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„Sie hatten um exakte Angaben gebeten“, sagte der Waffenverkäufer

16.10.2013, von

Die Tatwaffe Ceska (Archiv)

Die Tatwaffe Ceska (Archiv)

Es war die bislang kurzweiligste Zeugenbefragung im NSU-Prozess: Der frühere Waffenhändler Franz Schläfli („Schläfli & Zbinden“) berichtete über den Verkauf der Tatwaffe Ceska 83. Wer allerdings beim Stichwort früherer Schweizer Waffenhändler an einen geruhsamen Herrn in zweireihigen Blazer (dunkelblau mit Goldknöpfen) und breiter Krawatte dachte, erlebte eine Überraschung: Es erschien ein Mann Mitte vierzig in Jeans, schwarzen Turnschuhen (die mit den drei Streifen) und weißem Hemd, der die ganze Vernehmung über einen dunklen Kurzmantel anbehielt und mit seiner kurzrasierten Frisur samt gestyltem schwarzen Vollbart eher nach Partyveranstalter oder Drogenfahnder aussah.

Zum Ex-Waffenhändler wurde er, weil er 2005 sein Geschäft aufgab – nachdem die gesetzlichen Bestimmungen für Waffenverkäufe in der Schweiz verschärft worden waren. Aktuell sei er im „Transport- und Entsorgungsgewerbe“ tätig, sagte er zu Beginn der Befragung.

Schläfli und sein Kompagnon hatten die Waffe im April 1996 vom Großhändler „Luxik“ bekommen und kurz darauf per Post an einen Schweizer Kunden weiterverkauft. Beides seien ganz normale Geschäfte gewesen, betonte der Schweizer mehrfach: „Nicht unter dem Ladentisch oder im Dunkeln der Tiefgarage“. Der Kunde Anton G. (der der Ladung des Gerichts nicht folgte) habe ordnungsgemäß eine Erwerbsberechtigung der Kantonsbehörde sowie eine Ausweiskopie übersandt, daraufhin habe er die Waffe – wohl mit Schalldämpfer – erhalten. „Also, es muss eine dieser Waffen gewesen sein, die wir als Set verkauft haben“, schloss Schläfli, nachdem er sich vor Gericht noch einmal die entsprechenden Unterlagen seines damaligen Waffenregisters angesehen hatte.

Über Anton G. ging die Waffe nach 1996 über mehrere, von der Bundesanwaltschaft noch nicht vollständig geklärten Stationen, letztlich zu Carsten S., Ralf Wohlleben und dem Trio. Das lange Zeit sehr liberale Schweizer Waffenrecht machte es möglich. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte des Deutschen Terrorismus. Schon die RAF kaufte traditionell Waffen in der Schweiz. Peter-Jürgen Boock reiste mehrfach nach Bern und Luzern – und über Merkwürdigkeiten beim Verkauf der Mordwaffen in den Fällen Buback und Schleyer habe ich hier berichtet. Doch die bekannte RAF-Schweiz-Connection führte zu keiner wesentlichen Verschärfung des Waffenrechts: Bis Ende der 1999er Jahre war es Sache der Kantone, das Waffenrecht zu regeln. Armeewaffen werden in der Schweiz traditionell Zuhause gelagert und ich staunte vor wenigen Jahren nicht schlecht, als ich an einem Freitagnachmittag von Luzern nach Basel mit dem Zug fuhr und einige Schweizer Soldaten, die ebenfalls im Waggon saßen, ihre Gewehre so selbstverständlich wie achtlos in (dafür gedachte oder dazu genutzte) Halterungen im Einstiegsbereich stellten um sodann ohne Blickkontakt ein Kartenspiel zu beginnen. Fahrräder werden nach meinem Eindruck in der Schweiz jedenfalls besser gesichert.

Zum Erwerb der Ceska brauchte Herr G. also 1996 nur die „Erwerbsberechtigung“ und einen Ausweis. Das Original der Berechtigung wurde vom Verkäufer einbehalten – dem Käufer genügte danach der Kaufbeleg als Nachweis. Ein privater Weiterverkauf war von Seiten der Behörden damals unproblematisch, erläuterte Schläfli – solange der Verkauf nicht gewerblich war. Auch das ist eine interessante Parallele zum Kauf der Mordwaffe im Fall Buback 1976: Auch damals hatten die Beteiligten offenbar größere Sorgen um steuerrechtliche Aspekte, als um die Frage, was der Käufer aus Deutschland denn mit den zwei halbautomatischen Gewehren zu tun gedachte.

Es war der unkonventionellen Art des Zeugen geschuldet, dass die Vernehmung im Verlauf komische Züge annahm. Machte sich Schläfli über die Akribie der Befragung lustig oder war es seine zwar korrekte, aber doch leicht subversive Art, die zu folgenden Dialogen führte:

RA Klemke: „Wissen sie, wo sich ihr früherer Mitarbeiter jetzt aufhält?“
Schläfli: „Sie meinen jetzt, in dieser Sekunde?“
RA Klemke: „Natürlich nicht! Ich meine im Allgemeinen, auf unserem wundervollen blauen Planeten“
Schläfli: „Enschuldigung. Sie hatten vorhin um exakte Angaben gebeten!“ (nennt die Straße)
RA Klemke: „Können Sie das buchstabieren?“
Schläfli: „Dachte ich mir, dass sie da nicht verstehen“

Die sprachlichen Missverständnisse gab es aber auch andersherum:

RA Dr. Daimagüler: „Haben Sie einmal Informationen von einem Kunden bekommen, warum er eine Waffe mit Schalldämpfer braucht?“
Schläfli: „Nein, nie. Vielleicht Sammler“
Dr. Daimagüler: „Da kann man sich seinen Teil denken. Danke!“
Schläfli: „Was? Das habe ich nicht verstanden!“
Vorsitzender: „Er hat sich bei Ihnen bedankt.“ (lautes Gelächter)

Was bleibt unter dem Strich: Die Firma „Schläfli & Zbinden“ hat die Waffe unter Beachtung der damals gültigen Regeln an Anton G. verkauft. Der wird nun im Wege der Rechtshilfe vernommen werden – wie auch weitere „Stationen“ der Waffe. Allerdings notierte der Generalbundesanwalt schon in seiner Anklageschrift, wie unwillig und wenig glaubhaft die Zwischenbesitzer der Waffe bei den Vernehmungen durch die Polizei waren.

Schließlich: Wahrscheinlich wurde die Waffe als Set verkauft – was Schläfli übrigens trotz mindestens 21 solcher Sets, von denen heute die Rede war, als einen „sehr seltenen“ Verkauf bezeichnete (was wiederum interessante Rückschlüsse auf den Umsatz des Geschäfts zulässt). Das stützt auf den ersten Blick die Version von Carsten S., es habe den Schalldämpfer als Zugabe gegeben. Allerdings: Ist es plausibel, dass seine Quelle ausgerechnet ein solch seltenes Sammlerset und keine (zudem günstigere) einfache Waffe besorgen konnte? Oder war der Schalldämpfer doch bestellt? Das Thema Ceska wird den Senat auf jeden Fall noch weiter beschäftigen.

P.S. Sofern Herr M. noch sachdienliche Hinweise in dieser Sache hat, möge er sich doch nochmals melden.

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[ Bild ] ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt berichtet über aktuelle Entwicklungen im Bereich des islamistischen Terrorismus in Deutschland, den Rechtsterrorismus des "NSU" und anderer Gruppen sowie rund um aktuelle Entwicklungen zur ehmalige "Rote Armee Fraktion" (RAF). Auch hier nachzulesen: Ältere Berichte vom "Sauerland-Verfahren" gegen die "Islamischen Jihad Union" und der Prozess gegen Verena Becker im Mordfall Buback.

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