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Angehöriger von NSU-Opfer will Familien Böhnhardt und Mundlos die Hand zur Versöhnung reichen

13.03.2014, von

Ismael Yozgat (Archiv)

Ismail Yozgat (Archiv)

Seit Dienstag wollte Ismail Yozgat, Vater des 2006 in Kassel ermordeten Halit Yozgat, im „NSU-Prozess“ eine Erklärung abgeben. Formal berief er sich dabei auf § 257 StPO – seinem Recht, nach der Vernehmung eines Zeugen dazu eine Erklärung zur Einordnung zu geben. Allen im Saal dürfte dabei von Anfang an klar gewesen sein, dass Yozgat keine formaljuristische Bewertung vornehmen, sondern seine sehr persönliche Sicht als Vater, der seinen einzigen Sohn verloren hat, darstellen würde. So kam es dann auch. Ismael Yozgat schilderte bewegend seine Gefühle, sagte aber auch sehr wahre Dinge über die vergangenen Verhandlungstage und das Verhalten von Andreas T.

In diesem Zusammenhang nannte er Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe „Mörder“. Kann man ihm das verdenken? Muss auch der Vater eines Mordopfers die Unschuldsvermutung beachten? Ich meine nein.

Wolfgang Heer, Verteidiger von Beate Zschäpe, sah das anders. Er unterbrach Yozgat und beanstandete die Erklärung. Im Ton tat er das ruhig und sachlich, äußerte Verständnis und widersprach dann eben doch. Es war eine unglückliche und unsouveräne Aktion. Aber sie zeigt, wie dünnhäutig die Verteidigung beim Stichwort „Mörderin“ offenbar ist. Da half es auch nichts, dass ihm der Vorsitzende im Prinzip Recht gab – oder Recht geben musste.

Gemeinsam mit meiner geschätzten Kollegin Heike Borufka vom Hessischen Rundfunk habe ich die Erklärung mitgeschrieben. Wir haben unsere Mitschriften abgeglichen und dokumentieren hier die Erklärung von Ismael Yozgat so, wie wir sie nach der Übersetzung aus dem Türkischen verstanden haben:

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,

ich bin Ismail Yozgat, Vater des 21jährigen Halit Yozgat, der unschuldig in Deutschland getötet wurde. Ich habe den Videofilm mit T. gesehen. Während T. (Andreas T.) aus dem Internetcafe hinausging, suchte er Halit, um 50 Cent zu zahlen. Dabei hätte Halit links am Tisch sitzen müssen. T. schaut aber gar nicht nach links, er geht hinaus. Während er hineingeht, müsste Halit rechts am Tisch sitzen, aber er schaut gar nicht auf die rechte Seite. Als er das Geld auf den Tisch legt, war der Tisch 73 cm hoch. Ich vermute, dass T. 1,96 Meter groß ist. Warum sieht er den hinter dem Tisch liegenden Halit nicht, während er das Geld auf den Tisch legt. Warum hat er auf dem weißlichen Tisch den Bluttropfen nicht gesehen? T. sagte in der Gerichtsverhandlung, dass er immer für 10, 20 Minuten im Internetcafé war. Dabei blieb er immer zwei Stunden, wenn ich im Laden war. Was er erzählt, kommt mir nicht glaubhaft vor. Wie sie wissen, wurde mein 21-jähriger Sohn Halit am 06.04.2006 in Kassel in der Holländischen Straße 82 durch zwei Kugeln in den Kopf erschossen. Er verlor in meinen Armen sein Leben. Er war mein einziger Sohn.

Von 2006 bis 2011 lebte ich circa fünf Jahre zwischen meiner Wohnung und meinem Arbeitsplatz. Immer wenn ich zum Einkaufen in die Stadt fuhr, haben uns die Leute, egal ob Türken oder Deutsche angeschaut, als wären wir schlechte Menschen. Die haben gesagt, sie hätten das von uns, der Familie Yozgat, gar nicht erwartet, sie sollen krumme Geschäfte, Geldwäsche betrieben haben, Kokain und Haschisch verkauft haben. Sie warfen uns weitere Straftaten vor und sagten über uns, ihr Sohn Halit wurde erschossen, weil wir krumme Geschäfte betrieben haben. Die Zeitungen schrieben das Gleiche. Nicht nur in Deutschland, auch in der Türkei. Wenn wir in den Urlaub fuhren, hörten wir auch dort die gleiche Dinge. Aber wir sind eine aufrichtige Familie und haben das nicht verdient. Wir wussten aber, wer die Mörder meines Sohnes sind. Ich habe den Polizisten gesagt, dass die Mörder meines Sohnes Ausländerfeinde sind, sie glaubten uns aber nicht. Das Einzige, was die Polizisten taten: Sie ermittelten die Einnahmen- und Ausgabenverhältnisse der Familie und unterzogen uns DNA-Tests. Wir sagten: Allmächtiger Gott, gib uns Geduld und Widerstandskraft und befreie uns von diesen Beschuldigungen. Unserem Gebet wurde entsprochen.

Gegen Ende 2007 ist unser Enkelsohn auf die Welt gekommen. Wir haben ihm den Namen unseres Sohnes Halit gegeben, welcher mit 21 Jahren getötet wurde. Aber diese Freude hat nur fünfeinhalb Jahre gedauert. Unser Enkel starb an Krebs. … Ich habe meinen Enkel Halit mit eigenen Händen in der Türkei begraben. In den letzten Monaten des Jahres 2011 kam das Abenteuer mit Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe heraus. Der allmächtige Gott hatte unseren Gebeten entsprochen und uns von den falschen Beschuldigungen befreit, die Mörder waren bekannt geworden. Von nun an haben…. (Vorsitzender Götzl unterbricht, weil RA Heer etwas sagen will)

Heer: Bei allem Verständnis, ich muss widersprechen. Die Erklärung war ja zunächst im Rahmen des § 257 StPO und ich bin der Letzte, der da auf den Knopf drückt und will, dass das hier abgeschnitten wird. Aber dann driftete es ab. Wenn unsere Mandantin als Mörderin bezeichnet wird, dann geht das zu weit!

Götzl: Ist tatsächlich so, dass sich die Erklärung nicht zu dem verhält, was hier gestern angedeutet wurde. Das ist ihre Aufgabe, dafür zu sorgen und zu beraten, Herr Rechtsanwalt Kienzle!

RA Kienzle (Yozgat): Bei allem Verständnis, wir werden die Erklärung unseres Mandaten nicht kanalisieren. Er sammelt alles ein, was seither an Beweisergebnis hinzugekommen ist, was hier in der Hauptverhandlung zusammengekommen ist und setzt es in Zusammenhang mit seinem unermesslichen Leid.

Herr Yozgat setzte fort:
Zwischenzeitlich erzählten die Menschen in Deutschland und der Türkei, dass Familie Yozgat keine krummen Geschäfte betrieben hat. Die Blicke auf uns haben sich geändert. Wir wurden vom Beschuldigtenstatus befreit zu einer Familie, mit der alle Mitleid hatten. Am 23.02.2012 hatte Bundeskanzlerin Merkel anlässlich des Märtyrergedenktages alle Angehörigen nach Berlin eingeladen. Sie haben uns Märtyrerfamilien sehr gut in Berlin empfangen. Sie haben unseren Schmerz geteilt und gesagt, dass unser Schmerz auch ihr Schmerz sei. An dieser Stelle möchte ich mich bedanken: Sie haben mir in Berlin ein Rederecht erteilt. Ich habe drei Wünsche geäußert: Die Festnahme und Verurteilung der Mörder, die Umbenennung der Holländischen Straße in Halitstraße und drittens die Gründung einer Stiftung für diese zehn Märtyrer.

Bezüglich meines ersten Wunsches, bezüglich der Festnahme der Mörder und der Verurteilung habe ich keinerlei Zweifel. Ich vertraue völlig dem Gericht. Bezüglich des zweiten Wunsches, der Umbenennung der Holländischen Straße in Halitstraße ist es fraglich. Mein dritter Wunsch ist, nach Beendigung der Verhandlung vor Gericht für die Zehn eine Stiftung zu gründen. Schauen Sie hohes Gericht: In der zweiten Sitzung sagten die Verteidiger, dass die Märtyrerfamilien vom deutschen Staat 850.000 Euro bekommen haben. Wir als Familie Yozgat haben vom Staat gar kein Geld bekommen. Sie haben es uns angeboten, aber wir wollen kein Geld. Wir haben nur einen einzigen Wunsch: Die Umbenennung der Holländische Straße in Halitstraße. Denn unser Sohn kam dort zur Welt und er wurde am 06.04.2006 in der Holländischen Straße getötet. Er ist im selben Haus auf die Welt gekommen und gestorben. Aus diesem Grund wollen wir nur einen Namen.

Zwischenzeitlich hat der verehrte Herr Oberbürgermeister von Kassel Bertram Hilgen und seine Gruppe uns den Halitplatz gegeben. Ihnen und allen Freunden in Kassel und Baunatal danke ich. Aber sie haben uns nur gegeben, was sie wollen. Nicht, was wir wollen. Aber es gibt eine schmerzliche Tatsache: Unsere Seele brennt. Aber man gibt uns, was sie sich wünschen. Ich habe es recherchiert: Wenn Sie Herr Vorsitzender eine Entscheidung treffen: Wir wollen nur, dass die Straße zur Halitstraße wird. Wenn eine Verurteilung der Mörder unseres Sohnes erfolgt, soll auch vom Gericht eine Entscheidung über die Umbenennung der Holländischen Straße in Halitstraße erfolgen. Sie sagen doch, wir teilen Euren Schmerz und sagen doch immer, Euer Schmerz ist auch unser Schmerz. Du Deutschland, großes Land der Demokratie, sie haben mein 21-jähriges Lämmchen umgebracht. Wo ist es geblieben? Seien Sie mir nicht böse, dass was sie uns gegeben haben, kommt uns gar nicht glaubwürdig vor.

Wenn Sie entscheiden darüber, werde ich als Vater des Märtyrers Halit die Angehörigen der Familien Böhnhardt und Mundlos zur Eröffnung der Halitstraße einladen. Wir werden gemeinsam weiße Tauben hochfliegen lassen und gemeinsam die Halitstraße eröffnen. Ich reiche Ihnen allen meine lupenreine Friedens- und Freundschaftshand. Sehr geehrter hoher Senat, der Ball liegt nun bei Ihnen. Wenn sie nun eine Pause einlegen und eine historische Entscheidung treffen. Danke.

Vorsitzender: Ich weiß nicht, wenn Sie Hoffnungen haben, wir hätten hier Einfluss auf die Benennung der Holländischen Straße in Kassel, das ist ausschließlich Sache der örtlichen Behörde. Ich muss Ihnen das leider so sagen. Die Einzelheiten wird Ihnen ihr Anwalt, Herr Kienzle, erklären.

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Kommentare zu „Angehöriger von NSU-Opfer will Familien Böhnhardt und Mundlos die Hand zur Versöhnung reichen“

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  1. Ulf G. Stuberger
    schreibt am 25. März 2014 07:56 :

    Für diese Arbeit ist es mir ein großes Bedürfnis, Sie beide zu beglückwünschen! Solche Auszüge können manchmal mehr vermitteln als die (dringend erforderliche) hochnotpeinliche Befragung von Zeugen. Jedes Gerichtsverfahren, jedes Urteil ist Menschenwerk. Hier ist auch das deutlich gemacht worden – ohne Rücksicht auf strafprozessuale Erfordernisse und Vorschriften.

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[ Bild ] ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt berichtet über aktuelle Entwicklungen im Bereich des islamistischen Terrorismus in Deutschland, den Rechtsterrorismus des "NSU" und anderer Gruppen sowie rund um aktuelle Entwicklungen zur ehmalige "Rote Armee Fraktion" (RAF). Auch hier nachzulesen: Ältere Berichte vom "Sauerland-Verfahren" gegen die "Islamischen Jihad Union" und der Prozess gegen Verena Becker im Mordfall Buback.

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