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Zschäpe-Anwälte: Schampus als Privatsache

01.08.2013, von

Zschäpe-Anwälte auf der Titelseite

Zschäpe-Anwälte auf der Titelseite

Die Anwälte von Beate Zschäpe residieren im noblen Fünf-Sterne-Hotel – und dort fließt der Champagner für sie auch mal gratis. Das ist heute die Titelgeschichte einer Münchner Boulevardzeitung. Für die Anwälte Wolfgang Heer und Anja Sturm bedeutet das: Maximale Aufmerksamkeit – aber wohl auch maximaler Schaden. Denn im Prozess hatten sie in den vergangenen Wochen ihre Linie gefunden, die anfänglich aggressiv-konfrontative Verteidigung war einem vernünftigen Ton gewichen, oft reichten Blicke zwischen dem Vorsitzenden und Rechtsanwalt Wolfgang Heer zur Verständigung, wo es anfangs seitenlange Anträge gehagelt hatte. Nun werden die Schriftsätze der Anwälte wohl eher an die Kempinski-Gruppe gerichtet. Denn es entsteht der Eindruck, als würden die drei auf Kosten des Steuerzahlers in Saus und Braus leben – was wohl so nicht stimmt.

Die Fakten: Die als Pflichtverteidiger beigeordneten Anwälte von Beate Zschäpe haben sich im Hotel „Vier Jahreszeiten“ eingemietet, ein Hotel der Luxusklasse, das gerne das „erste Hotel am Platze“ in München wäre – es aber nach Ansicht von Einheimischen nicht ist. Dort gab es am Dienstagabend eine Sommerparty als PR-Veranstaltung – an der Wolfgang Heer und Anja Sturm als Gäste des Hauses teilgenommen haben.

Darüber berichtet nun ausführlich die Münchner Abendzeitung und druckt Fotos der beiden Anwälte, die augenscheinlich mit dem Einverständnis der beiden Juristen aufgenommen worden sind. Dazu berichtet die Zeitung über Gratis-Champagner, die horrenden Zimmerpreise und suggeriert, diese müssten vom Steuerzahler bezahlt werden. Das ist allerdings so nicht richtig: Erstens zahlt das Oberlandesgericht allen Anwälten die Unterkunft nur bis zu bestimmten Höchstsätzen. Wenn das nicht ausreicht – was insbesondere in Messe-Zeiten in München immer mal wieder passiert – müssen die Anwälte morgens längere Anreisen aus der Umgebung von München in Kauf nehmen – oder die Differenz zum tatsächlichen Preis selbst zahlen. Zweitens haben die Anwälte nach meinen Informationen für die Dauer des Prozesses eine Art Rahmenvereinbarung abgeschlossen.

Wie ich aus eigener Erfahrung (in einem weit weniger teuren Hotel) weiss, senken solche Vereinbarungen den Zimmerpreis erheblich – insbesondere in den Messewochen. Es ist also wenig wahrscheinlich, dass die genannten Hotelpreise von bis zu 318 Euro pro Nacht und Person zutreffen. Die Staatskasse wird mit solchen Beträgen aber definitiv nicht belastet. Pikanterweise wird in dem Artikel eine Hotelsprecherin zitiert, die bestätigt, dass die Anwälte im Kempinski gebucht haben. Wenn das Zitat echt ist, hat das „Vier Jahreszeiten“ damit virtuell mindestens drei seiner fünf Sterne verloren. In Vorabend-Krimis kann man zwar lernen, wie man Rezeptionisten in Bahnhofshotels mittels kleinerer Geldscheine zur Preisgabe von Gästenamen bewegen kann. Für gehobenere Hotels galt das bislang eher nicht.

Denn wenn es ein Grundgesetz im Hotelgewerbe gibt, dann, dass man nicht und niemals über seine Gäste spricht, solange es nicht explizit anders vereinbart ist. Erst kürzlich habe ich mir bei einem anderen Fünf-Sterne-Hotel die Zähne ausgebissen, als ich eine Bestätigung für die Anwesenheit eines unter Islamismus-Gesichtspunkten sehr interessanten arabischen Prinzen haben wollte. Mit eiserner Lufthansa-Freundlichkeit wurde mir gesagt: Kein Kommentar. Den Zschäpe-Anwälten kann man jedoch dieses Hotel für die Dauer des Prozesses aufgrund der umständlichen Anreise nicht empfehlen – es liegt in Baden-Baden.

Nicht auszuschließen ist, dass das Kempinski-Hotel knallhart die PR-Wirkung kalkuliert hat: Mediale Aufmerksamkeit gegen einen kleinen Diskretionsbruch. Der Sprung auf die Titelseite der Abendzeitung und der seitenfüllende Artikel im Innenteil über die rauschende Party im Luxushotel dürfte für das Hotel kaum mit Geld zu bezahlen sein. Und in Anbetracht der allgemeinen Stimmung gegen Beate Zschäpe, die für weite Teile der Öffentlichkeit bereits als Täterin feststeht, muss das Hotel auch nicht mit übermäßigem Mitleid für ihre Verteidiger rechnen. Zynisch gesprochen scheint es eine ideale Konstellation, so dass die Mediensprecherin des Kempinski möglicherweise doch nicht völlig dilettantisch, sondern extrem kalkuliert gehandelt haben könnte. Oder wollte man die Anwälte los werden? Auch das wird unter Kollegen diskutiert. Angeblich habe das Hotel zuvor die Anwälte gebeten, keine Interviews im Gebäude zu geben. Auf meine Fragen in dieser Sache wollte das Hotel Vier-Jahreszeiten – bzw die Kempinski-Gruppe nicht Stellung nehmen.

Heute Morgen gab es jedenfalls für Wolfgang Heer und Anja Sturm einen Spießrutenlauf: Wohl jeder Beteiligte hatte die Abendzeitung bereits gelesen oder wedelte mit ihr herum. Oberstaaatsanwalt (BGH) Jochen Weingarten diskutierte den Artikel vor dem Haupteingang mit den Sprecherinnen des Oberlandesgerichts, den Richterinnen Margarethe Nötzel und Andrea Titz. Nebenklägeranwälte plünderten die Zeitungsboxen vor dem Gericht, vereinzelt wurde erwogen, ob man für einen derartigen Artikel Geld in die Box werfen müsse. Auch bei den Wachtmeistern und unter uns Journalisten war der Bericht das Thema des Morgens. Wolfgang Heer erklärte, ob er auf eine Party gehe, sei seine Privatsache. Was prinzipiell sicher richtig ist. Aber der Anwalt der wohl derzeit prominentesten Angeklagten in Deutschland rückt eben auch in das Licht der Öffentlichkeit. Bislang schien das den drei Anwälten auch nicht viel auszumachen. Heute war das anders.

Als Anja Sturm in den Verhandlungssaal kam, lag die Zeitung demonstrativ auf dem Tisch von Ralf Wohllebens Verteidigerin Nicole Schneiders. Sturm und Schneiders sprachen kurz miteinander (nicht gerade üblich) – woraufhin Schneiders die Zeitung so zusammenklappte, dass das Titelbild nicht mehr zu sehen war. Anja Sturm schien wenig amüsiert.

Heute Nacht war sie noch guter Laune: Kurz nach Mitternacht twitterte Anja Sturm unter Verwendung vieler Ausrufezeichen, dass die neue Internetseite ihrer gemeinsamen Kanzlei mit Wolfgang Heer online sei. Vielleicht hatte sie da die Abendzeitung noch nicht gelesen.

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Kommentare zu „Zschäpe-Anwälte: Schampus als Privatsache“

Es sind 8 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. LoVo
    schreibt am 1. August 2013 14:53 :

    Also wenn ihre Verteidiger es trotz des großen Druckes von Medien, Kollegen und Politik, es schaffen sollten, das sie praktisch gesehen frei kommt, also Bewährung oder geringe Strafe unter Anrechnung der U-Haft, sei es auch nur nach dem Rechtsmittel-Verfahren, sollte man ihnen wirklich zur Belohnung/Erholung einen längeren Aufenthalt in einem sehr guten Hotel sponsern. Dann hätten sie sich das redlich verdient und würden meiner Meinung in eine Art »Königsklasse« der Strafverteidiger, also für eigentlich »Aussichtslose Verfahren« aufsteigen. Eine Art Strafverteidiger-Orden «Für hervorragende Leistungen bei der Strafverteidigung« gibt es ja wohl leider bisher nicht.

  2. herbert schmitt
    schreibt am 1. August 2013 17:33 :

    die 3 anwälte sind schon lange gäste im hotel vier jahreszeiten und das personal hofiert die 3 wie könige. sobald einer aufsteht, wird der stuhl zurechtgerückt vom kellner und die 3 genießen es!

  3. Werner
    schreibt am 1. August 2013 20:49 :

    Anwälte verdienen bekanntlich sowieso zuviel und just seit heute (Inkrafttreten des 2. KostenRMoG) ja auch nochmal durchschnittlich 12% mehr als bisher schon!!

  4. herbert schmitt
    schreibt am 2. August 2013 07:11 :

    auch wenn es einen pauschalbetrag für die hotelkosten gibt, und die differenz aus der eigenen tasche bezahlt werden muss, dann bezahlt es der steuerzahler, denn die 3 anwälte beziehen ihr gehalt vom staat und die differenz für das hotel wird davon bezahlt. ein zimmer im „vier jahreszeiten“ kostet über 320 € mindestens. und die 3 wohnen schon seit prozessbeginn dort. fr. sturm ist alleinerzieherin, und kann sich trotzdem diese nobelherberge leisten. sie werden dort vom personal sehr königlich behandelt und das gefällt frau sturm. ein billigeres hotel, also wo sie nix zuzahlen müsste, käme für sie nicht infrage.

  5. Sebastian
    schreibt am 2. August 2013 11:36 :

    Ich frage mich erstens, warum sie ein billigeres Hotel nehmen sollten, wo sie nichts zuzahlen müssen. Wenn die Anwälte zuzahlen wollen um dafür einen gewissen Luxus geboten zu bekommen, dann ist das ihr gutes Recht und geht auch nur die etwas an.

    Zweitens sollte man nochmal bedenken, was der Autor zu Rahmenvereinbarungen und entsprechenden Rabatten gesagt hat. Es weiß also in Wirklichkeit niemand, was die besagten Anwälte dort zahlen.

    Drittens muss ich Werner widersprechen. Die Aussage, dass Anwälte „zu viel“ verdienen ist schlicht pauschal und darüber hinaus all zu oft auch unzutreffend. An anderer Stelle wurde bereits betont, dass man insbesondere als Pflichtverteidiger in einem Verfahren wie dem vorliegenden nicht wirklich reich wird. Und wer auf die Erhöhung der Vergütung abstellt, der sollte dann wenigstens die Ehrlichkeit haben und mal schauen, über wie viele Jahre diese Vergütung nicht erhöht wurde. Die Anpassung die nun erfolgte war längst überfällig!

  6. JLloyd
    schreibt am 2. August 2013 16:55 :

    Ich vermute stark, dass eine erwähnte Rahmenvereinbarung mit der Kempinski-Gruppe abgeschlossen wurde. In der Tat dürfte es in einem solchen Hause einfacher sein abgeschirmt zu leben & zu arbeiten als z.B. in einem (in München auch sehr guten) Vorstadthotel. Egal, solange es keine Presseabsprachen à la Mölln- oder Solingen gibt (Damals zahlten die Boulevard-Blätter erstklassige Anwälte (, die auch zwingen nötig waren, um die Angeklagten gegen die Einser-Juristen der BAW zu verteidigen) und bekamen im Gegenzug Exklusivinterviews) dürfte eine Rahmenvereinbarung nicht zu beanstanden sein.

  7. Sebastian
    schreibt am 3. August 2013 08:27 :

    Endlich taucht das Phantom wieder auf: Der Einser-Jurist. 😉

  8. Stefan
    schreibt am 3. August 2013 08:54 :

    Sehr geehrter Herr Schmidt,

    ich finde Ihren Bericht sehr gut. Endlich mal richtig gut geschrieben.
    Es kann nicht angehen das die Anwälte wohl kein privat Leben haben dürfen, dazu wie Sie gut geschrieben haben gar nur einen Teil vom Steuerzahler gezahlt wird.
    Bin das 13 mal bei dem Prozess dabei gewesen und finde mich auf Ihrer Seit immer sehr gut aufgehoben. Wenn mich mich jemand fragt wo kann ich gute Quellen über den Prozess finde sage ich immer er soll auf Ihre Zeite sehen.
    Bitte machen Sie in Zukunft weiter so!!

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