratkilometern mit 30 Ausgrabungsstätten zuständig – das ist die dichteste Konzentration antiker Stätten in der Welt. Doch nur sieben dieser 30 Stätten sind heute für Besucher zugänglich. Die übrigen Ausgrabungsorte sind wegen Personalmangels geschlossen. Und damit ist Milas noch relativ gut bedient, sagt Alpay Pasinli, der frühere Direktor des Archäologischen Museums in Istanbul:
Gott hat der Türkei einen immensen kulturellen Reichtum anvertraut, aber wir bewahren diesen Reichtum nicht. Von 745 Ausgrabungsstätten der Antike in unserem Land kann man heute nur 131 besuchen, die anderen sind geschlossen. Warum? Weil es kein Personal dafür gibt, weil der Staat keine Wärter für diese Stätten stellt. Da ist es doch kein Wunder, dass überall schwarz gegraben und gestohlen wird, dass alles in privaten Sammlungen verschwindet.

Das Mausoleum von Milas (Foto: Susanne Güsten)
Offiziell fordert die Türkei zwar die Rückgabe antiker Kunstschätze aus dem Ausland, etwa des Pergamon-Altars aus Berlin. Nach Jahren der Vernachlässigung sind führende Experten des Landes inzwischen aber so verzweifelt, dass sie für den Verbleib der Altertümer im Ausland plädieren. Dort seien sie wenigstens in Sicherheit, sagt Erdem Yücel, der frühere Direktor des Hagia-Sophia-Museums in Istanbul:
Ich war in Berlin und habe das Pergamon-Museum gesehen, und ich kenne ja nun auch unsere eigenen Museen. In Berlin hat man den Altar vollkommen rekonstruiert und ihm ein wunderbares Museum errichtet. Können wir das selbst tun? Nein, das könnten wir nicht – weil wir kein Geld haben, keine politische Unterstützung und kein Personal.Ich bin deshalb der Ansicht, dass der Pergamon-Altar in Deutschland bleiben sollte
Erol Özen dagegen, der Museumsdirektor von Milas, hat den Pergamon-Altar noch nie gesehen, obwohl Pergamon nur drei Autostunden von Milas entfernt ist. Nur von Abbildungen aus dem fernen Berlin kennt der anatolische Archäologe den Altar. Schweren Herzens pflichtet er seinem Kollegen dennoch bei:
Persönlich bin ich eigentlich der Meinung, dass jeder Stein an seinen Ursprungsort gehört. Wenn jemand den Pergamon-Altar betrachtet, dann will er doch auch die Umgebung, die Landschaft und die Atmosphäre sehen, der dieser Altar entstammt. Der Besucher sollte diese Werke in ihrer ursprünglichen Umgebung sehen können. Aber das geht natürlich nur, wenn man diese Wetke auch richtig bewahren kann– und dafür müsste unser Staat mehr Geld in die Altertumspflege stecken.




Zafer Gueney schreibt am 26. Januar 2010 11:59: