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Verfassungschützer wollten sich für „NSU“ bei Angehörigen entschuldigen

10.10.2014, von

Wollte sich entschuldigen: Verfassungsschützer Hüllen

Wollte sich entschuldigen: Verfassungsschützer Hüllen

Über die Fernsehdokumentation „Spitzel und Spione“ (WDR 13.10. um 22:00 Uhr / SWR 15.10. um 20:15 Uhr) habe ich hier schon berichtet: Zusammen mit Egmont R. Koch habe ich 40 Verfassungsschützer zu ihrem Beruf, ihrer Motivation und zum Versagen des Verfassungsschutzes im Fall „NSU“ befragt. Hier möchte ich nun auf ein besonderes Erlebnis bei den Interviews eingehen: Der bemerkenswerte, aber leider gescheiterte Plan, sich bei den Angehörigen der Opfer zu entschuldigen.

Es herrscht bei vielen Beamten große Betroffenheit über die Opfer der Terrorzelle „NSU“, die man mehr als zehn Jahre nicht als solche erkannte – das war in allen von uns besuchten Verfassungsschutzämtern zu spüren (Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt). Doch bei den Dreharbeiten in Brandenburg hörten wir plötzlich von einem ganz neuen Gedanken zum Versagen hinsichtlich NSU. Und zwar im Interview mit Michael Hüllen, einem leitenden Mitarbeiter:

„Im Kollegenkreis wurde die Idee geboren, sich bei den Opferfamilien für die Nichtaufdeckung der Terrorzelle zu entschuldigen“, sagte uns Michael Hüllen in die Kamera. Eine Entschuldigung nicht für individuelle Fehler, sondern für den eigenen Berufsstand hätte es sein sollen. Zum Beispiel durch einen Brief der Verfassungsschützer an die Angehörigen der Opfer: „Das wäre tatsächlich auch ein Weg gewesen, das hat jeder, der an der Diskussion teilgenommen hat, auch persönlich gespürt“, so Hüllen.

Doch die gut gemeinte Idee blieb auf dem Dienstweg stecken. Die Verfassungsschützer wollten den Brief nur mit Billigung ihrer Vorgesetzten schreiben. Die Erlaubnis dazu aber gab es nicht. Carlo Weber ist heute Chef des Verfassungsschutzes Brandenburg, damals war er noch Staatsanwalt. Trotzdem hält er die damalige Entscheidung auch heute noch für richtig: „Das ist ein hochanständiger Reflex, aber wenn sie sich vorstellen, welche Dimension der Fall hat, in die Justiz, in Polizei, in den Verfassungsschutzämtern bundesweit, dann ist es – glaube ich – keine gute Idee, wenn man jedem freigestellt hätte, sein Schreiben an Opferverbänd oder einzelne Opfer loszulassen“

Und so blieb die Initiative im Ansatz stecken. Bei den weiteren Recherchen zum Film „Spitzel und Spione“ tauchte die Frage immer wieder auf: Was denken Verfassungsschützer anderer Ämter über so eine Idee? Viele waren spontan angetan, sogar „wundervoll“ sei die Idee, sagte eine Beamtin in Niedersachsen. Nur wenige Kollegen waren ablehnend. Der Chef des Hamburger Verfassungsschutzes, Torsten Voß, kritisiert sogar seine Brandenburger Kollegen für die Blockade der Idee: „In dieser Situation empfinde ich das ein wenig taktlos und da fehlt möglicherweise ein Fingerspitzengefühl mit dieser Situation so umzugehen, wie man damit umgehen müsste“.

Auf eine Idee scheint allerdings bislang niemand gekommen zu sein. Auch nicht nach oder durch unsere Interviews: Einen Brief oder eine ähnliche Geste könnte man noch heute schreiben. Das Leid und die Zweifel der Angehörigen sind nichts, was sich erledigt hätte. Besser spät, als nie. Oder?

 

„Spitzel und Spione – Innenansichten aus dem Verfassungsschutz“ läuft am 13.10.2014 um 22:00 Uhr im WDR und am 15.10.2014 um 20:15 Uhr im SWR.

 

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Kommentare zu „Verfassungschützer wollten sich für „NSU“ bei Angehörigen entschuldigen“

Es ist ein Kommentar vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Ulf G. Stuberger
    schreibt am 16. Oktober 2014 08:04 :

    Die Dokumentation ist wieder ein großer Wurf. Chapeau!

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Terrorismus Blog

[ Bild ] ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt berichtet über aktuelle Entwicklungen im Bereich des islamistischen Terrorismus in Deutschland, den Rechtsterrorismus des "NSU" und anderer Gruppen sowie rund um aktuelle Entwicklungen zur ehmalige "Rote Armee Fraktion" (RAF). Auch hier nachzulesen: Ältere Berichte vom "Sauerland-Verfahren" gegen die "Islamischen Jihad Union" und der Prozess gegen Verena Becker im Mordfall Buback.

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